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Laufberichte

Und der Wilhelm schaut gelassen zu

30.05.10
Autor: Joe Kelbel

Dann Richtung Norden  an der Weser entlang. Alles sehr gepflegt hier. Schon gibt es eine  Wasserstation. Auf dem niedrigen Deich geht es schnell vorwärts. Rechts ruft ein Kuckuck, links eine Nachtigall mit ihrem Tageslied, die Weser dümpelt vor sich hin, ein Raddampfer quält sich flußaufwärts, und mir tun die Sehnen weh. Alles, was ich sehe, ist gemütlich, viel zu gemütlich, sauber und grün, und die Sonne kommt raus, es wird schwülwarm, Zuschauernester. An der Kaserne stehen Soldaten, im Hintergrund in den Hangars riesige Amphibienpanzer. Biergärten und Brücken, hoher Freizeitwert.

Durch eine Tiefgarage geht es hoch in die Fußgängerzone von Minden. Absperrgitter bilden lange Gassen. Keine Zuschauer, der verkaufsoffene Sonntag beginnt erst um 13 Uhr, dann werde ich auch bei  meiner zweiten Runde schon längst hier durch sein. Aber wieder auffallend: eine unheimlich gepflegte Stadt.

Bei km 10 steht Jochen, streckt mir das Mikrofon entgegen: „Und Joe, wie gefällt es dir?“ Ich sach: „Absolute Spitze, was Porta hier macht!“, und meine damit das Möbelhaus. Aber meine drei Fersensporne und meine Haglundferse machen mir Probleme wie nie.

Alle 100 Meter stehen Mitarbeiter und opfern ihren Sonntag für uns, für Streckenüberwachung oder VP-Stationen! Einfach klasse. Wieder Zuschauernester. Eine Windmühle, klasse Stimmung hier. Im Start-/Zielbereich ist die HM-Marke erreicht. Schlechte Zeit, mir schmerzt alles, ich könnte jetzt aufgeben. Brigitte sagt ja: „ Ein Halbmarathon geht immer“. Also 2.Runde.

Bei km 28 überholt mich der erste Staffelläufer und ein gewaltiger Platzregen. In all meinen Läuferjahren bin ich noch nie so nass geworden. Schweinekalt, das neue m4y-shirt klebt mir am Leib, die Bäume schicken Kaskaden aus ihrem Blätterdach auf mich nieder.

Klatschnass wieder durch die Tiefgarage in die Fußgängerzone. Autoshow, Wurst-und Bierstände. Ich zögere noch, ob ich mir eins kaufe, aber das Kopfsteinpflaster tut weh, ich will nur weiter.

Wirbellose Tiere können einzelne Teile abstoßen, die dann wieder nachwachsen. Ich überlege, ob ich mich zu einem gelben Schleimpilz verwandeln und meine Probleme und schmerzenden Stellen über den Asphalt ziehen sollte. Dann entscheide ich mich für eine Mutation zum Bandwurm. Ich würde mich in 1000 Stücke aufteilen und dann sollten die Problemstellen sehen, wie sie ins Ziel kommen.

Ich denke nach, wieviele Bücher ich über meine Läufergedanken schreiben könnte, aber dann müsste ich einen großen Mischkonzern gründen, mit Tochterfirmen und so, dann wäre ich größer als Porta!.

Langsam werden die Klamotten wieder trocken, doch sie haben schlimme wunde Stellen hinterlassen, und in den klatschnassen Schuhen schwimmen die Innensohlen nach hinten und schauen nun an den Fersenstücken steil nach oben raus. Unter einer Brücke kauern sich zwei Hübsche schon seit Stunden frierend aneinander. Mir gelingt ein gutes Foto mit Graffiti-Herz im Hintergrund.

Die Rettung aber steht bei km 33 in Form eines Kastens „Läuferbier“. Ich lasse mich nieder, trinke meinen Kummer weg und genieße diese netten Menschen, die Spass daran haben, dass ein Verrückter mit  Fotoapparat durch die Gegend rennt und schon mal ein Läuferbierchen trinkt.

Irgendwann weiter, ich fotografiere die zwei späteren Sieger des HM, als sie mit gequältem Blick an mir vorbeiziehen  und quäle selbst meine 1000 wirbellosen Teile  Richtung Ziel.

Bei km 40 schickt der Himmel ein Aufgebot an Wasser, das sich … naja, das sich gewaschen hat. Ich flüchte mich unter eine Brücke und schiesse Fotos in den Weltuntergang, muss dann aber doch irgendwann in denselben.

Links steht eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen und riesigem Schirm, brüllt mir zu: „Du schaffst das!“  Ich sach: „Ja, is klar, ne, aber mach doch  mal en Foto von mir!“ – Drück ihr meine triefende Kamera in die Hand, das Display sieht aus wie der Mümmelsee bei minus 20 Grad. „Ist ein Unterwassermodell!“ und mach den Hampelmann vor der Kamera.

Wie ich so die Arme nach oben  in den Regen strecke, macht es einen schmerzhaften Knall in der Schulter, obwohl das Teil ja nicht gelaufen ist. Aber für so einen „Mister-White-Wet-Shirt-Contest“ muss man schon mal Opfer bringen. Sie hat ja das Foto gerne gemacht, obwohl sie dafür den Schim beiseite legen muss, aber sie brüllt mir noch hinterher, ob ich keine Freunde hätte. „ Nein!“ brülle ich zurück, die wenigen die ich bei so ner grottenschlechten Zeit noch habe, die sind bei diesem Wetter schon längst im Ziel!“

In der Zielgeraden fotografiere ich noch seelenruhig  das 42km-Schild, brüllt mich doch so ein Witzbold an: „ Joe! du schaffst das! Nur noch wenige Meter!“ Als ob ich bekloppt wäre. Ich weiß doch, wie lang ein Marathon ist!

Im Zielbereich mache ich noch mal diesen speziellen Contest, sogar mit Regenschirm, denn wann hat man schon mal die Gelegenheit dazu, so nass zu werden. Dann schleppe ich meine Bandwurmsegmente  unter das winzige Verpflegungszelt.

Gerne wäre ich nochmal hoch zum Wilhelm, ein Foto für die Leser schiessen, aber ich bin kaputt. Der Wilhelm hat´s aber trotzdem genossen und schaut gelassen auf  meine 1100 wirbellosen Teile (da teilten sich noch einige schmerzende), die sich nun Richtung Bahnhof wälzen.

Abschließend nochmal ein ausdrückliches Lob an Porta! und seine Mitarbeiter. Ganz großes Kino!

Marathonsieger

Männer

1 Krumsiek, Ole (DEU) TSVE 1890 Bielefeld  02:41:07
2 Pahl, Christian (DEU) TSVE 1890 Bielefeld  02:48:25
3 Wissmann, Ingo (DEU) TV Lemgo  02:54:54

Frauen

1 Rösener, Silke (DEU) TuS Eintracht Minden  03:02:44
2 Helling, Imke (DEU)    03:24:02
3 Ganter, Katharina (DEU) TuS Eintracht Minden  03:29:47

12
 
 

Informationen: Minden Marathon
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