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Mønsted-Kalkgruben-Marathon

13.05.10
Autor: Joe Kelbel

Von 0 auf Platz 1 - der Marathon-Shootingstar!

Das Leuchten steht  ihm in den Augen, als Kim Smitt mir vom Untertagemarathon in Sondershausen berichtet. Was die Läuferwelt nicht weiss: In Dänemark gibt es die größte Kalkmine der Welt und Kim will Sondershausen jetzt in Dänemark haben. Was die Läuferwelt wissen soll: Er hat Sondershausen übertroffen!

Die Mønsted-Kalkgruben und die kleineren Daugbjerg-Minen  liegen in Jütland, in Dänemark, 14 km westlich von Viborg, 4 Std von Hamburg entfernt.

Vor 135 Millionen Jahren war Dänemark von einem seichten Meer bedeckt, in dem winzige Algen mit Kalkschale lebten. Beim Absterben sanken sie zu Boden und bildeten mit der Zeit riesige Ablagerungen. Die jüngeren Ablagerungen wurden zu Kalk, die älteren zu Kreide. Die Kalkschicht ist 75 Meter stark, in ihr lagert eine 25 cm starke Feuersteinschicht. Feuerstein entstand durch Anreicherung  der Kalkschicht mit  Kieselsäure und Verdrängung von Karbonaten. Relikte von Schalen und Skeletten von Kieselschwämmen und Kieselalgen im Feuerstein belegen den organischen Ursprung.

Aufgrund der Härte, einer berechenbaren Spaltbarkeit und scharfen Schlagkanten wurde Feuerstein in der Steinzeit für Werkzeuge und Waffen verwendet. Bei starken Schlägen auf den Stein entzündet sich eine Schwefelverbindung, die aus dem organischen Ursprungsmaterial entstand.

Die Mønsted-Kalkgruben sind  im Zuge der Christianisierung Dänemarks vor 1000 Jahren entstanden. Missionare brachten das Wissen um die römische Art, dem Mörtel zur Festigkeit Kalk beizumischen, nach Norden und bauwütige Bischöfe bauten immer mehr Kirchen. Beim Dorf Mønsted drückte ein Salzstock den Kalk nach oben und machte den Abbau leicht.

Die Bauern hats gefreut, sie förderten im Winter den Kalk, wenn die Arbeit auf den Feldern ruhte . Um Morast und Matsch zu meiden, baute man schließlich unterirdische Gänge und Schächte. Später merkte man, dass der Naturkalk den ph-Wert des Ackerbodens aufbessert und den Nährstoffhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringt. Die rege Förderung des Materials machte die Mønsted-Kalkgruben zu den größten Kalkminen der Welt. Das unterirdische System umfasst Gänge von insgesamt 60 km Länge, die in bis zu sechs Etagen übereinander liegen. Es gibt riesige Hallen, Bäche und Seen. Seit 1955 ist die Grube stillgelegt. Nun ist sie Besucherbergwerk und vor allem Lagerstätte für den besten Höhlenkäse der Welt.

 
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180 Marathonläufer, davon 6 Deutsche treten an, 30 werden von der Strecke gefressen. Viele Läufer gehören dem 100 MC Dänemark an, sie sind heute Nacht über 80 km  hierher gelaufen, um bei den Kalkminen noch einen drauf zu setzen. Alles gutaussehende, junge  Läufer, allein der Deutsche Sven, der uns hierher gefahren hat,  wird unsere Ehre mit Platz 7 retten können.

Christine hat mithilfe von Übersetzungsprogrammen versucht, die Website des Veranstalters zu übersetzen. Letztendlich gehen wir von einem gemütlichen, flachen Kurs im Inneren der Erde aus. Versorgungsstationen, Untergrundbeschreibung oder sonstige Infos haben wir nicht. Egal, Start 13Uhr, 6 Std Zeitlimit - das reicht, mehr brauchen wir nicht zu wissen. Lampe? Helm? Unsicherheit macht sich breit.

Kurze Besichtigungstour der Strecke: Die Daugbjerg-Mine, direkt im Start-Ziel-Bereich:

Man gelangt nur stark gebückt hinein. An der Decke hängen Mumien, als hätte eine Riesenspinne ihre Vorräte aufgehängt, es sind Fledermäuse. Die Höhlen beherbergen mehr als 10.000 Fledermäuse, fünf Arten. Im Frühjahr verbreiten sie sich über ganz Jütland, sie bemerken uns nicht, zu tief ist ihr Schlaf.

Der Startplatz vor den Ohren der Bib-Chip-Firma bleibt ein Vakuum, niemand drängt sich vor, alle wollen möglichst weit hinter stehen.

 
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Ein schmaler Pfad nach oben, ein sandiger Weg am Waldrand, schnell zieht sich das Läuferfeld auseinander. Kim, der Initiator, sagt, wir hätten einen Höhenunterschied zwischen 500 und 2000 HM zu bewältigen, aber das ist uns egal, was sorgt  uns die Strecke, wir haben ein großartiges Ziel!

Nach 5 km ein Wasserstand und wir biegen  in ein altes Minengelände ein. Die Minen von Mønsted. Links und rechts gewaltige Abraumhalden, wir laufen auf den schwarzen Eingang zu, gespannte Erwartung. Kein Vergleich zu Sondershausen, hier herrschen durchgängig 8 Grad. Es ist gut ausgeleuchtet mit Bau-und Grubenlampen und Kerzen, ein riesiger löchriger Käse ist das hier, mit glasklarem Wasser überall. Ich komme mir vor wie Tom Sayer in der Douglasmine und erwarte hinter jeder Kurve den Indianer Joe. Oder bin ich das?

 
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Die Schleife durch die Mine ist etwa 700 Meter lang, hat es aber in sich: Hoch zieht man sich an Seilen, runter stolpert man über Unebenheiten, hinter einer Kurve Phärenmusik aus großen Lautsprechern und wieder raus aus der Höhle. Atemnebel setzt sich vor die Linse und gibt den Fotos einen Milchschleier.

Aber das ist Klasse, dieser Blitzeindruck der Unterwelt. Was passiert nun? Den Weg rauf, links auf die Abraumhalde, ich schmeiss mich weg!  Ich schau da hoch, es scheint der höchste Berg Dänemarks zu sein, mein Läuferherz lacht! Die Streckenführung ist eine Mischung aus Strong-man-run und Bundes-Jugend-Spiele und ich will da hinauf! Ich liebe diese irrwitzige Herausvorderung, diese verrückte Streckenführung. Oben gibt es Süßigkeiten, dann geht es an einem Seil abwärts, hoch und runter durch Karsttrichter und einer schönen Landschaft.Ein riesigers Lüftungsrohr verströhmt leckeren Duft von Höhlenkäse aus tiefliegenden Kellern. Ich mache sinnlose Fotos von Babyziegen, die ich später löschen werde, stiefel den blütenweissen, possierlichen Tierchen sogar durch‘s Unterholz nach und verliere wertvolle Zeit.

Rechts alte, rostenden Schaufeln und so. Ein glasklarer See, aus dem versunkene rostige Dinge rausschauen. Ich denk, es geht zurück, da werde ich zurück in die Mine gescheucht. Also, nochmal rein. Nochmal in Ruhe anschauen: Unebener Boden, viele Steine, lange, kunstvoll illuminierte Holzstege über glasklares Wasser, die eine gruselige Schrittmelodie erzeugen und hin und wieder ein Helfer, der wie in der Geisterbahn hinter dem nächsten Fels steht und uns per Taschenlampe den Weg weist. Seil zum Hochziehen, Holzgestell, damit nichts von oben runterfällt, abwärts, aufwärts, Kopf einziehen, Phärenmusik.

Ich komm raus und bin begeistert. Berg hoch und rein in die alte Ziegelbrennerei. Wasser, zwei Sorten Bier, Gummifledermäuse, Schnittchen, Marshmallows, Erdnüsse, riesige Behälter mit Tee und Kaffee, eine Band spielt, Angehörige sitzen an Biertischen, ich muss weiter.

 
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Der Weg zurück zum Start-Ziel Berich bei den Daugbjerg-Minen  zieht sich. So wie sich das Universum unaufhörlich ausweitet, so dehnt sich diese sandige Wegstrecke, eigentlich für Langstreckenläufer eine behagliche Theorie, doch mein Körper ist gezeichnet vom Doppelultra am Rennsteig vor 3 Tagen und dem passt diese Ausdehnung gar nicht.

Rechts geht es einen wunderbaren Weg in den Wald, niedliche Buschwindröschen zwischen lindgrünen Bäumen, rein in die Karsttrichter und wieder raus, hoch und runter, es tut weh, ein Sanitäter überwacht die Tortur. An einem Seil geht es steil abwärts. Start/Zielbereich, nein, rechts rum, links rum , hoch und runter

Ich denk ich bin durch, da drückt mir einer einen Helm in die Hand und scheucht mich in die Daugbjerg-Mine. Tief gebeugt, die Arme hängend, über mir hängen die Vampire, so laufe ich durch das Labyrinth in einer grotesken Art und fühle mich  wie der Hauptdarsteller im „Planet der Affen“.

Tim sagt mir, am Ende der Höhle gibt es Bier und Höhlenkäse. Als ich beides rieche, hebe ich den Kopf und hau mir den Schädel an, es wird heute noch exakt 6mal passieren, aber ich habe zum Glück den Helm.

Raus aus der Höhle, den vollgeschwitzen Helm abgeben, und die nasse Mütze wieder drauf, so renne ich hoch zu den Bib-Chip-Ohren und traue meinen Augen nicht: 1:19 für 10 Km! Unglaublich, denn ich habe das Gefühl, schon 20 km gelaufen zu sein. Ran an den Verpflegungsstand, da steht eine Menukarte, ich aber kralle mir meine Grundnahrungsmittel  Bier und Erdnüsse statt Schokolade und Kuchen und begebe mich in die zweite Runde.

Die zweite Runde macht wieder richtig Spass, aber hat es in sich: Universum, erste Runde durch die Mønsted-Kalkgruben, wo ich idiotischerweise wegen eines dämlichen Fotos, was ich nachher lösche, nasse Füße bekomme (es war eiskalt und super erfrischend), höchster Berg Dänemarks, wieder rein in die Kalkgruben, und Geisterbahn, da wieder ein Helfer dort mit der Taschenlampe steht, mal ist es ein Jüngling, mal die Sanitäter, mal eine blonde Hübsche, aber immer jemand anderes, denn niemand hält es hier unten lange aus. Phärenmusik, und wieder raus und hoch in die Brennerei. Bier, Würstchen, Kaffee, Gummifledermäuse, Kuchen, es gibt alles.

 
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Raus aus der Brennerei, rein in das sich immer weiter ausdehnende Universum, Buschwindröschen, Helm auf  und rein  in die Daugbjerg-Minen , Bier, Salamibrote mit Schmalzunterlage und hoch zu den Bip-Cip-Ohren, da steht Kim, der Initiator und winselt nach Gnade. Ich habe ihn nicht wieder gesehen.

 
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Dritte und vierte Runde machen immer noch Spass, weil der Kurs absolut bekloppt ist und ich das Ziel greifen will. Ich will von der einen Erschöpfung in die nächste, es gibt keine Schmerzen, es gibt nur die Freude über bewältigte Probleme und ein grandioses Finish. Die Sehnsucht nach der Qual macht das Ziel wertvoll, 4 mal gebückt durch die Daugbjerg-Minen, 4 mal mit pfeifenden Lungen auf die Abraumhalde mit Ziegen und Käseduft, 8 mal Mønsted-Kalkgruben,  und nach 5:47 ist das Ziel  mir! Es ist mir egal, ob es 500 bis 2000 HM waren, es war ein absolut geiler Lauf. Eine hübsche Dänin drückt mir eine Fledermaustrophäe in die Hand und ich mir einige Becher Bier.

Die Website des Kalkminenmarathons ist leider nur auf dänisch, egal, es gibt glücklicherweise eine zweite Auflage, nächstes Jahr an Vatertag! Kim! Mir steht das Leuchten in den Augen, wenn ich an Deinen Mønsted-Kalkgruben-Marathon zurückdenke!

 


 

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