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Miezen packen

 

Kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag wurde in Kandel das erste Kapitel einer erfolgreichen Geschichte geschrieben. Der  TSV 1886 Kandel lud zum ersten Bienwald-Marathon, eine Hundertschaft folgte dem Ruf und 77 von ihnen überquerten die Ziellinie. Die beiden Schnellsten zusammen in der gleichen Zeit.

Obwohl schon damals die Zeit nicht mehr mit dem Kalender gestoppt wurde, war es ohne elektronische Fußfessel möglich, ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf solch faire Art ausgehen zu lassen. Vor vier Wochen habe ich beim Hallenmarathon Pfohren  gemeinsam mit Gerhard die Ziellinie überquert. Eigentlich gleichzeitig, gemäß Verdikt der elektronischen Zeitmessung aber hintereinander. Hundertstel zwar nur, aber nacheinander.

Vor zwei Wochen bei seinem Einladungsmarathon (nach Lesart des 100Marathon Clubs als Marathon zählbar) haben wir deshalb nur die Stunden und Minuten genauer angeschaut. An diesem Tag müssten wir uns wieder dem Chip-Timing beugen, doch er muss heute erkältungsbedingt passen und bleibt zuhause.

Nachdem ich vor acht Jahren schon einmal eine Fußnote in der Geschichte des Bienwald-Marathons war, will ich beim Schreiben des 42sten Kapitels auch dabei sein. Ich brauche dringend Kilometer in den Beinen, und die bei einer Marathonveranstaltung zu sammeln ist allemal einfacher, als bei einem einsamen sonntäglichen Longjog.

 

 
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Die Ausgabe der Startunterlagen in der Bienwaldhalle erfolgt zügig und es bleibt genügend Zeit, sich auf der kleinen Expo umzusehen. Aus brandschutztechnischen Gründen ist die Marathonmesse nicht mehr in der Halle, sondern in einem davor aufgebauten Zelt. Darin gibt es auch das Veranstaltungs-T-Shirt.

Das Warten bis zum Start vergeht im Nu, denn ich treffe viele Bekannte. Dieser  jeweils am zweiten Märzsonntag stattfindende Lauf ist jedes Jahr für zahlreiche Sportler der Moment, aus den Winterlöchern hervorzukriechen und sich für die bevorstehende Saison einer Standortbestimmung zu unterziehen. Die Ambitionierten sind schon ein Stück weiter und setzten wie die im Bienwald beheimatete Wildkatze ihre Duftmarke. Mal schauen, welche felinen Attribute mir zugeschrieben werden können.

Nach dem frühen Frühstück muss ich mich erst noch bei Kaffee und Kuchen für die Aufgabe wappnen. Der Chefredaktor fragt mich, ob ich dafür aufs Aufwärmen verzichte. Gut gebrüllt, Löwe!

Etwas frisch ist es trotz Sonnenschein schon noch und wie der Wind sich tagsüber verhalten wird, weiß niemand so genau. Für alle Fälle laufe ich mit Mütze, einem leichteren Modell als einem rosaroten Pussy Hat, wie sie am 8. März vielerorts gestrickt und getragen wurden.

Wie üblich, reihe ich mich im letzten Block ein. Während weit vorne der Startschuss gegeben wird, überlege ich mir, wie ich es angehen soll. Langsam loslaufen ist eine gute Idee und gibt mir die Gelegenheit, ein paar Bilder einzufangen.

 

 
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In Kandel gibt es da und dort Applaus und unter halb hochgezogenen Storen hervor verschlafene Blicke auf die Läuferkarawane, welche in westliche Richtung nach Minfeld schaukelt.  Auf dem Weg dorthin schließe ich zum Zugläufer für 4:30 auf und ziehe etwas schneller weiter. In Minfeld geht es um vier Ecken und schließlich wieder in östliche Richtung. Bevor das bebaute Gebiet verlassen wird, gibt es unweit der Kilometertafel 5 die erste Verpflegungsstelle. Die Helfer wissen hier - wie auch an den weiteren acht folgenden – dass Hunde Herrchen haben, Katzen aber Personal, und so reichen die freiwilligen Dosenöffner die Getränke. Elektrolyt, Wasser, Tee und auf der zweiten Streckenhälfte auch Cola kann ich kosten. Bananen und Orangen werden mir auch angeboten..

Bald tauchen wir in den Wald ein, welcher für den Rest des Laufs mehrheitlich unser Begleiter ist. Man darf sich den Bienwald-Marathon aber nicht als Landschaftsmarathon vorstellen. Bernie sagt: „Da haben die einen so schönen Wald und es wir nur auf der Straße gelaufen…“ Von ungefähr kommt es nicht, dass in Kandel schnelle Zeiten gelaufen werden.

 

 
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Meine Kilometerzahl ist immer noch einstellig, da kommt schon ein schnelles Trio entgegen, die Führenden des Halbmarathons. Über den Daumen gepeilt mit gut sieben Kilometern mehr in den Beinen. Ganz langsam bin ich auch nicht, denn die nächsten beiden Zugläufer für 4:15 sind schon ein Stück hinter mir und weit vorne kann ich den nächsten ausmachen. Stetig arbeite ich mich an ihn und sein beachtliches Gefolge heran und beschließe, ihm so lange zu folgen, wie es geht. Die Wende zu machen und auf der Pussy Lane mit der halben Distanz ins Ziel zu kommen, ist keine Option.

 

 
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Das Laufen in der Gruppe und nach gut 14 Kilometern die Begegnungsstrecke mit der Möglichkeit, Stilstudien zu betreiben, machen es kurzweilig. Ebenso die musikalische Unterstützung am Rand von Schaidt. Ungefähr nach 17 Kilometern ist der Wendepunkt erreicht. Schlaumeiereien können versucht werden, die Videoaufnahmen werden sie aber gnadenlos aufdecken, genauso wie die zweite Streckenhälfte mir mein Limit aufzeigen wird. Da mache ich mir keine Illusionen und versuche mich in der Rudeljagd, um hoffentlich erfolgreich zu sein.

Zugläufer Gerhard (auch bekannt als Chef vom Bottwartal Marathon) kümmert sich gut um seine Truppe. Sein Rat, zum Vordermann und nicht in die Ferne zu schauen, ist nur ein Teil davon.  

Bei der Halbmarathonmarke und der dazugehörenden Zeitmessung geht es auf die Straße in Richtung Büchelberg, der Gemeinde, welche auf Satellitenfotos als unbewaldeter Fleck mitten im Bienwald leicht zu erkennen ist.  Kurz bevor man dort ist, ist wieder eine Wendemarke. Bis zu der sind es aber mal noch ein paar Kilometerchen. Mehr als sechs Kilometer mit läuferischem Gegenverkehr, um konkret zu sein.

 

 
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Je weiter es zurückgeht, desto lichter wird das entgegenkommende Feld. Mit dem Wegfall dieser Ablenkung nach dem Passieren des Besenwagens wird es eindeutig härter. Die zunehmende Müdigkeit in den Beinen kann sich plötzlich ungebührlich viel Aufmerksamkeit verschaffen. Ich versuche auf die Füße des Läufers vor mir zu schauen und nicht in die endlose Weite der vor mir liegenden Straße. Ich kämpfe, dabei sind es noch über 10 Kilometer bis zum Ziel.

Das ist der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, dieses Jahr in Kandel zu laufen. Die langen Geraden haben mir vor acht Jahren mental so zugesetzt, dass ich sie für dieses Jahr als perfekte Vorbereitung auf härteres Pflaster gewählt habe.

Die Katze hat die Krallen ausgefahren und bohrt sie dem inneren, grunzenden Hundevieh ins Fleisch. Nichts da! Das Funktions-T-Shirt, welches ich erhalten habe, ist zwar pink (mit einem Hauch himbeer), aber mein Kopf lässt es nicht zu, dass ich auf Pussy mache.

Ich verliere stetig ein paar Meter auf die Gruppe um Gerhard, doch ich versuche, so nah wie möglich dranzubleiben. Seine Motivationsansagen kann ich nicht mehr hören, jetzt, da ich sie so bräuchte. Auf der ersten Hälfte habe ich mich im Vergleich auf Samtpfoten bewegt, was ich nun spüre, sind Klauen aus Blei.

Ich wehre mich gegen das Biest, das mir einreden will, ich solle doch zur Erholung eine Gehpause einschalten. Müsste mein Fauchen von einem Ohrenzeugen beschrieben werden, würde er es Röcheln nennen. Jedenfalls schaut sich ein Läufer um, ob da einer am finalen Aushauchen sei.

 

 
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Etwas mehr als einen Katzensprung vor dem Ziel, ziemlich mehr, um genau zu sein ungefähr zweieinhalb Kilometer, ist der südwestliche Rand von Kandel erreicht. Entlang des Wassergrabens geht es eine weitere Gerade entlang, bis der Weg endlich in die Straße einbiegt, auf welcher der erste Kilometer gelaufen wurde.  Der Lautsprecher aus dem Stadion ist zu hören und täuscht die baldige Erlösung vor.  Die Einfriedung des Stadions steht stabil, es gibt keinen anderen Weg als zum Eingang am anderen Ende und dort auf die Vierhundertmeterbahn. Ein Viertel wird gnadenhalber geschenkt und dann habe ich es geschafft. Die vorderste Ziffer der Uhr springt kurz vor dem Überqueren der Ziellinie zwar auf die Vier, doch ich habe als Starter im hintersten Block noch ein Zeitguthaben von gut zwei Minuten, womit ich mit der Nettozeit tatsächlich die magische Grenze wieder einmal unterboten habe. Fett und groß steht in der Urkunde allerdings die Bruttozeit und die ist 13 Sekunden darüber.

 

 

Fazit:

In der amerikanisch-präsidialen Disziplin des „pussy grabbing“ habe ich versagt. Diese Mieze habe ich heute nicht gepackt – aber sanftes Streicheln ist mir sowieso sympathischer und so kann ich zufrieden schnurrend die Heimreise antreten. Nicht ohne vorher noch heiß geduscht und dies nun erwähnt zu haben.

Die kommenden Tage wird mich noch ein Kater begleiten –und das ist gut so.

 

 

 

Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

 
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Informationen: Bienwald-Marathon
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