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Laufberichte

Das war einmålig!

15.07.12

Km20 nach 2h05. Hinter den Bäumen kann man die Kirche von Sollentuna erkennen, davor wird eine kleine Schleife links herum gelaufen. Um die 6m hohe Säule aus schwarzem Granit, beschriftet mit „Vändpunkten“, „1912“ und „Marathon“. Die Granitsäule wurde vor kurzem übersiedelt, um diesen Streckenabschnitt für die vielen Läufer besser laufbar zu machen. Der Originalwendepunkt war 100m nördlich davon. Aber das kümmert jetzt keinen. Hier ist richtig was los, es gibt Live-Musik und einen Platzsprecher, der für Stimmung sorgt. Als ich vorbeikomme, interviewt er gerade einen kostümierten Brasilianer.

So, es geht zurück. Der Gegenverkehr ist um nichts weniger geworden. Schließlich sind die Läufer innerhalb von 40min gestartet. Da zieht sich das Läuferfeld, was auch gut ist. Es ist so schon eng genug. Bei km22 wieder unter der Eisenbahn durch. Bei der Labe km23 gibt es kurzfristig getrennte Richtungslaufbahnen. Beim nun folgenden Hakenschlagen über die Autobahn ist es nun nicht mehr so bedrohlich eng, die entgegenkommenden Läufer sind deutlich weniger geworden. Der Damenchor singt auch wieder, als ich zum zweiten Mal daran vorbei komme.

Km25 nach 2h37. Nun steht uns ein Anstieg bevor, ehe es zum Bahnhof von Sollentuna runter geht. Km26. Hier gibt es erstmals, und ich glaube auch einmalig, Bananen. Duschen kann man auch und aus Wasserwannen mit der Mütze Wasser schöpfen. Die Sonne ist wieder durchgekommen, die Schlachtenbummler machen gute Stimmung. Ich kann belgische, dänische, kanadische und österreichische Fahnen erkennen. Laufreisen.de ist da und interAir macht mit einem großen Wimpel auf sich aufmerksam.

Der Gegenverkehr ist eingeschlafen, da kommt keiner mehr. Bei km27 kommt Klaus aus Dänemark auf mich zu. Wir kennen uns flüchtig aus Bratislava, er war vor zwei Wochen beim Maribor-Marathon. Das Gespräch verkürzt mir die Zeit etwas. Mittlerweile sind die Zuschauer etwas mürbe geworden, auch weniger. Nur mehr vereinzelt erschallt das in den letzten Stunden hundertfach gehörte „Heja, heja!“.

Die Musikgruppen machen auch immer öfters Pause. Dafür geht es jetzt einmal vor allem runter. Es gibt wieder Live-Musik, diesmal ältere Herren mit Blechblasinstrumenten. Bei km29 wird der Himmel schwarz, der Wind wird stärker, ich rechne mit einem Wolkenbruch. Schwere Tropfen fallen, aber nur wenige. Nach ein paar Minuten hört es zu regnen auf, bevor es noch richtig begonnen hat.

Km30 nach 3h11. Durch ein Wäldchen kommen wir wieder an die Autobahn, einen Schluck Wasser, weiter an der Autobahn entlang. Ich bin zwar nicht mehr besonders frisch, mache mir aber immer wieder klar, was für ein Geschenk es ist, hier zu laufen. Mein Start hing an einem seidenen Faden. Ein paar Minuten auf oder ab, was soll’s? Ich werde ins Olympiastadion einlaufen!  Nicht nur einmal!  Nein, zweimal binnen weniger Minuten. Dann dass ich die 42,195km ausschöpfen werde, ist für mich keine Frage.

Ich komme mit einer Läuferin ins Gespräch. Sie hat vor, nach 40,075km zu finishen, wird das aber erst bei km35 klären, da trifft sie ihren Mann. Das wäre heute ihr 46. Marathon, aber so gequält habe sie sich noch nie. Das deckt sich ziemlich genau mit der Meinung all jener, die sich mir gegenüber zu dieser Strecke geäußert haben. Das zackige Streckenprofil ließ keinen Rhythmus aufkommen, die Anstiege und Abstiege waren meist relativ steil, wenn auch nicht besonders lange.

Aber noch ist es nicht soweit. Bei km33 verlassen wir die Autobahn, der nächste knackige Anstieg in einem Waldstück folgt. Wieder mit einer Duschmöglichkeit der es auszuweichen gilt.

Km35 nach 3h46.  Wieder bin in Berghamsra, von den „Heja, heja“-Rufern vor gut zwei Stunden sind nicht mehr viele übrig geblieben. Nun geht es wieder über eine Autobahn, der wir 2km folgen. Dann vorbei an einer Universität und in ein Wäldchen. Am Beginn des letzten steilen Anstiegs bei km38 gibt es noch mal eine Stärkung. Etwa 1km vor dem Stadion nimmt das Zuschauerinteresse wieder zu. Wieder auf den Valhallavägen wird auch meine Stimmung wieder besser. Rechts an den Absperrgittern stehen die Leute und rufen „Heja, heja, heja!“ Davon werde ich heute Nacht träumen! Die Gehsteigkante ins Stadion ist provisorisch überasphaltiert, damit nur ja keiner stolpert. Rein ins Stadion! Hurra!

Hier kann man sich entscheiden, ob man die damalige Marathondistanz von 40,075km läuft oder die seit 1920 gültigen 42,195km macht. Meine Entscheidung ist längst gefallen. Ich laufe links gegen die eigentliche Laufrichtung im Stadion und bekomme bei 40,075km eine Zwischenzeit. Die, die jetzt auf den Innenbahnen mir entgegenlaufen, sind ziemlich genau 2km vor mir. Ich verlasse am Ende der Geraden wieder das Stadion, da kommt mir Günther entgegen. Mit dem habe ich hier nicht gerechnet. Ich meinte, der wäre längst im Ziel.

Nun ist es wieder ruhig in diesem Wäldchen. Flach ist die Strecke auch hier nicht. Am Ende dieser „Ehrenrunde“ wird wohl keine Zeitnahme sein, denn viele Streckenposten stehen hier in kurzen Abständen und achten darauf, dass da nicht einer eine Abkürzung nimmt. Nach der Wende das 41km-Schild. Das tut gut. Hier werden wir von einer Offiziellen noch einmal lautstark angefeuert. Sie brüllt geradezu. Aber ich muss nicht schwedisch können um zu verstehen was sie meint.

Kurz vor dem Stadion überhole ich zwei nebeneinander Laufende und bekomme einen Schlag auf meine rechte Hand. Dabei verändert sich die Kameraeinstellung und kann nicht mehr knipsen. Zwar steht was am Display, aber ohne Brille habe ich keine Chance, diese kleine Schrift zu lesen. Außerdem habe ich die Kamera erst seit 4 Tagen und bin noch nicht vertraut damit. Ich drücke rum und will es nicht wahr haben. Kein Bild vom Zieleinlauf, ist so!

Wieder rein ins Stadion, diesmal auf der Innenspur, 42km steht auf dem Schild. Ein Gefühl zum Gänsehaut kriegen, denn hier sind viele Zuseher auf den Rängen und freuen sich mit den Finishern. Auch Evi und Manuela 100m vor der Ziellinie. Ich laufe ins Ziel und bin froh und erleichtert.

Die Siegerzeit: 2h 35min 32 sec       Meine Zeit ist mir heute ziemlich egal.  

Schöne Erinnerungsmedaillen haben sie hier: Am blau-gelben Band zeigt sie auf der einen Seite das Olympiastadion, auf der anderen ein Bild vom Olympiasieger von 1912, Kennedy Kane McArthur aus Südafrika.

Nun bekomme ich meine Kamera auch wieder in den Griff und mache Fotos und lasse mich mit geschwollener Backe knipsen. Vor dem Ausgang gibt es Sekt für alle in stilvollen Plastikkelchen. Champagner wie für die Finisher anno 1912 wäre dann doch zu teuer gewesen.

Bevor man zum abgegebenen Kleiderbeutel gelangt, wird man noch zu seiner Finisher-Shirt-Größe geschleust und erhält zum Shirt einen Beutel mit Getränken und etwas zu essen. Kaffee und Kuchen gibt es auch gratis.

Obwohl an die 12.000 Startplätze vergeben worden sind, waren letztlich nur 7.905 LäuferInnen am Start. 7.674 haben das Ziel erreicht, davon haben sich 4.709 für die 42,195km entschieden. Das angenehme Laufwetter hat sicher zur geringen Ausfallsquote beigetragen. Die Schweden haben hier eine erstklassige Veranstaltung organisiert, wie man hört mit drei Jahren Vorbereitungszeit.

Einen Jubiläumsmarathon wird es keinen mehr geben, der war einmålig!

Den nächsten Marathon in Stockholm kann man am 1. Juni 2013 laufen, auf einer viel flacheren Strecke.

Schon am 27. Juli 2012 kann man eine Art Jubiläumsmarathon in Prag laufen. Da ist es 60 Jahre her, dass Emil Zátopek in Helsinki die olympische Goldmedaille erlief.  

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Informationen: Stockholm Jubilee Marathon
Veranstalter-WebsiteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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