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Laufberichte

Es geht grad so weiter

01.01.10

Nach gut sechs Kilometern kommt der erste Verpflegungsposten. Er befindet sich zwar unter einer Brücke, doch hier ist nix mit Fusel. Während anderenorts der Jahreswechsel mit Champagner und scharfen Wässerchen begossen wird, gibt es wohltemperiertes Wasser und Iso nach meinem und meines Magens Geschmack. Finnenkerzen sorgen für gemütliches Ambiente; ihre Wärmeabstrahlung braucht vermutlich niemand. Trotz der hohen Luftfeuchtigkeit ist die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt ideal.

Wenig später, nach einem Sechstel der Distanz  laufen wir am Kloster Fahr vorbei und längst schon an uns vorbeigelaufen sind die Schnellen der halben Distanz. Ihr Ziel ist nicht die Kontemplation, sondern eine möglichst gute Platzierung in der Jahresbestenliste. Ersteres überlassen sie den hier ansässigen  Benediktinerinnen, die sich auch Zeit für den Weinbau nehmen. Seit der Gründung im Jahre 1130 wird im Kloster Fahr Weinbau betrieben. Diese Tradition hat das Kloster bis heute beibehalten. Die Trotte zur eigenen Kelterei und der Weinkeller wurden um 1740 erbaut und sind noch immer in Betrieb.

Das Kloster ist auch Trägerin der bäuerlich-hauswirtschaftlichen Fachschule und betreibt das Restaurant „Zu den Zwei Raben“. Wer bei Tag vorbeikommt, sieht das Wirtshausschild, welches das Wappen des Klosters Einsiedeln in Gold mit zwei schwarzen Raben zeigt. Es handelt sich um die beiden Raben des heiligen Meinrads, welche dessen Mörder mit großem Geschrei bis nach Zürich verfolgt und so die ruchlose Tat ans Licht gebracht haben.

Nachdem ich diese erste Ration Allgemeinbildung fürs neue Jahr eingebracht habe, kann ich mich der weiteren Streckenbeschreibung widmen. Auf einem unbefestigten Spazierweg geht es weiter, bis nach zwei Kilometern der westliche Wendepunkt kommt. Dass wir uns auf einem nur sehr schmalen Grünstreifen zwischen Wasser und Industriegebiet befinden, ist nachts gar nicht richtig spürbar.  Der Wendepunkt ist eine Fußgängerbrücke neben der Autobahn. Während hier das nördliche Ende der Westumfahrung Zürichs liegt, ist das südliche Ende beim Üetliberg, dort, wo –aufmerksame Leser erinnern sich – im vergangen Frühjahr kurz vor der Eröffnung der Umfahrung der Zürich Marathon gestartet  und auf den ersten Kilometern durch den gleichnamigen Tunnel unter dem Berg hindurch geführt wurde.

Wieder am linken Ufer der Limmat, geht es über die Zwischenzeitmessung, damit auch ja keiner der Versuchung erliegt, doch noch vom rechten Weg abzukommen, über eine der zahlreichen Brücken abzukürzen und sich so auf der Jahresbestenliste nach vorne zu mogeln.

Bald schon komme ich zur Abzweigung, wo die Läufer der Vierteldistanz bereits zur Sporthalle zurückgelotst und wir auf die weiteren Runden geschickt werden.

Entgegen meinen Gewohnheiten bin ich nicht so gesprächig. Trotzdem wechsle ich mit einem Läufer ein paar Worte und erfahre so, dass er heute seinen ersten Marathon zu Fuß bestreitet. Bisher hat er solcherlei  Dinge immer mit einem Sattel und zwei Rädern unter sich erledigt. Mit Bravour, notabene. Das weiß ich nicht von ihm, sondern vom Popup-Menu auf der Website der Zeitmessfirma, welches gnadenlos Auskunft über alles bisher Geleistete und Versiffte gibt, über welches dieses Institut zeitnehmerisch gewacht hat. Und beim Klick auf Claudius‘ Name kommen diese vorderen Ränge auf dem Mountain Bike aus.

Noch leisten uns die Halbmarathoniken Gesellschaft, wobei es mir gelegen kommt, dass ich im Dunkeln alleine und wortlos laufen und meinen Gedanken nachhängen kann. Zugegeben, nicht wenige Gedanken drehen sich darum, wie es mir wohl auf der zweiten Streckenhälfte gehen wird, denn meinen Beinen fehlen ein paar Vorbereitungskilometer, zudem spüre ich, dass der Onkel Doktor dem Scharniermechanismus meiner Schulter vor Kurzem ein Großreinemachen verpasst hat. Damit ich davon ein bisschen abgelenkt bin, trage ich heute erstmals einen flachen Laufschuh, der meine Aufmerksamkeit in die unteren Extremitäten zieht, wo es dort langsam zu ziehen beginnt, wo sich die Muskeln befinden, die in herkömmlichen Tretern vernachlässigt werden.

Und so drehe ich meine Runden, nicht ganz ohne Beschwerden, aber zufrieden, dass das neue Laufjahr grad so weitergeht, wie das alte, zwar ein bisschen verfrüht, aufgehört hat.

Auf der dritten Runde fühle ich mich kurz nach dem Verpflegungsposten plötzlich ziemlich schlapp. Mist, warum habe ich bisher nur getrunken und nichts Substantielles zu mir genommen. Das ist eben die Macht der Gewohnheit. Aufstehen, gut frühstücken und dann starten. So sieht das Programm im Normallfall aus, und mir wird bewusst, dass eine Startzeit um Mitternacht ziemlich weit vom Normalfall entfernt ist.

Plötzlich schweben mir Frühlingsdüfte entgegen, doch mein Verstand ist noch klar genug um zu erkennen, dass ich mir das nicht als Folge des Energiemangels einbilde. Zu chemisch kommt mir dieser Geruch entgegen, als dass es sich um Halluzinationen handeln könnte. Vielmehr kann ich diese Brise Lenor der Abwasserreinigungsanlage bei der Werdhölzlibrücke zuordnen.

Bei der nächsten Gelegenheit ziehe ich mir gleich einen der großen Beutel Gel rein, die angeboten werden. Wieso habe ich das nicht schon früher getan? Im Gegensatz zu den meisten anderen Arten dieser Kompaktnahrung ist dieses Gel richtig angenehm einzunehmen: nicht so süß, nicht so klebrig und nicht so künstlich im Geschmack. Mit dieser Stärkung kommt auch die Zuversicht zurück, dass ich den Rest dieser Runde und den vierten und letzten Teil packen werde.

Was ich seit einigen Läufen vermeiden konnte, gelingt mir heute nicht. Es gibt Läufer, die an mir vorbeiziehen. Mir ist es recht, wenn sie ebenfalls ohne Stirnlampe laufen, denn so verschwinden sie schneller wieder in der Dunkelheit. Aus den Augen aus dem Sinn.

Mathematik war bekanntlich nie meine Stärke. Trotzdem gibt es keinen Zweifel, dass ich mich bei der Weiche nochmals links einreihen und eine weitere Runde laufen muss. Ich habe zwar das Gefühl, dass drei Runden gerade die richtige Dosis waren, doch solange ich auf der anderen Seite der Limmat noch Marathoniken irrlichtern sehe, bin ich sicher noch im Zeitlimit und ein paar Längen vor dem Besenfahrrad.

Beim letzten Verpflegungsposten werde ich richtiggehend überrollt. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine Schar Läuferinnen und Läufer auf. Darunter ist auch Tristan Miller, der Australier, der heute den ersten von 52 Marathons in 52 Wochen auf allen Kontinenten läuft. Mit dem Projekt runlikecrazy.com beginnt er einen neuen Lebensabschnitt und sammelt Geld für UNICEF. Er schnappt sich schnell einen Becher Wasser und zieht unwiderstehlich schnell weiter. Wenn er in seinem Zeitplan drin ist, dann bin ich eigentlich auch noch ganz ordentlich unterwegs, er hat sich nämlich 3:45 vorgenommen.

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Informationen: Neujahrsmarathon Zürich
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