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Laufberichte

Verrückt nach Wüste

 
Autor: Joe Kelbel

Oben am Pass mache ich mein obligatorisches Foto mit Selbstauslöser. Unter uns nun das Biviouac Ahansal. Der Sand ist verschwunden, die Wüste wandert. Ich weiß nicht, wohin. Es gab Jahre, da habe ich dort unten in den Dünen meinen Silverstersuff ausgeschlafen, bis mich Kälte und Meteroiten geweckt haben. Jetzt wachsen hier tödlichen Melonen.

Rettungssantitäter stehen oben auf der Kuppe, die einmal eine Düne war. Ich machte hier einmal Fotos von Kamelskletten, jetzt wächst hier wilder Ruccola und die Tiere werden zum Sterben auf die Müllkippe gebracht. Km 30 ist erreicht.

Wüste, bis zum Horizont. Bei km 35 kommen uns Dreckspätze entgegen, ein anderes Volk. Ich brauche auch nicht lange auf den Griff in Richtung meine Hartteile zu warten. Ich kenne das Spiel. Der Anführer kriegt sogleich ein Bein gestellt, brezelt in den Dreck. Das hebt die Stimmung, alles lacht. Gisi kämpft gegen den Raub ihrer Mandarinen, meine Hoka landen im Arsch eines Zwölfjährigen, der sein Gesicht auch sogleich in den Sand presst. Der Nachwuchs will mit Kapriolen beeindrucken, als sei ich der Sportlehrer. Klar sind die jetzt schneller und wendiger als ich, aber ich bin Paul Panzer, walze mich durch die Dreckspatzen, die alles aufbieten, was ihre Männlichkeit untermauern soll. Ich sage drohende Worte, aber wirken tut nur meine Aktion. Dann wird der Geschasste im Dreck ausgelacht und ich bin König.

Der Helfer am VP hat einen Stock, klopft damit den Dreckspatzen, die an die Mandarinen wollen, auf die Finger. Ich liebe dieses Land, ich liebe diesen Kampf, ich liebe diesen Marathon. Ich bin daheim.

Der Zagoraberg steht vor mir. Groß, mächtig, unbezwingbar, genau wie ich! Wir müssen dieses Jahr ganz hoch, richtig hoch. Je höher ich heute laufe, desto besser wird 2016. Jahrelang laufe ich jetzt hier den Zagora Marathon. Immer hat es mir Glück und Lauffreunde für das neue Jahr gebracht. 2016 wird anders, der letzte Sonntag des Jahres fällt auf den 25ten, der Termin des Zagora Marathons muss vorverlegt werden. Dafür gibt es im Anschluß an den Marathon eine Trailüberraschung: „Trail des Oasis“ , die dritte Ausgabe. Nach jahrelanger Pause kommt das Event zurück. Ich auch. Es ist ein Etappenlauf, morgen früh erkundigen wir die Strecke, der Bericht folgt. Ich freu mich wie Bolle.

Das italienische Pärchen ist eher aus Ungarn, spricht eher spanisch. Er hat sich unverkennbar einen fetten Wolf gelaufen, so breitbeinig wie er daherkommt. Sie muss sich ablegen. Hollerido! Hier zeigt sich´s, wer Ultra ist!

Mohamad kommt mit dem Auto vom Gipfel runter, uns entgegen. Gisi sagt, die Berbermänner sehen verdammt gut aus. Es ist das breite Grinsen, was die Frauen schmelzen lässt. Es ist die Fitness, der Kampf, der diese Männer zu potentiellen Vätern werden lässt.

Die Dreckspatzen von vorhin treten sich auf dem Schulhof gegenseitig.ins Gesicht. Jackie Chan ist ein Romantiker dagegen. Die Mädchen tragen alle rosa Hello Kitty Rucksäcke, stehen in einer Reihe vor den Klassenzimmer, während sich die Jungs prügeln, und das weisse Schuljacket mit Blut besudeln.

Dieser Ultralauf macht verdammt viel Spass, ich bin hier zuhause, dies ist mein Schulhof. Hier gibt’s keine Bananenstückchen aus Latexhänden. Hier gibt´s Wasser, Datteln, Zuckerstückchen und einen hinter die Löffel, wenn du versagst.

Wir kommen an der alten Almoravidenburg vorbei. Hier bin ich schon mit gerissener Achillessehne hochgedackelt. Almoraviden heisst übersetzt „Krieger an der Grenze“. Das war eine religiös orientierte Gruppe, die um das Jahr 1000 den Dschihad gegen Ungläubige und Ketzter führte. Damals als es noch keine EU gab. Von diesem Berg kontrollierten sie den Sklavenhandel. 1059 starb ihr Führer Ibn Yasin, seitdem verfällt die Burg. Der Blick über die Oase ist überwältigend, die Welt ist groß, wir sind klein. Aber jetzt regiere ich hier, ich bin König von Zagora, Krieger an der Grenze.

Freundschaft bekommt man mit Macht, nicht mit gestrickten Überziehern für Handies. Man könnte von hier aus die algerische Grenze sehen. Sie liegt da unten, hinter der Biegung des Draa. Alle 100 Meter steht ein Grenzturm. Dort also endet Europa.

Beleuchtet wird die Grenze und die Kasernen mit Energie des weltgrößten Solarkraftwerkes. Die Marokkaner sind stolz auf das Monstrum. 50 % der Finanzierung kommt von der EU, 50% von Deutschland. Dem Deutschen Steuerzahler wird dies aber nicht als Entwicklungshilfe verkauft, laut Internetseite handelt es sich um ein Projekt zum Schutz der Umwelt. Das hört sich so besser an, senkt bestimmt den CO2- Ausstoss, irgendwo.

„Gott, Vaterland und König“ so steht es auf riesigen Lettern, die den Berg verunstalten. Es ist wie unser Spruch: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er hat sich also auch längst von der Realität entfernt.

Es geht abwärts. Ich habe Knie, dieser Weg macht mir das Leben schwer. Von unten dröhnt die Zielmusik, aber ich habe Knie. Scheisse. Es gibt noch ne Runde durch die Oase, zurück zur Behelfsbrücke. Ich mache den Dreckpatzen klar, dass ich nicht überholt werden möchte, doch der Oberdreckspatz macht Harakiri, bremst staubig die Kurve aus, landet zwischen Stachelpalmen im Abwassergraben. Der nächste reisst den Lenker hoch, demonstriert seine Macht auf dem Hinterreifen, bretzelt gegen die Lehmwand und wälzt sich lachend im Staub. Ein anderer zeigt uns eine Laufrichtung an, die nicht stimmen kann, aber stimmt. Bei allem Kampf: wer hier läuft,  der bekommt den vollsten Respekt, der ist König der Löwen. Die gab es einst hier, mein bald folgender Bericht klärt auf.

Es macht jetzt keinen Sinn mehr, die Füsse trocken zu halten. Ich latsche durch den Draa und erfreue mich an der Reibung, die meine Fusshaut auflöst. Zwei Freizeitläufer kommen mir entgegen, grüßen, als sei ich Moses, obwohl meine Füsse offensichtlich nass sind. Der Weg zum Ziel wird von schwarzen Fledermäusen blockiert, die quengelnde Kinder hinter sich herziehen. Da kann ich nicht gewinnen, weiche aus. Der Dorfpolizist pfeift, ich auch, er aber aus der Pfeife.

Ich warte auf Gisi, dann laufen wir über Limit durch den Zielbogen. Wir sind die besten Europäer. Was anderes hatte ich heute morgen nicht erwartet. Der dörfliche Bierholer wittert seine Chance, läuft schon los, ohne dass ich eine Zahl genannt hätte. Er weiss, dass ich laut brüllen kann. Es gibt da jemanden neben der Jugendherberge, der hat eine Lizenz zum Bierverkauf. Er verkauft für 16, ich kaufe vom Bierholer für 25. Entwicklungshilfe auf meine Art und Lauftraining für den Bierholer.

Mein Handy kennt die Passwörter aller Router von Zagora. So wundert es mich nicht, dass es rasselt. Whats App Nachricht von Lahcen: „ Demain 9:30 aux Panneau de Timboktou“. Ich frag` noch wie viel. Er sagt, in 4 Tagen. Da sollten doch 160 km drin sein. Wie geil ist das denn!

Lachend liege ich bei Ali, versuche mit den Füssen das Bettlaken aus der Matratze zu friemeln. Da fällt die Lampe von der Decke. Ich bin verrückt nach Wüste!

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