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Laufberichte

Die Hafenstadt in Bayern

 

Im März entdeckte ich eine alte Inschrift, da wurde Würzburg mit „tz“ geschrieben. Die Germanen nannten ihre Stadt Virteburh (gesprochen: Wirteburch), also Burg der Würze. Wer also „Würtzburg“ schreibt, der hat germanisches Blut in den Läuferbeinen.

„Würzburg“ bezeichnet die keltische Burg auf dem Marienberg. Der Marienberg hat ein eigenes Klima, auf dem wundersame Kräuter wachsen, die man ins Bier und den Wein geben kann. Eine Kräuterart setze sich im Mittelalter durch: der Hopfen, der dort oben wild wuchs.

Würzburg ist mit der Bahn super schnell zu erreichen, dank der Bayern. Die bekamen im Ausgleich zu den Gebietsverlusten in Tirol das Großherzogtum Würzburg geschenkt. Ein Glückfall für Würzburg, denn Bayern finanzierte die Bahnlinien. Seitdem liegt Würzburg im Schnittpunkt der Schnellstrecken aus allen vier Himmelsrichtungen. Es gibt nur einen Bahnhof in Würzburg, den man trotzdem Hauptbahnhof nennt, dort kaufe ich mir ein …. Fischbrötchen.

Von hier sind es 200 Meter über den Röntgenring bis zum Haus Nr. 8, wo Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die nach ihm benannten Strahlen entdeckte. Vor dem Museum entsorge ich die Reste des Fischbrötchens. Wilhelm würde jetzt sicherlich auch mit der damaligen Technik die nun fetten Würmer in meinem Bauch lokalisieren können.

 

 
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Nach 15 Minuten bin ich am Mainufer, dort ist das CCW, das Congress Centrum Würzburg, wo  es die Startunterlagen gibt. Bis in die 80er Jahre befand sich hier der städtische Schlachthof. Zwischen Eisenstangen eingepfercht, wartete das Vieh auf die Hinrichtung. Heute geht das menschlicher zu.  Man begibt sich zwischen die Absperrbänder, zeigt seine Abholbestätigung vor, dann wird die Startnummer ausgedruckt, mit der man sich schließlich in die Schlachtblöcke begeben kann, sofern man nicht seinen ChampionChip vergessen hat. Der Vorteil des Direktdruckes: kein unnötiges Eintüten für Startnummern, die eh nicht abgeholt werden. Und Name des Läufers steht auf der Startnummer, auch wenn er sich nachmeldet. Das machen viele, denn das Wetter wird traumhaft.

Bevor ich mich in meinen Schlachtblock begebe, mache ich einen Spaziergang über den Kranenkai. Der Kran (1773) ist der letzte Hafenkran, der erhalten geblieben ist. Einst entlud man damit die Schiffe, die das Salz vom Obersalzberg zur Konservierung von Fischbrötchen brachten. Nach der Zerstörung von Würzburg lud dieser Kran täglich 900 Tonnen Trümmer auf die Schiffe. Nun verbringt man seine Abende im Schatten dieses Mahnmals oder oben in dem riesigen Biergarten. Die Morgensonne wärmt, hier ist es ruhig und der Blick hinüber zur Festung traumhaft.

Die drei Schlachtblöcke werden ab 9 Uhr gestartet, stark zeitversetzt, was das Läuferfeld angenehm ausdünnt. Erstaunt bin ich, dass die HM-Läufer alle unter zwei Stunden laufen wollen, sich aber sogleich zurückfallen lassen.

 

 
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Wir laufen über die Brücke der Deutschen Einheit nach Zellerau, der Heimat der Würzburger Hofbrauerei. Als sie 1643 gegründet wurde, war 30jähriger Krieg und die Schweden leerten  die Weinvorräte. Der Rat der Stadt wollte die Weinvorräte schützen und gründete deshalb die Brauerei. Der Würzburger Hofbräu hat ihren Firmensitz in der Höchberger Straße, unterhalb der Festung Marienberg.

Das Kloster Himmelspforte lag Anfang des 13. Jahrhundert noch in der Innenstadt. Allerdings hat es ein Frauenkloster in einer Hafenstadt nicht einfach. Also errichte man das Kloster 20 Jahre später im damals noch ländlichen Gebiet. Nach einigem Hin und Her durch diesen eher ruhigen Stadtteil kommen wir zurück zur Friedensbrücke und überqueren den Viehmarktplatz. Kleinvieh durfte zuhause, Schweine und Rinder nur gegenüber im Schlachthof (CCW) geschlachtet werden. Wichtig war der Fleischbeschau. Schweine durften keine Trichinen (Muskelwürmer) und Rinder keine Seuchen haben. Der Fleischbeschau, der uns gilt, beginnt hier bei Kilometer 7: die Würzburger kriechen langsam aus ihren Betten, um uns zu sehen. Ich spüre Würmer in meinen Beinen. Auf dem Festplatz findet gerade ein Afrikafestival statt, aus Afrikaner kommen viele Würmer.

 

 
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Die Dreikronenstraße, die wir nun hinauflaufen, war einst die Fischerstraße (1278). Für uns kaum vorstellbar, dass hier hundert Fischer von den Erträgnissen des Maines lebten. Die Fischer gingen nach getaner Arbeit, also jetzt um 10 Uhr, in die Gaststätte „ Zu den drei Kronen“. Das war ein wunderschönes Haus, das hier bis 1945 stand. Sie saßen zusammen mit den Schiffern und Sandschöpfern im vorderen Teil des Gasthauses. Hinten saßen die Touristen, die zur Deutschhauskirche wallfahrten.

Bei Km 8 kommen wir zur Alten Mainbrücke, die wir nicht überqueren. Ein paar Steine vom zerstörten Haus der Fischerzunft (gegründet 1010) sind in den Nachkriegsbau integriert. Fischer gibt es nicht mehr, man kümmert sich nun um die Hege und Pflege des Flusses.

Interessant sind die Flusswehre in diesem Bereich. Fast am anderen Ufer ist das sogenannte Streichwehr. Es wurde 1644 gebaut, um der Unteren Mühle Wasser zuzuführen, Restwasser streicht seitlich vorbei.  Ein Mühlrad unter dem Brückenbogen erinnert an die Mühle, die 1921 abgebrochen wurde. Unter dem dritten Brückenbogen war ein Nadelwehr, eine Reihe von dicht gesetzten Holzpfählen, die man rausnahm, wenn ein Schiff passieren wollte. 1875 wurde dann der Umlaufkanal mit den uns bekannten Kammerschleusen gebaut. Diese Anlage befindet sich auf unserer Seite, dort krallen sich  Ruderer an der Schleusenmauer fest, und warten auf besseres …  äh, ja worauf denn? Fast 3 Meter beträgt hier der Wasserunterschied.  Wir unterqueren die Ludwigsbrücke, sie wurde 1885 gebaut, wird wegen der vier Löwen aus Bronze an den Brückenköpfen eher Löwenbrücke genannt.  

Am Ufer sieht man den alten Treidelweg, der zur Zeit Karls des Großen entstand. Der ließ bei Treuchtlingen den Karlsgraben ausheben. So konnte man schon im Jahre 793 die europäische Wasserscheide überwinden und per Schiff vom Rhein zur Donau fahren. Der Kanal ist noch gut erhalten. Die Treidler, also die Schiffsknechte, die die Schiffe flussaufwärts zogen, hatten eigene Unterkünfte, dazu mehr bei Km 18.

Wir sind aber erst bei Km 12, unterqueren die Konrad Adenauer Brücke, laufen ein kurzes Begegnungsstück und wechseln dann über besagte Brücke zum rechtsmainischen Ufer.

Bei km 15, hinter der Löwenbrücke, liegt das Schiff des chinesischen Restaurants „Mainkuh“. Die Mainkuh ist kein schwimmfähiges Säugetier, sondern ein Kettendampfschiff, das ab 1886 zehn, zwanzig Schiffe auf einmal den Main hinauf zog, und somit das Treideln überflüssig machte. Die Dampfpfeife des Schiffes ähnelte dem Ruf einer Kuh, daher der Name. 396 Kilometer lang, von Frankfurt bis nach Bamberg war die Kette, an der sich das Kettenschiff flussaufwärts zog und die Schiffe hinter sich her schleppte. Diese Mainkuh hier, die jetzt chinesisch ist,  wurde 1961 gebaut und beherbergte damals Würzburgs erste Striptease-Bar, heute ein Spielkasino. Wer durch das alte Hafengebiet von Würzburg geht, der wird viele Geschäfte finden, die eigentlich nicht in eine Barockstadt, sondern in eine Hafenstadt gehören. Die Fahrt eines Frachters von Rotterdam zum Schwarzen Meer dauert etwa 2 Wochen, das erklärt es.

In der Münzgasse, in dem Gebäude der jetzigen Volkshochschule, wurde vom Erzbischof der Kiliansschilling geprägt. Darauf das Familienwappen des Adelsgeschlechts von Guttenberg und das Bildnis von St. Kilian, Patron von Würzburg und der Winzer.

Nun geht es an der Residenz der ehemaligen Bischöfe von Würzburg vorbei. Hinter der Residenz ist der Rennweg, man muss also nicht nach Eisenach. „Renn“ bedeutet hier „Rain“, ein fester, erhöhter Weg. Am Rennweg steht das Verwaltungsgebäude eines der größten Weingüter Deutschlands: Der Staatliche Hofkeller Würzburg, dessen Chef Markus Söder in seiner Funktion der Finanzminister ist.

 

 
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Bei km 18 laufen wir in die Semmelgasse.  Ich will heute nix versemmeln, aber  es geht mir nicht gut. Dies war einst die Straße der Weißbrotbäcker (13. Jahrh.). Tattoogeschäfte sind nicht die einzigen Geschäfte, die man in dieser Hafenstadt findet. Das  „Hotel zur Stadt Mainz“, 1430 als „Gasthof zum Raben“ erbaut, wurde Anfang des 19.Jahrhunderts umbenannt, weil hier die Treidler aus Mainz übernachteten und ihren nächsten Job aushandelten. Dazu trafen sie sich mit den Schiffseignern, deren 120 Tonnen-Schiffe am Kranen vertäut lagen. Die Pferde der Treidler waren auch im Gasthof untergebracht, an der Straßenfront, wo sich hinter vergitterten Fenster nun der Gastraum befindet.  

Kurz geht es am Bahnhof vorbei, ein schlichter Nachkriegsbau, aber Haltepunkt der Hochgeschwindigkeitszüge. Am Röntgenring fanden die Kinderläufe statt, wir biegen ab in die Kaiserstraße, deren Pflaster erneuert wird und nicht einfach zu laufen ist.

Die Juliuspromenade war Teil der üblichen fünfeckigen Stadtbefestigung. Der Graben wurde zugeschüttet, um den Verbindungsweg zum Bahnhof zu schaffen. Das Gebäude der Hirsch-Apotheke hat den 13. März 45 überlebt, die Feuerwehrautos waren genau hier geparkt.

Nun laufen wir zum Würzburger Dom (1040), auch nur eine Nachkriegsreplik. Das älteste Stück ist die Grabplatte von Gottfried von Spitzenberg (1190), der eine innige Getränkebeziehung zu Kaiser Barbarossa hatte. Barbarossa, also Kaiser Friedrich I heiratet in Würzburg 1156 Beatrix, die Erbin der Grafen von Burgund, mit der er acht Söhne und drei Töchter hatte. Man sagt, dass Männer, die sexuell ausgelastet sind, mehr Söhne als Töchter zeugen.

Die Neubaustraße hat ihren Namen von der Neubaukirche, die der Fürstbischof 1583 bauen ließ, um dort sein Herz begraben zu lassen. Heute ist dies die Universitätskirche mit dem höchsten Turm in Würzburg. Das Herz des Fürstbischofs liegt dort in einer herzförmigen Zinnkapsel, der Rest von ihm im Dom St Kilian.  

Nun biegen wir nach rechts auf den Mainkai ab, dort sind auch Reste, die des Spiegeltores. Hier wurde 1529 ein gewaltiges Zollhaus errichtet, das spätere „Hotel au Cigne“ (Hotel zum Schwanen), wo König Ludwig nächtigte, als er 1648 von seiner Krönung in Frankfurt kam. Um 1900 war der Kai Fußgängerzone und Marktplatz für Töpferware. Dann zog die Deutsche Arbeiterfront ein. Über der Rezeption hing das Plakat: „Gebt mir vier Jahre Zeit, und ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen!“ Es hat 8 Jahre gedauert, dann schickte Bomber Harries seine Flieger nach Würzburg.

Nun geht es direkt auf die wunderschöne Marienkapelle zu. Der rot-weiße Kirchenbau wurde im 14. Jahrhundert von den Bürgern der Stadt als Sühne für die Ermordung der Juden gebaut. Die Juden waren beschuldigt worden, die Pest nach Würzburg gebracht zu haben. Da dieser Kirchenbau keine Pfarrrechte hat, bleibt es bei der Bezeichnung „Kapelle“. Am Marktplatz betört das wunderschöne Falkenhaus (1338), einst das Wohnhaus des Dompfarrers. Die prachtvolle Rokokofassade wurde in den 50er Jahren anhand alter Fotos wiederhergestellt.

Schon bin ich wieder am Kranenkai, km 21 ist erreicht und wir Marathonläufer werden  genau vor dem mexikanischen Restaurant „Joe`s“ von den zahlenmäßig überlegenen Halbmarathonläufern getrennt.

Für die Königsdisziplin läuft man nochmal die Runde.  Ich bin hier schon den Marathon gelaufen, als der noch aus einer Runde bestand. Aber Chef Günter merkte, dass Marathonläufer wegen der Fischbrötchen aussterben und machte deswegen einen Zweirunden-Kurs. Ich müsste heute mit 3:30 ins Ziel kommen, um die Qualifizierung für den Boston Marathon zu schaffen. Würzburg ist die einzige Gelegenheit für mich, es sei denn, ich nehme am Wineglass Marathon im Staate NY teil.  Aber ich darf nicht dran denken, denn der Fisch meldet sich. Glücklicherweise auf der Brücke, sodass der bräunliche Lachs nun sicherlich schon wieder in der Nordsee ist.

Die Kinder des Sportclubs DJK betreuen in der Moscheestraße den VP und machen richtig gute Stimmung, trommeln auf Plastikbehältern und feuern mich mächtig an. Von den 2500 Mitgliedern sind 1300 Kinder. Der Würzburg Marathon ist also gesichert. Jedenfalls bis 2019, denn Titelsponsor iWelt hat wieder unterschrieben und ist somit einer der treuesten Titelsponsoren Deutschlands.
iWelt ist ein Softwareentwickler, Hauptsitz Eibelstadt am Main, Ausfahrt Würzburg Randersacker, bekannt aus dem Radio wegen der Staus.  iWelt gehört zum Familienunternehmen Robert Krick, der als Pilot in Russland ab 1941 viel Scheiße erlebte, und deshalb als Würzburger Verleger viel für karitative Zwecke spendete. Er ist Ehrenbürger der Stadt und Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik.

 

 
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Die Versorgung (alle 2,5 Kilometer ) ist klasse und die Wirtin vom Minigolfplatz  froh, dass sie mal einen richtigen Sportler auf dem Gelände hat und schenkt mir eine Flasche Bier. Bei km 32 stoßen die 10 Kilometerläufer auf unsere Strecke, das gibt mir wieder Schwung.  Sie kürzen aber hier ab und laufen zurück. Dadurch verpassen sie DJ Johnny Blue, der hier mit AC/DC gut einheizt. Auf der 21 Kilometer-Runde gibt es 27 Gruppen/Musiker, die damit aber nicht ihr Geld verdienen. Das macht das Event familiär. Danke! Auch Antrittsgelder werden nicht gezahlt. Das ist gut, auch wenn andere Veranstalter beteuern, dass solche Prämien nicht von den Startgeldern gezahlt werden.

 


 

 

Mein Lieblingsfranzose Michèl ist immer dort, wo sich mein Brötchen von heute Morgen meldet. Franzosen haben frischeren Fisch als die Gallier, wie die Römer die Kelten nannten. Michèl ruft mir zu: „ Joe, Du schaffst das nie!“ Er hätte beinahe Recht behalten, ich überleben nur dank der  wunderbaren Betreuung und Verpflegung des Würzburg Marathons.

Der nächste Stadtmarathon Würzburg ist am 13. Mai 2018. Eine Bitte an alle diesjährigen Halbmarathonläufer: Lasst uns Marathonläufer nicht aussterben! Dank optimaler Versorgung überlebt man im St Pauli von Bayern auch eine Fischvergiftung!

 

 

 

Marathon-Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

 
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Informationen: iWelt Marathon Würzburg
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