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Laufberichte

Wirbel am Westwall

11.03.12
Autor: Joe Kelbel

Mir tut alles weh! Gestern den Braveheart Battle gelaufen, für 24 Kilometer 4. Std 32 gebraucht. Unten dunkle, dreckgefüllte, schwarze Blasen, Schienbeine zerkratzt, geschwollenene, blutende Knie, die sich nicht mehr bewegen lassen, weil die Haut blutrot geschwollen ist. Bauchmuskelkater, kann nicht atmen, weil tierische Schmerzen im Brustkorb. Unterarme haben krasses Schnittmuster, die Fingernägel sind voller Dreck, unangenehme Entzündungen darunter. Die Nacht nicht geschlafen, Fieber, sämtliche Radiosender nachts in meinem Hirn durchgegangen: „ I set fierääähä to the rein !“

Leck mich a. A., tut das weh, vor Sonnenaufgang aufzustehen! Irgendwo muss die Grenze sein!

Die Grenze ist da. Im Bienwald. Auf der pdf-Version der Streckenübersicht des Bienwaldmarathons sind seltsame Strukturen und Narben im Wald erkennbar. Sie ziehen sich von Schaidt, dem oberen Wendepunkt, bis nach Büchelberg, dem unteren Wendepunkt, diagonal über den Kartenausschnitt.

Es sind die Reste des Westwalls, oder auch Siegfriedlinie genannt. Oben links in den Feldern bei Schaidt ist der Rest eines riesigen Panzergrabens zu erkennen,  die zahllosen Flecken im Wald sind gesprengte Bunker. Etwa zehn pro Laufkilometer, die kleinen, gruseligen Einmannbunker, die aussehen wie Litfaßsäulen, nicht mitgerechnet.

Warum  ich darüber schreibe? Augen auf! Nicht vergessen!

Eigentümer der Bunker sind die Bundesvermögensämter und bei denen die Oberfinanzdirektion. Doch es gibt keine vollständige Aufstellung der Gebäude und Stollen, die sich kilometerweit durch den Untergrund winden. Laut der rheinlandpfälzischen Statistik sind in diesem Gebiet  1250 Stollen verschlossen worden.  Geocacher und Biologen bieten andere Zahlen. Doch nicht nur auf Menschen wirken diese Orte unheimlich anziehend, Wildkatzen und Bravehearts lieben solche Orte.

 
© marathon4you.de 30 Bilder

Regelmäßig im Frühjahr stapfen große und kleine Kommissionen mit dicken Aktenordnern unterm Arm durch den Wald. Die einen wollen die alten Bunker endgültig entfernen, die anderen entdecken dort seltene Tiere oder sogar einzigartige Flechten- und Moossorten auf dem Beton. Wildkatzen, Fledermäuse, auch seltsame Gliederfüßler, Flohkrebse und Spinnen hausen dort unten.

Das Holz des Waldes lässt sich nicht verkaufen, zuviele Granatsplitter stecken in den Baumstämmen. So lässt man das Holz verrotten. Biologen kriechen im Totholz rum, entdecken regelmäßig neue Käferarten, machen Auflistungen  und Kartografierungen von allem, was hier lebt, damit die Bunkeranlagen erhalten bleiben. Doch Bundesbehörden wollen schnellstmöglich alle Verantwortung und die dunklen Löcher loswerden. 

Die Geschichte des Bienwaldes ist die einer gewaltigen Naturzerstörung, die nicht erst  mit Hitlers Großbaustelle anfing. 50 Prozent der Säugetiere, Vögel, Kriechtiere und 80 Prozent der Amphibien und Fische sind aus dem Bienwald verschwunden und dennoch ist dies jetzt wieder eines der wichtigsten Naturreservate Europas.

Kurt Beck, die alte Lauflegende stürtzt auf mich zu, will unbedingt ein Foto mit Joe dem Landesvater. Ich glaube es war so, aber wenn ich ehrlich bin, ich habe nach dem Braveheart Battle nicht geschlafen, bin nachts nochmals die Hindernisse durchgegangen und bin heute Morgen wie benebelt. Sämtliche Wunden haben sich entzündet und ich kann weder Beine noch Arme bewegen, mache mir Sorgen um meine Gesundheit.

Bin in  Frankreich zur Schule gegangen, habe mich auch viel für diese ehemalige Grenze interessiert. Preussen, Österreicher, Franzosen und sonstige haben sich gekloppt. Ich habe nicht kapiert, warum an den Stränden der Bretagne Bunker der Deutschen stehen.

Liebe Leser! Der Frieden mit Frankreich hat unser aller Leben verbessert.

Im 17. Jahrhundert fing man mit der Entwässerung rund um Kandel  an. Wenn es mal wieder mit den westlichen Nachbarn bröselte, dann schüttete man die Gräben wieder zu, damit die Soldaten nicht rüberkommen. Das war so wirkungsvoll, dass Napoleon hier 600 Soldaten auf seinem Weg zur Völkerschlacht in Leipzig durch Typhus verlor. Die schlummern jetzt unter dem heutigen Marktplatz von Kandel. Dort hatte der Rhein eine Sandbank zurückgelassen, sodaß die Leichen oberhalb des Grundwassers in zwei Massengräbern begraben werden konnten. Makaber, aber das Leben geht weiter, auch zwei Meter oberhalb von 600 Leichen.

Da der Bienwaldmarathon absolut flach verläuft, werden wir die „Steigung“ zum Marktplatz nicht bewältigen müssen, biegen vorher links ab und folgen den Entwässerungsgräben parallel auf der Saarstrasse, die von den Römern angelegt wurde, nach Minfeld. Sicherlich war dort auch ein Mienenfeld, aber der Name ist älter, übersetzt heißt das soviel wie „mein Feld“. Und das ist es heute, ich bin gut auf 4 Stunden Kurs, immer noch.

Von der militärischen Bedeutung dises Gebietes zeugen viele Betonbauten, werden aber als solche nicht wahrgenommen. Margot sitzt beim Naturfreundehaus auf einer der wichtigsten Schleusen, die den Wasserstand der  Panzergräben des Westwalls regulierten.

 
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Es ist verückt, es ist bekloppt, hier haben  Franzosen und Deutsche sich jahrelang die Köppe eingeschlagen und jetzt laufen wir nebeneinander einen Marathon. Hätte nur Adolf damals seine Agressionen bei einem Marathon ausgelassen! So hänge ich mich jetzt an einen anderen bekannten Österreicher: Wally the Heartbreaker, macht hier auf der Strecke und später im Hotel  persönlichen Pacemaker.

Was mich noch beschäftigt, sind die Bienenfresser. Diese Afrikaner sind hier vor etwa 10 Jahren erschienen. Ok, Bienenfresser sind Vögel, wunderbar glänzende, bunte Vögel. Dass die hier im Sommer zu finden sind, liegt nicht an der globalen Erwärmung, sondern an den winzigen Steilufern, die die Entwässerungsgräben in den Lehmboden graben, in denen die afrikanischen Vögel Bruthöhlen bauen.

In Minfeld geht es dann in südlicher Richtung, zunächst noch durch die Felder, dann in den Bienwald.  So manche Entwässerungsgräben sind in den Jahrhunderten vergessen worden. Was nicht gepflegt wurde, ist innerhalb von 10 Jahren verlandet. Das sind die Gräben, in denen man noch interessante Funde machen kann, Militärschrott der letzten 300 Jahre. Hinterlader und so, na gut, das interessiert mich nicht. 

 
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Sucht man im Internet nach der Flurbezeichnung Mörderhäufel, dann gibt es jede Menge seltene Pilze, aber nicht die Geschichte des ermordeten Försters und auch nicht die Geschichten aus dem letzten Krieg.

Der Panzergraben bei Schaidt beginnt an der Geländeabbruchkante hinter dem Bahnhof  und verläuft von dort über eine Länge von 570 Metern bis zum Rand des Bienwald. Der ganze Wald ist durchzogen von Hohlgängen, von der Laufstrecke nicht sichtbar, und doch nur wenige Meter entfernt. Manchmal deuten seltsame Löcher oder Hügel auf verborgene, kleine, minierte Anlagen hin. Fast alle sind heute verschlossen und Lebensraum von Fledermäusen und Höhlengetier. Wenn die Anlagen nicht vergittert wurden, so hat man wenigstens Röhren ins Innere gelegt,  um den Tieren Zugang zu verschaffen. Im Krieg dienten sie als Materiallager, Kommandostände oder boten der Bevölkerung Schutz. Es gibt Gänge, die nach dem Krieg von den Amerikanern genutzt und nach deren Abzug nur dürftig zugeschüttet wurden.

 
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Wir laufen auf narbenlosen Strassen und wenige Meter neben uns sind krasse Wunden des Weltkrieges. Der ökologische Wert der Bunker ist immens. Es ist die Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume auf kleinster Fläche. Ein Gewirr aus trockenen und feuchten Höhlungen, schattigen Spalten und schrägen, in der Sonne glühende Wände. Kleine Wasseransammlungen  bieten Reptilien, Vögeln und Kleinsäugern perfekten Schutz, Nahrungsraum und Unterschlupf. Zaun- und Mauereidechse, Würfelnatter, Dachs, Siebenschläfer, Feldhamster und Haselmaus, Kröten, Molche und viele Froscharten. Die Sprengung der Bunker hat eine einzigartige Felsenlandschaft geschaffen. Der Bienwald bewahrt eine biologische Vielfalt.

Ich sagte schon, sehen kann man davon von der Laufstrecke aus gar nichts, nur dunkle Gebüschansammlungen sind Indiz für alten Beton. Die Strecke ist wirklich schnell, absolut ideal zum Laufen, doch ich bin eher damit beschäftigt, mir den gestrigen Dreck aus den Ohren zu bröseln.

Unerwartet viele Läufer grüßen mich, rufen mir zu, welcher meiner Berichte ihnen gefallen hat. Auch wenn ich die meisten nicht kenne, ich freue mich über dieses Feedback. Witzig finde ich: „ … und hast du die kleine Fahrradfahrerin noch vernascht?“  Mann!! Das ist 60 Marathons her, aber ich erinnere mich noch genau an die schnucklige Braut, die mir zwei Flaschen Bier mitten in der Nacht bei km 60  kredenzt  hat.

 
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Dieser Lauf heute ist sehr lustig. Ich bin voll am Arsch wegen gestern und lasse mich gerne vollsülzen. Da sind Läufer, die breiten ihr gesamtes Leben vor mir aus, auf der Laufstrecke.  Namen? Ich weiss nicht! Ich laufe, meiner Meinung nach anständig und wohlsituiert. Doch die Schnellen, die mir entgegenlaufen, haben die vermutlich bessere Haltung. Aber ich bin happy, hätte nie gedacht,  heute noch mal einen draufzusetzen zu können.

Unter den Fingernägeln pocht der Eiter, die Knie sind unbeweglich geschwollen und rot, aber ich hätte mir keine bessere Regenerations-Laufstrecke aussuchen können, als hier den Bienwald.

Absolut ideal: Ein Braveheart genießt  auf der schnellsten Strecke Deutschlands seine Regneration. So wird es nächstes Jahr wieder sein! Ich bin happy und am Arsch.

 

Informationen: Bienwald-Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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