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Laufberichte

Hundert Kilometer um Ulm herum

12.06.09

Der lange Lauf durch die Nacht

Und dann werden wir auf die lange Reise weit um Ulm herum losgelassen. Vom nebenstehenden Bierzelt haben sich Hunderte Besucher eingefunden. Wahrscheinlich haben die so ein Spektakel auch noch nicht gesehen. Die haben es dann gut. Noch eine Maß Bier und dann in die Koje.

Nach der dreiviertelten Stadionrunde unter Begleitung des Feuerwerkes verlassen wir das Stadion. Nach wenigen Metern haben wir Blaustein verlassen. Es geht auf einem Radweg entlang der Blau durch die Wiesen. Ich höre, wie eine Einheimische ihre Lauftrecke in diesem Tal lobt.

Der nächste Ort ist Arnegg. 1292 erstmals urkundlich erwähnt, gruppierte sich der Ort um die gleichnamige Burg, von der heute nur noch Reste erhalten sind. Die Hauptstraße ist für uns an der Seite abgesperrt.

Dann verlassen wir den Ort. Eine längergehende Steigung für vielleicht drei, vier Kilometer bringt uns schon viele Höhenmeter als ersten Test. Ja, der Kurs soll an die 900 Höhenmeter haben, wohl kein Zuckerschlecken. Einer der Läufer muss mal für ein kleines Geschäft an den Straßenrand. Und aufgrund des feuchten Grases ziehts ihm die Füße weg und er rutscht fast in den Straßengraben. Aber nichts ist ihm passiert.

Kilometer 10, Erstetten. Der Ort liegt auf der Hochsträß, einer Hochfläche der Schwäbischen Alb. Diese Hochfläche wurde früher durch die nördlich fließende Urdonau von der Alb getrennt. Hier finden wir die erste Verpflegungsstelle. Es gibt Wasser, Isogetränke, Riegel, Kuchen. Ich greife gleich voll zu und schlucke zwei Becher des Zuckerwassers plus Kuchen.

Ein paar Meter hinter der der V-Stelle haben sich die Begleitradler eingefunden. Da versucht man sich mit Zurufen zu finden. Und das klappt problemlos, wie ich das in den wenigen Augenblicken erkennen oder besser hören kann. Das wurde gut geregelt. Ach ja, für 20 EUR können die Radbegleiter das volle Servicepaket der Läufer nutzen (incl. eigenem Begleitershirt).

Kaum haben wir Erstetten verlassen, geht es in die dunklen Wälder des Hochsträß. Eine nicht endende Karawane aus Glühwürmchen hinter mir, der Gedanke kommt mir, als ich mich immer wieder kurz umdrehe.

Ein Wort zur Streckenmarkierung: Pfeile sind zwar auf dem Boden, aber jetzt in der Dunkelheit sind entsprechende Abzweige mit Leuchtdioden angestrahlt. Und immer wieder hängen rote Leuchtstäbe an Zweigen und Ästen. Es ist nicht schwer, sich zu orientieren. Aber ich würde abraten, hier ohne Stirnlampe an den Start zu gehen. Die Wege sind manchmal etwas ruppig, auch liegen vereinzelt Äste auf dem Weg.

Irgendwie komme ich dann an den Max Schiefele aus Mögglingen. Aufgrund seiner Herkunft aus Regensburg und seinem Dialekt sind wir sofort auf einer Wellenlänge. Wir tauschen uns aus und vertreiben uns so laufend die Zeit. Er berichtet mir von dem verregneten Alpinmarathon in Liechtenstein in der letzten Woche und dass es heute sein erster Hunderter werden soll. Zu zweit geht es halt leichter.

Kilometer 20. Eine weitere V-Stelle mit zusätzlichem Angebot mit Obst, Hefezopf, Salz und weiteren Delikatessen finden wir in Erbach. Die 15000-Einwohner-Stadt liegt beiderseits der Donau. Weithin sichtbar ist das im 16. Jahrhundert erbaute Renaissance-Schloss. Ein Teil davon ist als Museum, Theater und Gaststätte genutzt. Gleich daneben liegt die barocke Pfarrkirche St. Martin aus dem Jahr 1767. Die Vierer-Staffel können frische Kräfte in den Wettkampf bringen. Für uns heißt es weiter. Kurz danach wird die Bundesstrasse 311 und fachkundiger Absperrung der Feuerwehr überquert. Viele Helfer haben die Organisatoren fürs Absperren und an den V-Stellen akquiriert.

Wir laufen nun durch das Industriegebiet Erbach und überqueren anschließend die Donau. Für die nächsten 40, 45 Kilometer sind kaum Höhenunterschiede zu belaufen. So tangieren wir die Orte Donaustetten und Unterweiler.

Ich glaube, es ist in Unterweiler, als ich eine Bierflasche an der V-Stelle entdecke („Ha, da gibt’s a Bier!“) und mir den Gestensaft unter Gelächter der Helfer hinter die Binde kippe. Max mahnt Max zu mehr Defensive, da der Weg noch weit sei. Also langsamer.

In Unterkirchberg biegt unser Kurs Richtung Süden ab, das erkenne ich am nunmehr am Himmel stehenden Mond, auf den wir zulaufen. Es ist ja nun Samstag und Mitternacht ist vorbei. Eine fast idyllische Situation mit dem Mond am Horizont.

Ein schneller Läufer überholt, flucht und murmelt was von einer Stunde Verlaufen in einem Wald. So schnell wie der da war, ist wieder weg. „Sein Problem werden wir nie erfahren“, sagt Max. „Kann uns ja eigentlich wurscht sein“, meine Meinung und „fürs Verlaufen war er wohl selbst schuld, es ist ja alles gut ausgeschildert.“

„Essendorf grüßt die 100 km-Läufer“ lese ich auf einem Schild. Da geht es wieder ein wenig bergauf, vielleicht 30 Höhenmeter. In Oberkirchberg liegt an der V-Stelle ein Camembert auf dem Tisch. Dazu brauch ich nicht mal ein Brot. Und von einem Helfer erbettele ich mir einen Schluck Bier. „Nur wenn Du keine Schweinegrippe hast, kriegst einen Schluck.“ So die Forderung des Mannes.

Wir tangieren nochmals kurz Unterkirchberg, bevor wir nun Richtung Norden entlang der Iller laufen. Max weist auf sein Knie hin: „Hoffentlich hält das durch.“ Und. „In Wiblingen werde ich eine Pause einlegen.“

Dann nach etwa zwei Kilometer entlang der Iller laufen wir in das Kloster Wiblingen hinein. Wieder eine gut ausgestattete V-Stelle. Max sorgt sich um sein Knie und schickt mich weiter.

Kloster Wiblingen ist das bekannte barocke Bauwerk der Benediktiner aus dem Jahr 1093. Die Klosterkirche wurde 1993 von Papst Johannes Paul II zur Basilika minor erhoben. Ein Teil des Klosters wird heute als Altersheim benutzt.

Ich verlasse alleine die Klosteranlage und habe einen Läufer im Genick, der wohl keine Stirnlampe hat. Meine funzelt mehr schlecht als recht. Mit einigen Schlenkerern im anschließenden dunklen Wald bin ich froh, dass nach kurzer Wegstrecke wieder die Iller erreicht wird. Wir überqueren später den Fluß und laufen weiter Richtung Neu-Ulm.

Seit geraumer Zeit höre ich Musik von vorne. Ist das schon die V-Stelle beim Roxy (Kilometer 50)? Kann eigentlich nicht sein, da fehlen noch ein paar Kilometer. Und dann kommt die Musik vom anderen Ufer herüber. Weiss der Teufel, was das für eine Veranstaltung ist. Mit uns hat das nichts zu tun, so mein Resümee, als die Musik wieder leiser wird.

 
 

Informationen: Ulmer Laufnacht
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