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Laufberichte

Karl der Große und die Roten Teufel

 

„Curtis Zilin“ ist spätlatein, bezeichnet einen eingefriedeten Wirtschaftshof. Den Ort nennt man nun Zeil am Main. Spätlatein ist die Sprache der Karolinger, dem Herrschergeschlecht, das ab 751 das Frankenreich regierte. Wir befinden uns in der Region Mainfranken. Prominentester Vertreter der Karolinger ist Karl der Große.

Hubert Karl ist dem Namen nach Nachfahre des Karolingers, Veranstalter des Zeiler Waldmarathons und Trainer der Roten Teufel. Letztes Jahr absolvierte er seinen 150.000 Laufkilometer, also viermal den Weltumfang. 17mal hat er den Spartathlon gefinisht, nur Gerhard war mutmasslich öfters dort – zumindest am Start.

Und jetzt kommt der Hammer: Außer Brennesseltee, trinkt Hubert Karl am Tag mindestens zwei Liter Bier der heimischen Brauerei. Gerade die B-Vitamine seien wichtig: "So wird regelmäßig das Gefäßsystem gereinigt!“ Die örtliche Brauerei stellt auch alkoholfreie Sorten her.

 
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Die Startnummernausgabe ist immer beim Hallenbad. Das ist leicht zu finden. Man orientiert man sich am Hexenturm, der ist nicht zu übersehen. Im ehemaligen Stadtturm ist das Dokumentationszentrum zur Hexenverfolgung. Gegenüber ist das wuchtige Jagdschloß des Fürstbischofs von 1695, bei den Bürgern Raubritterburg genannt, weil jetzt das Finanzamt den Bau besetzt. Vor dem Rathaus sind ein Pranger und die Bamberger Elle zu sehen, die mittelalterliche Maßeinheit (67 cm).

Die Fachwerkhäuser sind im landestypischen Baustil errichtet. Am Jörg-Hoffman-Haus von 1689 sieht man an den dunkelgrünen Brüstungen der ersten Etage Fratzengesichter und Pferde. Die Fenster haben schneckenförmige Verzierungen und zeigen Reben und Trauben, an deren Fuß Drosseln sitzen.

Ich mache einen kleinen Rundweg durch die Stadt, Teil des 930 km langen Marienweges, gut ausgeschildert mit der Muttergottes im roten Kleid mit Kind im blauen Gewand. Es geht durch Torbögen und entlang von Mäuerchen, rund um die Kirche St Michael, bis zurück zum Hallenbad.

 
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Mit dem Auto soll man nicht dorthin, man soll auf den  Parkplatz „Am Tuchanger“ parken. Tuchanger bedeutet, dass hier Tuch hergestellt wurde. Wahrscheinlich stand hier eine Walkmühle, deren ehemaliger Zulauf (Schlaggang) nun den Stadtsee speist. Rund um den Stadtsee, an dem man vorbei gehen muss, um zum Hallenbad zu kommen, sind die  Grabengärten, frühe mittelalterliche Schrebergärten.

Wer mit der Bahn anreist, der findet rechts vom Ausgang des Bahnhofgebäudes  das Strassenschild „Am Brennofen“. Was sich anhört, wie der Ort einer ehemalige Metallschmelze, ist eine bestialische Erfindung der Menschen vor 400 Jahren.  Während man im übrigen Deutschland vor den Augen der Bürger Hexen und Hexer an Pfähle kettete und verbrannte, „musste“ man in Zeil am Main soviele Menschen verbrennen, dass die Wälder bald abgeholzt waren. Deswegen baute man den Ofen, der sparte Holz, das man bald importieren musste. Das Geld dafür musste die Verurteilten aufbringen. Waren die Verurteilten kooperativ, wurde ihnen vor dem Verbrennen der Kopf abgeschlagen. Der Brennofen hatte zwei gußeiserne Türen. Oben kam der Gefesselte hinein, unten das Holz. 1852 wurde der Bau abgerissen, um der Eisenbahn Platz zu machen. 1970 fand man bei Ausschachtung für das Gewerbegebiet noch Reste der verbrannten Ziegelsteine. Jetzt steht hier - Ironie der Geschichte - das Kesselhaus eines Möbelwerkes.

Hat man seine Startnummer beim Hallenbad abgeholt, kann man sein Auto vom Tuchanger holen und zum Startort fahren. Oder man wartet auf die Kleinbusse, die den ganzen Tag den Shuttelservice aufrechterhalten. Oder man geht zu Fuß die etwa 1,5 km bis zum Parkplatz Setzbachbrunnen. Dann sind es nochmals 600 Meter hoch, vorbei an den bewirtschafteten Fischteichen bis zum Startpunkt.

 
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Hier begann 1983 die Laufkarriere von Hubert Karl, dem Ausrichter des Zeiler Waldmarathons. Er wollte sich eigentlich nur auf dem Trimm-Dich-Pfad etwas Kondition für die Fußballspiele mit dem FC Ziegelanger antrainieren. Nun ist seine Laufstrecke ausgewiesen, während der Trimm-Dich-Pfad nur noch anhand rudimentärer Schilder erkennbar ist. Hubert Karl läuft wie immer den Marathon mit, ist sehr konzentriert. Ich bekomme von ihm kein vernünftiges Foto, er wird eine 3:44 errreichen.

10 Uhr Start für etwa 200 Marathonläufer. Sogleich geht es 2 km den Schlossberg hinauf. Ein Schloß gibt es hier nicht, gemeint ist wohl die Burg Schmachtenberg, einen relativ jungen Burgbau (etwa 1420). Ein Bollwerk  gegen die Hussiten, eine protestantische Bewegung aus Böhmen, die nach der Verbrennung ihres Reformators Jan Hus und der (deutsch) kaiserlich-katholischen Niederlage bei Pilsen sich nach Westen orientierte, um uns die Pilsener Braukunst zu bringen.

Jeder läuft hier hoch, denn das Ende der Steigung ist bekannt: Der Dreiländerstein. Das ist ein Gedenkstein, der an die Ländereien, die existierten, bevor Napoleon sein „Jahrhundertwerk“ (nichts anderes bedeutet „Säkularisierung“), vollbrachte, erinnert.  

Der Grenzstein markiert die Grenze zwischen Bier- und Weinfranken. Hubert Karl gibt uns deswegen sowohl Bier- als auch Weinflaschen mit auf den Nachhauseweg. Das dritte Getränk markiert die Apfelweinregion. Aber da Apfelwein das Getränk der armen Leute ist, wird es nicht mehr erwähnt.

 
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Auf der Bischofsheimer Höhe gibt es die Gemarkung  „Drudenhang“, wo das Brennholz für die Hexenverbrennungen herkam. Dank dieser spätmittelalterlichen Arbeit haben wir heute einen schönen Überblick über die herbstlichen Felder, die im Grün des Markstammkohls leuchten. Diese Kohlsorte wird dem Vieh gegeben. In Marokko ist er Bestandteil schmackhafter Tajine-Gerichte. Linker Hand könnte ein sehr hoher Holzberg darauf hinweisen, dass die Eingeborenen noch heute gerne mit dem Feuer spielen. 

Wir sind im Naturpark Haßberge. Das ist jetzt aber kein Hinweis darauf, dass man sich hier nicht mag. Die Bezeichnung ist wortmäßig dem Begriff „Hessen“ zuzuordnen. Früher nannte man die Berge „Hassi“.  Hassfurt ist also der Übergang der Hessen über den Main, und Frankfurt der Übergang der Chinesen vom Flughafen in die Innenstadt.

Wir laufen einen etwa 8förmigen, 21,1 km langen Kurs – und den zweimal -, immer auf  normalen, steinfreien Waldwegen. Alles rotbraungefärbter Buchenwald.  Zu sehen gibt es: Nichts. Nur Wald. Deswegen erzähle ich heute mehr über den Ort, als über den Lauf. Der Lauf lebt zum einen von den Stammläufern, die sich im schönen Mainfranken ein Wochenende Ruhe gönnen, und sich am Morgen bei mir über das reichhaltige Angebot Weinfrankens kopfschmerzmäßig beschweren, zum anderen von jungen Nachwuchsläufern, die recht flott unterwegs sind und die 840 HM locker und ohne Ausrede absolvieren.

Sonst gibt es nichts zu sagen, schon gar nicht zu sehen! Ich erwähnte es bereits. Aber es sind Schilder mit lustigen Sprüchen aufgestellt. Manche, wie „Keine Gnade für die Wade“ oder „Jetzt umdrehen, wäre auch blöd“, stammen noch aus der Zeit, als ich noch nicht läuferisch unterwegs war.

 
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Bei „Ist Dir kalt? Lauf im Zeiler Wald!“ ist das „Dir“ großgeschrieben. Alle Achtung! Neu ist: „Run an dem Speck!“ ist gut, leider grammatisch falsch, weswegen ich auf den nächsten Kilometern einiges zu denken habe. Das gibt sich, als mich Merili überholt. Sie ist 14 (!), schaut nicht links oder rechts, läuft wie ein Uhrwerk und spricht eine nordische Sprache.
Noch hoffe ich, dass ich sie in der zweiten Runde dank meiner reichen Erfahrung, immerhin laufe ich gerade meinen 299. Marathon/Ultra, wieder einholen werde. Aber…

… in der zweiten  Runde bleibe ich alleine. Dankenswerterweise gibt es kurze Begegnungstücke auf der Strecke, da kann ich wenigstens wenige Bilder mit Läufern darauf schiessen. Ansonsten muss ich registrieren, dass dieser Waldmarathon schnelle Läufer gerufen hat. Die Verpflegungsstellen sind absolut gut bestückt und so zahlreich, dass ich ein paar Sekunden gutmachen kann, indem ich einfach einige davon auslasse.

Stunden später, ich habe Merili nicht mehr eingeholt, kommen mir zwei Medaillienmädchen auf dem letzen Kilometer entgegen. Sie muntern mich auf, mit Sprüchen, wie: „Das schaffen Sie schon!“  Tja….  Dann laufe ich mit den zwei Mädchen zusammen ins Ziel.

Erlebt habe ich so eine Laufbegeisterung bei Jugendlichen bisher nur in Marokko. Echt süss!  Die Jüngere ist ganz schnell wieder nach oben gefetzt, um den nächsten Läufer abzufangen. Die Ältere legt mir die Medaille um meine verschwitze Birne und ist begeistert, als würde sie den Sieger küren. 

Die Halle ist brechend voll. Es gibt unglaublich viele Klassensieger und unglaublich viele Preise zu verteilen. Und wer kein glücklicher Sieger ist, ist glücklicher Läufer. Ich habe vergessen die Reihe der Sekt- und Weinflaschen zu fotografieren. Läufergruppen bekommen fränkische Spezialitäten: 30 Liter Bier und nen fetten Schinken. Platz fünf bekommt immerhin noch 10 Liter Bier!

Ich sage Euch eins: Wer ein wenig (wirklich nur ein gaanz klein wenig) schneller ist als ich, der fährt mit einem dicken Überschuss nachhause. Ein Ausflug ins Mainfränkische lohnt sich halt immer.

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Eike Loch  LAC Quelle Fürth 02:42:26 
2 Adam Zahoran  LG Bamberg  02:43:26 
3 Daniel Michl  Djk Weiden 02:59:18

Frauen

1 Karin Müller TV Zeil 03:42:09
2 Julia Derbfuß IfA Nonstop Bamberg 03:49:48
3 Anette Gerstner-Hartmann LG Würzburg 03:55:26

181 Finisher

 

 

 

Informationen: Zeiler Waldmarathon
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