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Laufberichte

Letzter bin ich noch nie geworden

28.06.09
Autor: Klaus Duwe

Auf den Spuren von Jochen Behle geht in Richtung Biathlonstadion. Behle, da war doch was. Über Nacht wurde der gebürtige Korbacher 1980 berühmt, als er bei den Olympischen Spielen in Lake Placid im 15 km Langlauf zunächst führte, dann aber wie immer bei internationalen Wettkämpfen abgehängt wurde. „Wo bleibt Behle?“, fragte ZDF-Reporter Bruno Moravetz verzweifelt. Der Satz ist so bekannt wie „der Ball ist rund“ und hängt dem heutigen Bundestrainer noch immer an.

Beim Biathlonstadion können wir uns stärken, dann geht es bergauf und wir sind oberhalb des Ortsteils Usseln. Bei der Ferienhaussiedlung ist die Holländische Flagge gehisst. Das Sauerland ist traditionell ein beliebtes Urlaubsgebiet der Oranjes und mittlerweile bevölkern sie nicht nur die Campingplätze, sondern belegen auch ganze Hotels und Gasthöfe.

Wenig später erreichen wir die Diemelquelle (km 11,5). Kaum zu glauben, aber das unscheinbare Rinnsal schlängelt sich 110 km durch die Landschaft und ist neben Fulda und Werra einer der Quellflüsse der Weser.

Jetzt folgt eine etwa 5 Kilometer lange Runde um und über den Hohen Plön mit herrlichen Aussichtspunkten. Es muss einfach gesagt werden: „Panoramalauf“ ist eine treffende Bezeichnung. Wer fürchtet, außer Bäumen hier nichts zu sehen, kann ich beruhigen. Nicht nur das ständige Auf und Ab, der Wechsel von Trail- und Wanderpfaden, Wiesen- und Waldwegen, blühende Sträucher und Wiesen sorgen für Kurzweil. Von vielen Punkten hat man herrliche Aussichten auf die umliegenden Berghöhen, kleine Dörfer und Ortschaften.

Wer sich hier langweilt, hat nicht die Augen offen. Und das kann sich auf den teilweise rustikalen Wegen rächen. Die Steigungen können schon mal recht ungemütlich sein, sind aber niemals lang. Der größte Teil der Strecke verläuft so zwischen 650 und 750 m mit einigen „Ausschlägen“ nach oben. Gemeinerweise wird der höchste Punkt der Strecke erst ganz am Schluss erreicht.

Das Wetter ist genial. 20 Grad werden maximal erreicht, auf den Höhen sind es weniger und auf einigen schattigen Passagen, wo sich die Feuchtigkeit der Nacht lange hält, ist es sogar angenehm kühl.

Bei km 18 kommen von rechts die 33 km- und Halbmarathonläufer und sorgen kurzzeitig für etwas Belebung. Später treffen wir auch auf ein paar Walker, über die Achim Achilles ja bereits alles gesagt hat. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Cornelia, Paul und ich bilden schon die ganze Zeit ein Team, das unterschiedlicher nicht sein kann. Paul ist mit seinem Bike ja sowieso außer Konkurrenz und während ich die Berge ganz gut hoch komme, lässt  Cornelia da etwas nach. Dafür halte ich mich auf flachen und vor allem abschüssigen Wegen etwas zurück und sie gibt mächtig Gas. Bei Verpflegungs- und Aussichtspunkten treffen wir dann immer wieder zusammen.

Ein Aussichtspunkt erster Güte ist der Clemensberg (838 m, km 26). Steht man am Gipfelkreuz, mit dessen Errichtung ein Soldat nach dem zweiten Weltkrieg ein Gelübde eingelöst hat, blickt man auf die fast waldlose Hochheide. Nur ein paar zerzauste alte Bäume und Hecken sind zu sehen, sonst sieht man nur Heidekraut und Heidelbeersträucher.

An der Hochheidehütte gibt es erneut Verpflegung (wie immer Wasser, Iso und Bananen) und Applaus von der gut besuchten Terrasse. Mir gefällt dieser Streckenabschnitt besonders gut und ich bereue die lange Anreise hierher keinen Moment. Die nächsten sechs Kilometer verlaufen wellig immer auf einer Höhe von knapp 800 m.

Bei der Großen Grube (798 m, km 33) wartet eine schwere Prüfung. Es ist eine 4 km lange Schleife um und auf den Ettelsberg zu laufen. Vier, fünf Marathonis kommen uns entgegen. Der Gedanke, sich ihnen anzuschließen, kann da schon aufkommen. Aber Paul passt auf, dass sich keiner von uns „verläuft“. Unser nächstes Zwischenziel liegt oben, der Weg führt uns aber abwärts. Mist. Erst an der Kehre auf dem Skihang geht es nach einem Blick auf Willingen mit deutlicher Steigung weiter. 

Bald ist der 59 m hohe Hochheideturm zu sehen. 241 Stufen (oder ein Aufzug) führen zur verglasten Aussichtsplattform. Eine andere Variante ist die Kletterwand, mit 41 m die höchste in Europa. Der Ettelsberg (838 m) ist nichts anderes, als ein gewaltiger Ganzjahres-Sportplatz. Im Winter tummeln sich hier tausende Skifahrer, im Sommer Biker, Wanderer und heute auch noch Läufer. Um den Berg schneesicher zu machen, ist er von einem ausgeklügelten Rohrleitungssystem durchlöchert, das, von einem eigens angelegten See gespeist, die Beschneiungsanlagen mit Wasser versorgt. Die Ettelsberg-Seilbahn kann bis zu 2400 Personen pro Stunde noch oben befördern. Berühmt ist Siggi’s Hütte. Im Wintern belagern an manchen Tagen 3-4000 Leute den Schnapstempel.

Der höchste Punkt ist erreicht, es geht abwärts. Langsam muss ich mich von der Hoffnung verabschieden, den einen oder anderen schwächelnden Marathoni einzuholen, um die Rote Laterne loszuwerden. Auf Cornelia kann ich da nicht zählen. Sie schaut eben zur Uhr, rechnet sich aus, dass sie unter 5 Stunden bleiben kann und gibt Gas. Nicht dass mich der Gedanke belasten würde - aber bis heute war ich niemals Letzter. Dass ich nicht einen Läufer, eine Läuferin überholen kann, ist neu. Haile Gebrselassie passiert das bei fast jedem Rennen.

Der Weg durch den dichten Fichtenwald ist breit und gut zu laufen. Cornelia ist 30 Meter vor mir, der Biker hinter oder neben mir. Ich freue mich, dass es so gut läuft. Mein bester Lauf seit meinem Comeback, und dann Letzter. Da, Cornelia fasst sich an den Oberschenkel. Ein Krampf? Nein, wohl nur eine lästige Mücke, sie läuft weiter. Ich lasse meinen Foto stecken, außer Bäumen gibt es jetzt sowieso nichts zu sehen. Ich bleibe dran, kann aber keinen Boden gut machen. Ich will sie ja nicht überholen, gönne ihr den Zweitletzten. Ich möchte nur nicht abgeschlagen im Ziel eintrudeln.

Km 39, km 40, im Eiltempo erreiche ich die Hinweistafeln. Dann eine Spaßbremse in Form einer kurzen Rampe und ich kann den Abstand verringern. Der Rest ist schnell erzählt. Cornelia läuft knapp unter 5 Stunden ins Ziel, ich dicht dahinter. Der Sprecher und die Zeitnehmer freuen sich gemeinsam, denn jetzt ist Feierabend.

Mein Fazit? Wenn mir noch einmal auf einer so schweren aber so schönen Strecke ein solcher Lauf gelingt, mache ich gerne wieder den Letzten.

Marathonsieger

Männer

1  Nahen, Mathias TV Jahn Bad Driburg 02:52:42 
2  Heckmann, Florian   Team ERDINGER Alkoholfrei 02:57:23 
3  Schrage, Burkhard   Marathon Soest 02:57:42 

Frauen

1  Geiken, Annette   LG RWE Power 03:24:20
2  Werner, Nadine     03:53:41 
3  Rosentreter, Beate  SG Generalvikariat Paderborn 03:56:26 

101 Finisher

12
 
 

Informationen: Willinger Panoramalauf
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