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Laufberichte

Ostravsky-Marathon (Ostrau, Tschechien)

06.09.15 Special Event
 

Sonntag ist Marathontag, der Start ist für 10 Uhr vorgesehen. Solch eine Gelegenheit nutze ich für ein ausgiebiges Frühstück. Sollte es jemandem einmal nach Ostrava verschlagen, so kann ich wirklich das Imperial als Unterkunft empfehlen, denn das Buffet ab 7 Uhr hat ein sehr breites Gourmetangebot. Ich bin nur überrascht, dass im Speiseraum fast nur Läufer sitzen, die offenbar alle die Qualität des Hauses zu nutzen wissen.

In der Nacht hat es geregnet, die Niederschläge sollen am Vormittag aufhören und erst am Abend wieder einsetzen. Einige Läufer haben beim Frühstück Langarm-Shirts und 2/3 Laufhosen an, obwohl es noch Sommer ist und es draußen 20 Grad hat. Jedem das Seine, denke ich mir.

Die Dame an der Rezeption hat mir ein Late-Check-out angeboten, zwischen 3 und ½ 4 würde ich das Zimmer verlassen können. Da sollte sich ausgehen, wenn ich wie geplant sub 5 finishe und mich im Hotel nicht zu lange beim Duschen aufhalte. Ich nehme trotzdem eine Tasche mit Ersatzkleidung mit, sollte der Regen anhalten. Im Untergeschoss der Dreihalle gebe ich die Tasche dann ab.

Ich stelle mich drei Minuten vor dem Start knapp vor die Spitzenläufer und knipse – dieses Bildmotiv ist zumeist als header brauchbar, weil es die Sache näherbringt: Wie bei jedem Sport soll der Beste gewinnen. Bei Laufwettbewerben sind das die Schnellsten -  und die stehen meistens ganz vorne.

Die Halbmarathonläufer sind eindeutig in der Überzahl, man muss genau schauen, bis endlich jemand mit grünen Balken in vertikaler Richtung auf der Startnummer zu sichten ist. Wenn es für mich eine Taktik gibt, dann nur diese, die erste Hälfte schneller zu laufen und ev. mit 2:10 zu beenden. Dann bleibt für eine sub 5-Stunden Finisherzeit noch viel Spielraum. Im Verlaufe des Herbstes habe ich vor, mich wieder 4:45 und darunter zu nähern.

Gleich am Beginn des Rennes gibt es eine kurze Steigung von ca. 100m, danach geht es zum Fluss Ostravice hinunter. Der Kurs verläuft weiter wellig, doch wie immer am Anfang eines Marathons laufen die meisten zu schnell. Bei den Halbmarathonläufern ist das aber Absicht, weil sie nur eine Runde zu absolvieren haben.  Phasenweise laufe ich mit 12 km/h, also viel zu schnell. Ich lasse mich zurückfallen.

Bald erreichen wir die Altstadt, die ich gestern erkundet habe. Ich knipse auch heute während des Laufes, einige Fotos werden hoffentlich verwendbar sein. Schon am Beginn eines Marathons kommt es zu Platzkämpfen, d.h. man ist auf mögliche Gegner fokussiert, die man bald in der Menge ausmacht. Sie laufen oft mit derselben Geschwindigkeit und bleiben in Sichtweite. Die Läufer mit der Startnummer 30 sowie 1189 sind ältere Jahrgänge, doch ich überhole sie noch in der Altstadt. Der Läufer mit 474 und auffallendem Kinnbart  wirkt deutlich energischer, ist auch geschätzte 20 Jahre jünger.

Wir laufen aus der Stadt hinaus in nördliche Richtung, bevor der Kurs nach Osten abschwenkt und über die Ostravice führt. Nach der Brücke befinden sich zu unserer Rechten einige baufällige Häuser, die von Minderheiten bewohnt werden. Auch in Tschechien leben Tausende Roma und Sinti, Kinder stehen am Gehsteig und wollen mit den Läufern abklatschen. Ich gebe die Kamera in die linke Hand, damit ich die kleinen Kinderhände berühren kann. Die erste Labe bei Km 5 ist in Sicht. Es gibt Wasser, Iso, einen rötlichen Saft, Bananenstücke. Ich bin unter 30 Minuten, etwas zu schnell für den Anfang, doch gefühlsmäßig kommt es mir vor, schon länger unterwegs zu sein.

Wir laufen nun wieder in südliche Richtung flussaufwärts zurück, die Ostravice liegt in einem tiefen Bett, die Uferböschung ist 8-10 m hoch und schützt somit bestens gegen Hochwasser. Nun laufe ich wieder hinter dem Mann mit der Nummer 399 in schwarzem Outfit mit Camelpack in Neongelb. Er trägt dazu auch gelbe Socken. Für den Andorra-Trail wäre er so gut gerüstet, denn der eingelegte Sack ist prall gefüllt, ob mit Wasser oder einer anderen Flüssigkeit, müsste ich erfragen. Gestern sind mir etliche Alkoholiker untergekommen mit aufgedunsenen Gesichtern und leeren Augen. Not und Elend gibt es auch in Tschechien, sich zu Tode saufen ist oft die Folge. Da ist ein Marathonlauf in einem bequemen Tempo die bessere Therapie.

Wir kommen nun das erste Mal beim Panzer und dem alten Rathaus vorbei, die ich gestern auf der Inspektionstour schon fotografiert habe. Mit den vielen Halbmarathonläufern wirkt das Feld ziemlich dicht, auf der zweiten Runde wird es sich aber lichten und es werden in der hinteren Gruppe, wo ich mich befinde, große Abstände auftreten.

Ein Brückenanstieg führt uns auf eine bis auf einen Streifen gesperrte Schnellstraße, wo es erstmals eine Begegungszone gibt. Bei Kilometer 8 kommen uns auf der rechten Seiten in Laufrichtung die voranliegenden Halb- und Marathonläufer entgegen. Ich überhole auf dieser Begegnungsstrecke zunächst niemandem, sondern versuche zu knipsen. Mitunter kommen mir einige bekannte Gesichter entgegen, die nun schon fast 2 km voranliegen.

Endlich ist die 10 km-Marke erreicht, die Labestelle befindet sich zur Rechten und wird von den entgegenkommenden Läufern frequentiert. Ich bleibe daher nicht stehen, sondern laufe gut 200 m weiter bis zur Wende. Die Zeitnehmung ist knapp vor der Labestelle aufgebaut. Für 10,4 km habe ich wegen der vielen kleinen Anstiege schon 62 Minuten benötigt.

Nun sind wir auf der anderen Seite und sehen die hinter uns liegenden, nur mehr wenige sind es, die nachkommen. Vereinzelt sind auch grüne Startnummern darunter. Es kommt zu einer Begegnung mit den schnellen 5 km-Läufern, die später gestartet sind. Der Marathonkurs führt in der Folge von der Schnellstraße herab in Richtung des Einkaufzentrums. Bisher hat uns, abgesehen von den Kindern aus dem Milieu der Roma und Sinti, noch niemand applaudiert. Die ersten Zuschauer stehen an der Ecke  Na Karolíně und října, doch sie klatschen nicht.

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