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Laufberichte

Wassersport am Tollensesee

18.06.11

In den 1830er Jahren wurden am Ufer des Tollensesees erste Badeanstalten und bald darauf Ausflugsgaststätten eingerichtet. Nahe dem Ufer wurden Spazierwege angelegt. Erst 1904 wurde ein Promenadenweg von der Goethestraße zum Badehaus gezogen. Während des Ersten Weltkriegs legten Kriegsgefangene Entwässerungsgräben an.

Das Glitzern des Sees durch alte Baumriesen übt auf mich, als einstige Wassersportlerin, eine ganz besondere Faszination aus. 2010 haben hier die Wakeboard-Weltmeisterschaften stattgefunden. Auch Taucher kommen hier auf ihre Kosten. Der bekannteste Tauchplatz ist die ehemalige Torpedoversuchsanstalt. 1942 wurde eine künstliche Insel von Arbeitern und Häftlingen in den Tollensesee erbaut. Grund der Erbauung der Insel und der mehrstöckigen Kommandozentrale waren die Probleme der deutschen U-Bootflotte mit ihren Torpedos. Der Lauf der Torpedos konnte über den gesamten Seeverlauf mittels eines Kabels verfolgt werden.  Unter der Oberfläche des Sees liegen noch heute Relikte der Versuchsanstalt.

1945 erfolgte die Zerstörung der Kommandozentrale (nichts sollte dem Feind in die Hände fallen). Danach wurden die Insel und einige Bauwerke an Land in Brand gesetzt. Nach mehrmaligen erfolglosen Versuchen, die Kommandozentrale zu sprengen und einzuebnen, baute man ein Leuchtfeuer auf die Trümmerinsel und überlies sie der Natur. Heute befindet sich darauf ein Vogelschutzgebiet und darf nicht betreten werden.

Lange geht es flach und stets am Ufer des Tollensesees entlang. Nach und nach teilweise hügelig mit sanften Steigungen kommen wir in eine Bilderbuchlandschaft. Soweit das Auge reicht: ein einziger bunter Blütenteppich.
Man sieht die großen Rapsfelder. Der Raps ist leider schon verblüht und verfärbt sich nun leicht braun. Eine Pflanze trägt mehr als tausend Samen.

Wir finden von Anfang an das richtige Tempo. Ich höre nichts, nur die Vögel und die Schritte von Kay. Es herrscht eine besondere Kommunikation zwischen uns, auch ohne zu sprechen. Alles riecht nach Kamille. Die Kamille lindert Magenbeschwerden, Erkältungen, heilt Wunden und beruhigt Körper und Geist. Der Duft der ätherischen Öle steigt in unsere Nasen. Ihre beruhigenden Inhaltsstoffe bewirken dass sie gut als Schlummertrunk geeignet ist. Bei diesem intensiven Dufterlebnis, müssen wir aufpassen, nicht vor Müdigkeit ins Gras zu fallen.

Man möchte die Zeit festhalten. Aber es liegen noch zu viele Kilometer vor uns. Wir laufen und glauben, das Gras wachsen zu hören und staunen. Wunderschöne hellbraune Kühe liegen in der Sonne. Pferde stehen auf den Weiden. Die unscheinbare Feldlerche berührt uns mit ihrem Gesang.

Eine schmale Allee führt von der Dorfstraße zum Landsitz. Hier haben wir fast die Halbmarathon-Marke erreicht. Während wir Schritt um Schritt nebeneinander herlaufen, können wir in die Gesichter der uns nun entgegenkommenden Läufer blicken.  Manch einer schimpft verkrampft und kämpferisch vor sich hin, ein anderer führt über die Marathon-Distanz seinen kleinen Hund aus und der nächste will unbedingt gewinnen. Sie sind alle flott unterwegs, nicht nur weil sie sowieso schneller sind, sondern weil es für sie bergab geht. Durch den langen Anstieg pocht das Herz stärker als es der Laufrhythmus diktiert.

Fast am Ende der Erhebung laufen wir in einen der schönsten Landschaftsgärten zum Schloss Hohenzieritz. Auch das 18. und 19. Jahrhundert hatten eine „Königin der Herzen“: Die preußische Königin Luise (1776–1810). Luise, vom Volk verehrte und wenig konventionelle Prinzessin, die auf Schloss Hohenzieritz mit jungen 34 Jahren starb, hatte ein bewegtes Leben. So hat sie den Körper des Zaren Alexander leidenschaftlich mit dem des Herkules verglichen und  dem siegreichen Napoleon Bonaparte vergeblich die liebliche Stirn geboten. Sie hat zehn Kinder geboren, von denen –für damalige Verhältnisse erstaunlich – immerhin sieben das Erwachsenenalter erreichten. Als Sterbeort der preußischen Königin Luise wurde Hohenzieritz europaweit bekannt. Wir kommen nun an der 1806 erbauten Schlosskirche vorbei, nur noch ein kurzes Stück nach oben und nun geht es auch für uns lange auf Asphalt bergab. Hier können wir nun auch ein wenig Zeit gutmachen. 

Weiter geht es durch die südlichen Niederungen der Lieps und durch die Prillwitzer Tannen. Ein Hinweisschild zeigt den Weg bis zum Jagdschloss Prillwitz, welches mitten im Naturschutzgebiet Nonnenhof liegt. Am Schloss sollen Hängebauchschweine frei herumlaufen.

Die nächste Quizfrage: Was sind die Unterschiede zwischen Schlössern, Herren- und Gutshäusern? Das Schloss bewohnt die Herrscherfamilie, das Herrenhaus der Adel, das Gutshaus der Gutsherr.

Wie gerne würde ich mich jetzt hier irgendwo an den Strand vom See setzen und zur schilfumsäumten Fischerinsel schauen, stattdessen haben wir noch einen Anstieg bis Alt Rehse vor uns.

Wir versuchen unser Tempo annähernd zu halten. Ich muss an Karlheinz denken, der heute zum 29. Mal auf der Strecke in Biel unterwegs ist. Also, positiv denken und weiter - was sind schon 42 KM?

Alt Rehse ist ein Dorf mit reetgedeckten Fachwerkhäusern der 30er Jahre. „Reta“ wurde 1182 erstmals als Besitzung des Klosters Broda erwähnt. Hier ist auch der neue Dorfteil der „Trollense-Lebenspark“. Damhirsche, Wildschweine und der Pommernadler sollen hier angesiedelt sein.

Bei etwa KM 33 kommen wir wieder in die direkte Nähe des Sees. Es ist Mittagszeit und wir haben Hunger. Vor meinem inneren Auge schwimmt ein Hecht, Aale und Barsche – natürlich alle in gegrilltem Zustand, vorbei. Der Himmel hat sich zugezogen. Plötzlich, in nächster Nähe, gibt es einen Blitz und gleich darauf ein Donnerschlag. Vor Erschrecken schreie ich auf. Der Regen rinnt die Betonblatten herunter, der Schritt wird schneller, wir nehmen wieder „Fahrt“ auf.

Mit der richtigen Einstellung kann nichts schöner sein, als im warmen Regen zu laufen. Wenn die Haare strähnig im Gesicht kleben, das Salz vom Gesicht in die Augen läuft und brennt, die Nässe in den Schuhen quietscht und diese zu wahren Klumpen an den Füssen werden. Und wieder mitten rein in die nächste Pfütze. Der Weg führt nun zum Zeltplatz "Gatscheck". Von den Dauercampern ist bei diesem Wetter niemand zu sehen. Umgeben ist der See von ausgedehnten Schilfgürteln und ich kann mir vorstellen, dass es der Uferangler ziemlich schwer hat, an den See zu gelangen.

Weiter geht’s über urige Kopfsteinpflastersteinstraßen, wobei das Wort „urig“ nicht das ausdrückt, was sich gerade spitz in meine Schuhsohlen bohrt. Ich versuche am rechten oder linken Straßenrand zu laufen, aber dort versinke ich mit den Turnschuhen im knöchelhohen Wasser und Schlamm. Nur noch etwa 4 Kilometer bis zum Ziel. Es tropft nur noch leicht und die Sonne kommt durch die Wolken. Leider können wir dies nicht mehr fotografisch belegen, da die Kamera nicht so viel Freude an dem Niederschlag hatte wie wir, und damit die Arbeit eingestellt hat.

Jetzt zeigt sich, ob sich unser Training ausgezahlt hat. Immer wieder begegnen einem Läufer, die man im Startbereich „gemustert“ hatte. Auf den letzten Kilometern bemerkt er, wie ich an ihn herankomme und überhole, da holt er nochmal alles aus sich heraus. Ich glaube, viele kennen diese Situation. Oder die netten Fürsorglichen auf der Strecke: „Komm Mädchen, das schaffst du noch“. Aber wehe, wenn ich es mir besser eingeteilt habe wie er und ihn doch noch vor dem Ziel überhole…

Im Ziel erfreuen wir uns über die schön gestaltete Medaille für die heimische Sammlung und beim nächsten Lauftreff werden wir das schöne und (passende) Funktions-Shirt gleich ausführen.

Open Air werden bei Volksfeststimmung dann alle Sieger und AK-Podiumsplatzierten geehrt. Leider habe ich zulange unter der heißen Brause gestanden und Erfahrungsberichte in der Umkleide ausgetauscht, so dass ich am Ende zur Siegerehrung zu spät komme. Es konnte ja keiner ahnen, dass ich doch 2. AK geworden bin. So erhalte ich meine Urkunde von Jörg und wir schwärmen von dem schönen Lauf und bedanken uns für die einwandfreie Organisation.

Der See gehört zu den reinsten und wundervollsten Gewässern in Mecklenburg-Vorpommern und ist damit ideal zum Baden, Segeln, Surfen, Angeln und Boot fahren. Vielleicht, so denke ich bei mir, können wir uns ja morgen ein Motorboot ausleihen und uns die Laufstrecke mal von der Wasserseite betrachten – rundum -  vielleicht, wenn es nicht regnet.

Fazit: Der Lauf ist besonders für Naturfreunde, die die weitgehend intakte Natur genießen möchten und eine familiäre Atmosphäre schätzen. Wir möchten an dieser Stelle alle Läufer, die sich bislang noch nicht auf die Marathonstrecke gewagt haben, dazu ermuntern, doch zumindest einmal in ihrem Leben den See zu Fuß zu umrunden. Es lohnt sich wahrhaftig.

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Informationen: Tollenseseelauf
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