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Laufberichte

Högschte Disziplin

12.06.10

Am Ende des Tales liegt Oberramsern, Ziel der Marathonläufer. Unser Kilometerzähler zeigt jetzt 38,5 Kilometer. Meine Durchgangszeit ist 3.42 Stunden. Es scheint, dass ich jetzt meinen 6er-Schnitt habe. An einem Vorgarten beugt sich ein Läufer über den Zaun. Zuerst höre ich Würgegeräusche, dann kübelt er hinterher. Da wächst nix mehr. Schnell weiter.

Es folgt wieder eine längere Steigung. Wir müssen aus dem Limpachtal heraus. Rund 100 Höhenmeter bis Buechhof (Kilometer 45). Irgendwo dazwischen wird die Marathongrenze überschritten. Jetzt wird der Marathon zum Ultra. An einer Weide plärren Kühe. Eine davon mit heißerer Stimme, ganz hell im Ton. Man könnte fast meinen, es ist Geisterstunde, obwohl diese schon vorüber ist.

Ravitaillement P3, das ist das französische Wort für Verpflegung. In Buechhof ist wieder Futtern angesagt. Ein paar Meter weiter schläft ein Bub in den Armen seiner Mutter. Müde? Geht nicht bei uns! Augen auf. Und högschte Konzentration!

Müde? Geht nicht!

Ein Stück nach dem Ort Jegenstorf überschreiten wir Kilometer 50. Die Hälfte ist geschafft. Ein Pärchen mache ich auf die Halbzeit aufmerksam. Mehr als ein „ja“ kann ich den Schweigsamen nicht entlocken. Es ist zwei Minuten vor drei. 4.58 Stunden Laufzeit. Jetzt passt das Renntempo.

In Kernenried hocken vier Gören auf einer Gartenmauer. „Müsst Ihr denn nicht ins Bett?“ frage ich, worauf ich ein lautes Kichern und ein „Nee“ ernte.

Kilometer 56, Kirchberg, einer der drei Punkte, wo die Ultras mit Wertung ihrer Zeit aussteigen können. An der Tankstelle ein bekanntes Gesicht. Daniel führt Buch über seine Trinkgewohnheiten für die medizinische Studie, an der er teilnimmt. Bei mir müsste da noch eine Zeile für Bier vorgesehen sein! Das erbettele ich mir nebenan in der Festwirtschaft. Wir wechseln ein paar Worte, dann lasse ich ihn hinter mir. Er muss zudem noch seine Stirnlampe auspacken. Ich will nicht zuwarten. Er kommt vielleicht noch von hinten.

Später werden die Begleitradler umgeleitet, es geht nämlich auf den Emmendamm, der auch mehr oder weniger liebevoll von den Läufern Ho-Tschi-Minh-Pfad genannt wird. Anfangs ist er noch gut belaufbar, doch dann wird es übel. Langes Gras, Wurzeln, grobe Steine, herabhängende Zweige. Nach oben ist das Blätterdach dicht. Ohne Stirnlampe problematisch. Man könnte stolpern, vom Weg abkommen und vielleicht hinunterkugeln. Dann die Gefahr einer Verletzung, vielleicht in Brennnesseln oder im Morast landen. Tempo verlangsamen ist erste Pflicht. Manche Läufer sind jetzt in ein Marschtempo gewechselt. Keine schlechte Idee.

Unterbrochen ist der Pfad durch eine V-Stelle bei Utzenstorf (Kilometer 62,5). Dort erbitte ich mir von übriggebliebenen Zechern einen Schluck Bier, fotografiere diese und stelle als Dank die Möglichkeit der Veröffentlichung ins www in Aussicht. Mal ein anderer Geschmack als immer nur Cola und Iso, auch wenn der Alk sofort in die Birne geht.

In Gerlafingen (Kilometer 67) endet das üble Wegstück. Die Begleitradler warten links und rechts der Strecke. Die V-Stelle wurde hier sogar mit Blumenschmuck ausgestattet. Da habe ich högschten Reschpekt.

Grausen im Morgengrauen

Kilometer 70, es ist jetzt zehn nach Fünf. Von der Dämmerung ist fast noch nichts zu sehen. Die Bewölkung schirmt ab. Einzelne Vögel singen schon. Ab Gerlafingen geht es immer leicht bergauf. Wir laufen an einem Gewässer entlang. Die Helfer an den Trinkstellen sind weiter eifrig dabei. Auch wenn man da mir meinen Wunsch nach Bier nicht stillen kann. „Sie sind ein Läufer“, damit versucht man mir das zu erklären.

Bibern, Kilometer 76,6. Es ist kurz vor 06.00 Uhr. Wieder eine Tankstelle. Danach wird’s grausam. Eine üble Steigung mit etwa 10 Prozent Steigung. Ich habe was von 500 Metern Länge gehört. Fast ausschließlich wird marschiert. Ich kann einen überholen. Einen Radfahrer, was mich in der Platzierung nicht entscheidend voranbringt.

Aber nach jedem Aufschwung muss es wieder gefällig werden. Das folgt im Anschluss. Die Stafetten jagen hier hinunter wie die Feuerwehr. Die Ultras müssen jedoch auch hier langsam machen, schnell ginge es eh nimmer. Kilometer 81, Arch, ach, nicht mal mehr ein Halbmarathon wartet.

Wir laufen nun ein längeres Stück entlang der Aare. Wenige Leute kommen uns entgegen. Aber die unterwegs sind, die haben ein Wort der Anerkennung übrig. Was mich auch beeindruckt, dass uns überholende Frauen ebenfalls ansprechen. Immer wieder höre ich „heja, heja“ und „supr“. Wobei die Schweizer bei diesem Wort gerne das „e“ verschlucken.

 
 

Informationen: Bieler Lauftage
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