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Laufberichte

Das Wunder der Bockwurst

21.05.11

 

Die Nacht war etwas unruhig, was natürlich durchaus an der unbekannten Herausforderung lag. Allerdings hatte auch der Danceclub unter meinem Schlafzimmer einen unbestreitbaren Einfluss auf den teilweise schlaflosen Verlauf dieser Nacht.

Freitag, Viertel nach fünf, der ICE nach Dresden hält am Bahnhof Eisenach. So rausgeputzt das Städtchen im Stadtkern auch sein mag, an den Rändern ist der Verfall nicht wirklich zu übersehen. Der innere Plan sagt, Startunterlagen abholen, in der Unterkunft einchecken und dann gemütliches Knödelessen mit den Kollegen vom Stadtmarathon Würzburg. Am Eisenacher Marktplatz herrscht schon reges Treiben; überall hagere Läufergesichter mit großen gelben Taschen.

Das mit den Startunterlagen geht überraschend schnell, nach weniger als zwei Minuten bin ich wieder draußen. Auf dem Weg zum Hotel erst mal verlaufen, kommt davon, wenn man seine Karte nicht richtig rum hält – eigentlich ein Anfängerfehler. Dann in der Herberge die erste Überraschung: kein Frühstück, noch nicht mal einen Kaffee um fünf Uhr morgens. „Frühstück ab 7:30 Uhr“. Bei einer Stadt mit ungefähr 40.000 Einwohnern, einer Hand voll Gasthäuser und Hotels, wo der nun zum 39. mal stattfindende Rennsteig-Supermarathon das sportliche Großereignis im Jahreslauf darstellt, ein eher peinlicher Auftritt. Andere Unterkünfte – nur halt schon seit langem ausgebucht – bieten extra opulente Frühstücksbuffets für die Langstreckenläufer an.

Halb fünf morgens, die Nacht ist zu Ende. Kalte Dusche zum richtig wach werden und dann die üblichen Rituale. Alles was irgendwie wund werden könnte, fett mit Vaseline eingeschmiert, Brustwarzen abkleben – hoffentlich halten die Pflaster diesmal bis zum Ende – und dann die eigentlich wirklich wichtige Entscheidung: welche Socken ziehe ich heute an. Dazu muss man aber auch wissen, dass ich vor drei Wochen diesbezüglich die falsche Wahl getroffen hatte und mir bei einem 36er eine böse Blase an der rechten Achillessehne zugezogen hatte. Für den anderen „Unsicherheitsfaktor“ gab es keine Alternativen mehr. Ich hatte mich schon am Vortag auf meine gut ein Jahr alten „Brooks Cascadia“ festgelegt, die zwar noch kaum Kilometer auf der Sohle hatten, aber sonst auch nicht besonders pfleglich behandelt worden waren. Was unter anderem auch daran gelegen haben mag, dass ich in diesen Tretern im letzten September meinen spektakulären Abflug im Guttenberger Forst hingelegt hatte, der in meinem unrühmlichen Bänderriss mit fünfmonatiger Trainingszwangspause mündete.

Auf dem Markplatz von Eisenach, dem Startareal, herrscht um kurz nach Fünf am Morgen schon reges Treiben. Die Musik ist laut und macht wach. Kurz noch ein paar Gruppenfotos mit den Würzburger Freunden vom Stadtmarathon und dann noch das unvermeidliche „Rennsteiglied“ das wohl mit diesem Lauf der Sonderklasse genauso verbunden ist, wie so manch andere liebenswürdige Eigenheit. Dann der übliche Countdown und um Punkt sechs Uhr setzt sich der Menschenwurm von über 2.000 Starten in Bewegung. Selbst zu dieser frühen Zeit sind die Straßen der Innenstadt von Zuschauern bevölkert, die den startenden Läufern Schwung mit auf den langen Weg geben wollen. Schon nach dem ersten Kilometer bekommt man als Läufer den ersten Eindruck davon, dass der Rennsteiglauf nicht wirklich zu den flachen Läufen der Republik zählt. Wettervorhersage ideal: Am Vormittag heiter bis wolkig, Temperaturen anfänglich 10 Grad gegen Mittag dann bis zu 21 Grad und am Nachmittag im Süden zunehmenden Gewitterneigung.

Eigentlich hatte ich den Rennsteiglauf nicht wirklich eingeplant. Der Thomas vom Marathonverein Würzburg hat mich da im letzten Jahr mehr oder weniger reingeredet und dann lag da die Anmeldung fast ein Jahr rum und geriet so allmählich in Vergessenheit. Als ich nach dem Bänderriss dann Anfang Februar wieder ins Lauftraining eingestiegen bin und Ende März zum ersten Mal wieder die Halbmarathondistanz hinter mich brachte, hätte ich nie im Traum daran gedacht, das ich hier heute am Start stehen würde. Die eigentliche Entscheidung fiel am letzten Sonntag nach dem 11. Würzburger iWelt Marathon. Ich hatte das Vergnügen, wie auch schon im Jahr vorher, als Pacer für die 4:14h antreten zu dürfen. Dieser Lauf war dann so entspannt und locker, selbst danach nicht das kleinste Anzeichen davon, dass ich gerade die klassische Marathondistanz hinter mich gebracht hatte, dass ich dies spontan als „gutes Omen“ für eine Ultradistanz genommen habe und den Marathon selbst unter Kategorie „entspannter Trainingslauf“ abgespeichert habe. Danach war klar, der Rennsteig ruft.

Jetzt bei Kilometer drei, mitten in einer andauernden aber noch erträglichen Steigung im Wald, war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob das eine so gute Idee war keine Woche später hier anzutreten. Auf der einen Seite hatte ich mir bewusst keine Ziele gesetzt, aber insgeheim dann halt doch. Ein Läufer, der hier etwas anderes behauptet, schwindelt, zumindest ein bisschen. Also unter zehn Stunden bleiben, wäre schon wünschenswert, das „überhaupt Ankommen“ stand im Vorfeld ja gar nicht zur Debatte. Dazu hatte ich mir ausgemalt die Marathondistanz in 5 Stunden abzuhaken und angesichts des Höhenprofils und der zunehmenden Ermüdung, dann noch gut fünf Stunden für restlichen 30 zur Verfügung zu haben. Soweit zum nichtvorhandenen Plan.

Die ersten gut 24 Kilometer steigt der Kurs kontinuierlich über 700 Höhenmeter an, was aber dann wohl eher an die tausend Höhenmeter sein dürften, da „völlig kontraproduktiv“ durch durchaus ordentliche Gefällabschnitte immer wieder mühsam erworbene Höhenmeter einfach verschwendet werden. Am Ende der langen Steigung krönt dann der mythenumrankte Inselberg die Strecke. Dessen Aufstieg ist wirklich knackig. Zumindest in meiner Laufblase ist da keiner mehr gerannt. Aber der absolute Hammer ist dann der Abstieg, auf gut einem Kilometer Strecke geht es zweihundert Höhenmeter runter. Erst auf dicht mit Tannennadeln bedecktem Asphalt und dann über Treppen und durch den Wald, wo gemeine Steine und Wurzeln lauern. Unser Glück bei diesem Lauf: es war trocken. Bei Regen wird das garantiert zu einer üblen Rutschpartie.

Vorher bei Kilometer 17,7, an der Glasbachwiese, dann die erste Begegnung mit einer der Besonderheiten des Supermarathons: Schleim. Hatte vorher doch schon einiges, vor allem abschätziges, über diese regionale Eigenart des Läuferdopings gehört. Tatsächlich handelt es sich hierbei um einen schmackhaften Haferschleim mit verschiedenen Fruchtzusätzen, ich selbst hatte Orange, Erdbeere und Heidelbeere, den der Körper schnell in Energie umsetzen kann. Auch das restliche Getränke und Verpflegungsprogramm wurde eher einer Tour de Gourmet gerecht als einem Waldlauf. Vom Quark- oder Schmalzbrot über Bananen und Äpfel bis hin zu Gelpacks, alles was der Läufermagen gerne zu sich nimmt.

Zurück zum Kurs. Irgendwo, so ganz genau weiß ich das leider nicht mehr, da war ich schon ein Weilchen im Endorphinrausch, möglicherweise so bei 30 bis 33km und am Possenröder Kreuz. Auf alle Fälle stand unser Würzburger Fan und Motivationsteam bereits zum zweiten Mal an der Strecke und hat uns angefeuert, als ich ans Aufhören dachte. Die Oberschenkelmuskulatur war komplett „dicht“ und die Fersensohle links und der linke Außenspant taten höllisch weh. Die Ferse hat dann recht flott aufgegeben und nachdem ich das Steinchen aus meiner Socke gepuhlt hatte, waren die Fußproblemen gelöst. Auch wurden die Oberschenkel wieder leichter, nachdem ich so allmählich meinen Rhythmus gefunden hatte. Rhythmus heißt hier, die echten Steigungen gehen, aber die leichten Steigungen entgegen der Masse, langsam und gleichmäßig durchtraben. Dafür aber bergab, zugegebenermaßen nicht meine Lieblingsdisziplin – „gerissenes Band scheut die Steigung“ – langsam und eher vorsichtig.

Das Wunder der Bockwurst fand dann bei Kilometer 37,4, auf der Ebertswiese statt. Die halbe Strecke war geschafft und irgendein netter Helfer hielt mir die verführerisch duftenden Bockwürstchen unter die Nase. Ohne nachzudenken griff ich mir ein Exemplar und verschlang es mit Heißhunger. Mich ergriff im Nachhinein allerdings die Panik: eine fette Bockwurst bei meinem Sensibelchen von Magen. Wenn das nicht in einer Zusatzdüngung des Thüringer Waldes enden würde. Dankbarerweise ging es nach den Verpflegungsstationen meist erst mal wieder richtig bergauf, so dass man im Gehen in Ruhe Essen und Trinken konnte. Die Bockwurst im Übrigen, hat sich überhaupt nicht gewehrt. Im Gegenteil, sie erwies sich als echter Turboloader. Ich fand zunehmend meinen Rhythmus und kam, auch wenn das Gelände zeitweise doch sehr naturnah war (Steine und Wurzeln), immer besser in Schwung.

Die Marathondistanz habe ich dann bei 5:03h passiert, was ich eigentlich zwischenzeitlich wirklich nicht mehr geglaubt hätte. Die nächsten 17km bis zum Grenzadler, den ich zumindest weder als Denkmal noch als Vogel wahrgenommen habe, sind irgendwie bereits aus der Erinnerung verschwunden. Überwiegend waldig, lange steinige und felsige Anstiege und immer mal wieder Schleim und mittlerweile Wurstbrote sowie richtige Hausmacherwürste, die ich dann aber doch nicht mehr probiert habe. Der Grenzadler ist insofern gemein, weil er in den offiziellen Unterlagen als Ausstiegsmöglichkeit mit Wertung geführt wird. Das ist so gemein wie verführerisch. Letztendlich hatte ich auf der Einlaufwiese zum Grenzadler aber gerade eine gute Viertelstunde und das 55km Schild kurz vor der Ausstiegsmatte, führten zu dem Ergebnis: Jetzt erst recht, die doofen 17,7km krieg ich jetzt auch noch nach Hause.

Tatsächlich kamen jetzt die 17 Kilometer, die man im Kopf läuft. Auf die Muskeln darf man ohnehin nicht mehr hören. Mein persönlicher Trick, nicht mehr stehen bleiben an den Versorgungsstationen, Becher greifen und weiter. Bei km62 wehrt sich die Strecke noch ein letztes Mal mit einem Anstieg auf den höchsten Punkt des Kurses, den „Großen Beerberg“ mit 974 Höhenmetern. Danach geht es fast nur noch bergab zum Ziel in Schmiedefeld.

An der letzten Verpflegungsstation, gut acht Kilometer vor dem Ziel, hab ich dann erstmals überrissen, dass ich mit ein wenig Glück, eine Zeit unter neun Stunden gerade noch so heimlaufen könnte. War dann leider nicht so ganz einfach. Bergab bekam ich dann höllisches Seitenstechen, so dass ich immer wieder Gehpausen einlegen musste. Gerettet haben mich dann die noch kommenden Getränkestation mit Cola, und noch so ein echtes Alleinstellungsmerkmal dieses Laufes: Köstritzer Schwarzbier. Ich gestehe, ich habe mir gut fünf Kilometer vor dem Ziel einen Becher gegönnt.

Dann nur noch bergab, immer wieder angefangen zu rechnen, reicht es noch für die Traumzeit von 8:59? Enttäuschend spät, dann das 70km Schild. Aber was soll’s, auch 9:01 ist in Anbetracht der gesamten Umstände eine Superzeit. Der letzte Kilometer durch Schmiedefeld, die Zuschauerreihen werden immer dichter und dann die letzten zwei- bis dreihundert Meter Zielgerade im Stadion von Schmiedefeld. Auf einmal sind alle Schmerzen wie weggeblasen, die Beine sind ganz leicht und ich trabe völlig gelöst, den Zuschauern zuklatschend über die Ziellinie, nicht ohne nebenbei noch einen fotogenen Flirt mit dem Zielfotografen zu arrangieren.

8 Stunden und 59 Minuten. Wahnsinn. Geschafft – mein erster Rennsteig Supermarathon. Die tatsächliche offizielle Zeit war dann sogar 8:57:34, ich hätte mir also sogar getrost noch ein bisschen Zeit lassen können.

Ach ja, und auch die Wahl der Socken war in Ordnung.

 

 

Informationen: GutsMuths-Rennsteiglauf
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