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Laufberichte

Wintertraum am Mont Blanc

02.09.12
Autor: Joe Kelbel

Von dem Aufstieg nach Bovine hatte ich gelesen: das Brutalste was der Läuferwelt zugemutet wird. Trupps von etwa 10 Läufern schließen sich zusammen. Frank erzählte später, er hätte den Coca-Cola-Weihnachtslaster und fliegende Leuchtschlangen gesehen. Jens brach sich 2007 beim UTMB den Arm, er lief weiter, auch er bekam Halluzinationen: „Auf dem Boden sah ich Brötchentüten unseres Bäckers, die sich beim Pieksen mit meinen Stöcken als Steine entpuppten.”

Ich sehe im Scheinwerfer nur die hohen Felsbrocken, durch die die braunen Kaskaden des Schmelzwassers stürzen. Ab 1500 Meter Höhe wandelt sich der Regen in Schnee.

Es ist die Hölle der Klimakatastrophe: Schnee im August! Die Äste der belaubten Büsche hängen tief vom Nassschnee in die Laufstrecke und geben jedem Läufer eine Ladung von oben in den Kragen. Im knöcheltiefen Schlamm bleiben die Schuhe stecken. Wie Kegelfiguren fliegen wir immer wieder auf die Fresse. Zwei wichtige Wörter der Nacht:  „Merde, Putain!” Nasse Luft frisst Sauerstoff, H2 O, wie es jeder kennt, ist ein Killer, saugt dir in der Höhe das Wasser aus dem Mund. Scheiß Osmose von gehirndimmenden Membranen: „Leg dich hin! Schlaf ein! Vertraue mir!“

Sturzbäche locken mit klarem Wasser im Scheinwerfer. Ich knie mich nieder, um zu trinken. Durch Ungeschicklichkeit wir meine Wasserflaschen zerdrückt. Markus bettelt einen Engländer nach Wasser an, er hat verpennt seinen Wasserschlauch zu füllen.

Langsam gehen? Geht nicht! Jeder Felsen muss gestemmt werden. Heiseres Husten quält mich, der Schnee peitscht Nadeln in den Kragen. Ich kann so nicht stehen bleiben, um Kleidung und Ausrüstung zu sortieren.  Die Mütze passt nicht mit der Lampe, die Handschuhe sind Schrott. Ich habe eiskaltes Dreckswasser an den Flossen, Sand knirscht im Mund und die Augen tränen vor Kälte. Zerbrochene Stöcke markieren den Weg, eine blaue Unterhose auch, nicht meine, die muss blutrot sein.

Sturmangriff auf die Transmitterwand, Entsendung der Anti-Schmerz-Einheiten. Milz an Großhirn, der Highway der Schmerzen nimmt mich gefangen, wer feuert eigentlich auf mein Hirn? Kann man Brutalität sichtbar machen? Apokalypse im Kopf, ich erwarte keine Gnade. Nie! Wer hoch hinaus will, muss Demut haben! Der Letzte räumt den Müll weg, die Toten bleiben.

Bei Sauerstoffmangel werden gestandene Ultraläufer zu Kleinkindern. Die Rennleitung hat strikte Anweisung gegeben: Lasst Niemanden verrecken! Ich bin Kleinkind, versuche zu telefonieren. Das ist nicht einfach, weil ich am Arsch bin. Da liegt einer, der will nur noch schlafen. Der ist weg, ganz weit weg von dieser Welt.  Ich kämpfe selber, will nur ans Überleben denken, doch dieser Typ hier ist offensichtlich nicht mehr unter uns. 

Bei solchen Extremläufen werden Kameraden geboren, Nationen greifen sich unter die stinkenden Arme, jeder könnte der Nächste sein. Der Schleier der eisigen, dunklen Nacht breitet sein Schweigen aus. Verdammt, wenn ich das überlebe, dann … äh quatsch, Kippen und Bier gehören zum Leben!

Brutale Stunden später, 23 Uhr Bovin  (1987 m), km 64. Ich habe den schlimmsten Anstieg meines Lebens hinter mir. Eis, Schnee, Wind, Unterzuckerung und nun der Stress in der alten Sennhütte, dessen Boden durchgebrochen ist. Dampfende Zombies mit zerrissenen Gesichtern, Hände in Gefriertüten, Gesichter in der Gruft. Wie fühlt es sich an, wenn man die Grenze erreicht? Wie viel muss man riskieren, um eine Legende zu werden? Höher, schneller, tot? Nein, niemals! Ich kann es, zähle zu den Kameraden, die ein Leben lang äußerst hart für diesen Lauf gearbeitet haben, Entbehrungen und Trainingsroutine. Wir sind Vorzeigemodelle des Machbaren, unsterblich im Triumpf des Zieleinlaufes, wenn er denn mal käme. Reif für die Reise zum Mars. Unser Leben für die, die nach uns kommen.

Noppenfolie von meterlangen Rollen, Goldfolie und Wolldecken. Heiseres Bellen aus kalten Läuferlungen. Elende, jämmerlich wimmernde Gestalten sitzen hilflos zittern und mit Tränen in den Augen auf wackligen Balken, von denen heiße Suppenschüsseln fallen. Cola übers Bein, Suppe überm Arm, es ist brechend voll und nicht nur das. Ein tiefes, erbärmliches Röhren eines waidwunden Elches weckt mich, Helfer schicken mich zum Kotzen nach draußen. Dort ist es kalt. Also wieder rein.

Tief Luft holen, beruhigen und die Magentabletten vom Rewe einwerfen. Die sind gut, wenn nicht bei jedem Atemzug diese trockenen Restposten aus dem Rachen fegen würden. So ist man nicht interviewfähig, aber wer ist das hier schon? Fernsehteams und Fotografen sind Schönwetterschwuchteln, das ist gut so! Auch ich muss mich hier an ästhetische Grenzen halten, schließlich gibt es hier keine Intim-Deckung und ein Nichtläufer hat keinen Respekt vor wundgescheuerten Wölfen. Wer hier noch Zeit und Appetit hat, irgendwas zu schauen, der ist nicht ausgelastet, sollte sofort wieder raus in den Blizzard!

Dann versuche ich mir Noppenfolie in die Kleidung zu stopfen. Doch Noppenfolie lässt sich ohne Messer nicht teilen. Messer war als Ausrüstungsgegenstand empfohlen. Also nehme ich meine Goldfolie aus der Verpackung, klebe mit Verbandsmaterial meine Handschuhe zusammen, die durch einen Sturz geplatzt sind.

Egal wie ich es angestellt habe, nach 30 Minuten läuft Joe vollgestopft mit Verpackungsmaterial und Goldfolie in völlig durchnässter Kleidung, dick wie das Michelin-Männchen in den glitschig-eisigen Abgrund.

Später werde ich gefragt, wie ich es mit meinen Nike Free dort hinunter geschafft habe. Nun, während all die Angsthasen mit ihren Carbondingern haltsuchend in schlammigen Sturzbächen stochern, springe ich von Ekelpfütze über Ekelrührei in Siffpampe, denn was in quitschenden Wabbelschuhen drin ist, das wird beim nächsten Sprung rausgequetscht, spritzt aufgewärmt nach oben. In der Kälte sind die Füße so geschwollen, dass ich jetzt seltener einen Schuh im Morast verliere, bin jetzt schon  King. Gaby erzählt, dass bei diesen Einlagen mit den Flügeln das Gel bei extremer Inanspruchnahme eklig wird. Nun, meine Einlagen haben keine Flügelchen, rutschen hinten an der Ferse raus, riechen auch nicht besonders.

1 Uhr. Erstes Überlebensfoto in einer Kneipe in Trient (1300 m) km 71 (Cut Off 04:00), warmer Ofen. Ein Amerikaner, arbeitet für „Chaos-Events”, gibt mir Erdnüsse. Ist hier eh wie im Affenzoo, wie die mich anglotzen. Als ich mein Regencape ausziehe, randaliere ich lautstark die Lampe von der Wand. Ist ziemlich unangenehm, wie das scheppert. Spätestens jetzt weiß jeder, dass ich hier bin. Ich zahl` das nicht, bin doch der einzige Normale hier! Schmelzwasser mit Dreckklumpen markieren meinen Radius. Haltet Euch fern von mir! Die Verbandsmaterialhandschuhe landen klatschend auf dem Ofen, der triefende Rucksack nässt das Polster, aus den Rändern der Schuhe quillt das Gebirge - mir doch egal, ich bin Ultra!

Aufgerissene Münder und Augen sind auf mich gerichtet, während ich vom Schnee dort oben berichte. Ich stinke wie ein Iltis in der Paarungszeit, jeder beugt sich über mich, will zwar Fotos sehen, aber keine Paarung. Alles Vollstoffel, genetische Auslese gibt es hier und nicht in Charmonix in der Fußgängerzone!

Die Süße, die auf ihren Verlobten wartet, erklärt mir die folgende Strecke: 800 Meter  hoch auf 2000 Meter, in den verfluchten Schneesturm, dann wieder 800 Meter runter zur nächsten Station Vallorcine. Ich könnte „Scheiße” in mindestens in 10 verschiedenen Sprachen brüllen, doch ein Ultraläufer schweigt, presst die Lippen zusammen, kann doch eh niemand mein Leiden nachvollziehen. Aber grinsen kann ich noch und über die Paarung lässt sich ja noch verhandeln. Meine eMail-Adresse steht unter diesem Bericht.

Um 2 Uhr begebe ich mich zuerst ins Verpflegungszelt nebenan und dann zur Sani-Station, um mir eine neue Rettungsfolie geben zu lassen. Das nächste Abenteuer beginnt. Der Wintertraum mit Aufstieg zum Catogne (2027 m). Nicht mehr ganz so steil wie der nach Bovine, dafür viel, viel länger. Wunderschön die schneebedeckten Tannen.

Es ist einsam hier oben, bin allein. Ein paar Lichter schweben über mir, ansonsten habe ich still und leise meinen eigenen Weg zu gehen. Es sind die schönsten Momente, der Kampf gegen alles Übel der Welt und die daraus folgende Wiedergeburt der eigenen Seele geben Kraft. Wenn da nicht die vergebene Paarung gewesen wäre…

5 Uhr. Ankunft in Vallorcine (1260), km 81 ist erreicht. Cut Off Zeit 6:45. Auf dem Schild ist der Aufstieg zum La Tete aux Vents (2130) mit schwarzem Klebeband getilgt. Ein Glück. Wir gruppieren uns unter dem Heizschirm. Ich frage nach Bier.  “You want bread?” “Beer!”  “Bread?” “Nix Bett, Biiiier!“

Der Bergkäse schmeckt wie meine knusprig-schlammige Socke. Ohne was zu trinken oder zu essen mache ich mich um 5:30 Uhr auf den Bergkäse, äh auf die Socken. Was für ein Scheiß hier! Ihr merkt, eigentlich habe ich voll gelacht. Ich habe eine Tube Aro-Tomatenmark dabei, die drücke ich mir jetzt in den Hals. So was kennt ihr Austernfresser nicht! Ihr habt das feuchte Klopapier erfunden, wir die Bierdose!

 
 

Informationen: Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB)
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