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Laufberichte

Un giro turistico di 42 km

 

Ich liege mit knapp unter 62 Minuten passabel in der Zeit, aber zu langsam für die schon längst entschwundenen 4:30er-Pacemaker. Die 4:45er-Gruppe liegt wohl noch hinter mir. Bei km 11 stehen auf der rechten Seite der via Pagano durch ein gelbes Band  getrennt tausende Staffelläufer, die auf ihren Start warten. Haile Gebrselassie hat seine Etappe souverän gewonnen, bisher kamen nur zwei weitere Staffelläufer an uns vorbei. Der steinerne Untergrund macht mir zu schaffen, ich versuche die unterschiedlich hohen Platten zu meiden und nach Möglichkeit auf flaches Terrain weit links vom Fahrbahnrand auszuweichen.

Der Kurs führt ab km 12 nun nach Süden, vereinzelt sieht man Zuschauer am Zebrastreifen, die darauf warten, dass die Politesse ihnen das Zeichen gibt, während einer Lücke die Straße zu überqueren. Bei der via dei Grimani wendet der Kurs, es geht wieder nach Norden. In diesem Abschnitt bis zur 3. Labe bei km 15 an der via Monte Rosa kann man auf der Asphaltstraße wieder Speed aufnehmen. Ich schnappe mir mehrere Orangenstücke und trabe weiter, als plötzlich ein Läufer mir von hinten auf die Ferse steigt und ich zu Sturz komme. Zum Glück passiert nichts, im Fallen dienen die Orangenstücke als Polster für die Hände. Der Übeltäter ist ein Mitglied der Marathon Maniacs, er entschuldigt sich.

Auf die Uhr schaue ich auch, mit 1 h 35 netto plus 3 ½ verstrichene Minuten bis zur Startmatte passt die Marschroute. Wir kommen nach 16 km bei der Piazale Giulio Cesare vorbei, in diesem Stadtteil von Milano wird emsig gebaut. Hochhäuser sind im Entstehen, die Messe Mailand ist ein wichtiger Investor. Bei 17 ½ km nehme ich erstmals einen der in allen Farben in Wasserbehältern bereitstehenden Schwämme (spugnaggi), die allerdings bei 15.000 Läufern wohl wieder vom Boden eingesammelt werden und so eine Dauerfunktion haben. Ein Exemplar wurde den Startunterlagen beigelegt.

Vor mir bewegt sich ein älterer Läufer aus Polen, dessen Shirt in den Nationalfarben rot-weiß andeutet, dass er ein Patriot ist. Ich sage  „Dzień dobry, jak się masz ..?:“ Ein paar polnische Sätze habe ich parat, schließlich hielt ich mich dort in den 1970er-Jahren, als das Land noch dem Ostblock angehörte, regelmäßig auf und kaufte in der DDR-Buchhandlung im Kulturpalast haufenweise Fachbücher, für deren Transport nach Wien ich mein Reisegepäck erweitern musste. Für 1 US$ bekam man zwischen 120 und 150 Zloty, ein Menü in einem First-class-Hotel kostete vielleicht 15 Zloty, eine Zugfahrt von Warschau nach Danzig 20 Zloty. Im einzigen Warenhaus von Warschau kleidete ich mich in der Umkleidekabine komplett neu ein, die alten Sachen ließ ich gleich im Geschäft. Ich fühlte mich damals als Student wie ein Krösus. Aber lange ist es her. Heute ist Polen ein aufstrebendes EU-Land, dessen Preise kräftig angezogen haben.

Ich komme mit dem Polen ins Gespräch. In einem Mischmasch aus Polnisch, Deutsch und Italienisch erzählt er mir, dass er an der Scala als Geigenvirtuose wirkt und auch schon an der Wiener Oper tätig war. Sein Lieblingsmarathon sei der in Poznan, der voriges Jahr im Oktober stattfand. Ich bin bisher in Warschau, Katowitz, dem benachbarten Chorzow, Krakau und bei den Weltmeisterschaften für Long Distance Running 2013 im Riesengebirge (Szklarska Poręba) gelaufen, Poznan wäre daher noch offen.

Der Kollege hat es aber eilig, ich lasse ihn ziehen. Nach einem km habe ich ihn wieder eingeholt, denn der Kurs weist eine geringe Steigung auf. Der Monte Stella gilt als San Siro’s kleiner Berg, das berühmte Stadion befindet sich in Sichtweite. Bei km 20 ist die 4. Versorgungstelle aufgebaut. Man hält sich an die 5 km-Abschnitte, was anderswo gar nicht so selbstverständlich ist. Diesmal decke ich mich mit Orangenstücke ausreichend ein und passe auf, dass mir nicht wieder jemand von hinten auf die Füße steigt.

Unter einer Autobahnbrücke führt die Marathonstrecke auf der via Sant’Ella nach Süden. Die Halbdistanz wird gemessen, mit 2:18 liege ich im Plansoll. Noch sind die 4:45er-Pacemaker nicht in Sicht, sollten aber bald auftauchen. Es ist mir entschieden zu warm geworden, das Longsleeve ziehe ich aus und stecke es in die Laufhose. Mein Uralt-Asics-Lauftight als Unterziehleibchen kommt so wieder einmal nach gut einem Jahrzehnt ans Tageslicht.

Dann geht es weiter in die zweite Hälfte des 15. Milano-Marathon, vorbei an der Schwammstation bis zur zweiten Staffelablöse bei km 22. Dort befindet sich das bekannte Hippodrom, das über eine Galopprennbahn, entworfen vom Architekten Paolo Vietti Violi und 1925 eingeweiht sowie eine Trabrennbahn verfügt. Vor dem Park des Hippodroms erhebt sich die riesige Statue eines Pferdes, deren Entwürfe auf Leonardo da Vinci zurückgehen sollen, die aber erst 1999 auf einem Sockel aus Granit und Marmor aufgestellt wurde.

Bei km 23, unmittelbar vor dem weltberühmten San-Siro-Stadion, das von den beiden Mailänder Fußballgroßclubs Inter und AC Milan für Heimspiele benutzt wird, kommt eine rosa Dampfwalze daher: die 4:45er haben mich eingeholt. Sie liegen nach meiner Uhrzeit um 5 Minuten über der Marschroute, dürften aber als Richtmaß die Brutto- bzw. Einlaufzeit vor Augen haben, die im Klassement als Grundlage für die Wertung dient. Einige Typen habe ich am Anfang des Rennens locker überholt, jetzt tauchen sie wieder auf. Wäre auch Paolo Gini darunter gewesen, der es immer sehr gemächlich angeht, wäre ich vor Schreck erstarrt. So aber  lasse ich die fitteren Kollegen ziehen.  Eine Zeit unter 5 h könnte sich für mich noch ausgehen, wenn nichts dazwischen kommt.

Der Marathonkurs führt nun in einer Schlaufe ab km 25 auf der via Novara wieder nach Norden. Zur Rechten befindet sich der Parco de Trenno, eine Grünzone der Stadt im Ausmaß von 600.000 m², die als Freizeitanlage vielfältig genutzt wird.
Nahe der Metrostation Milino Dorino wendet der Kurs auf der via Appennini in Richtung Südost. Wir erreichen die 30 km-Marke, viele Läufer marschieren inzwischen. Die ungewohnt hohen Temperaturen setzen so manchem zu, ärztlicher Beistand entlang der Strecke wird benötigt.

Ich spüre auch, wie meine Kräfte nachlassen, der linke Fuß schmerzt, ich versuche in Schongang voranzukommen. Ich kopiere den Laufstil  des Kollegen Hottas – mit einem schnellen Gehschritt und einer raumgreifenden Bewegung der Arme kann man so einen sportlichen Eindruck hinterlassen.

Es geht zurück in die City. Bisher sind mir keine Autofahrer aufgefallen, denen die Straßensperren ein Dorn im Auge gewesen sind. Aber jetzt gegen 13 Uhr  wird gehupt, mit Polizisten debattiert, einige versuchen einfach eine Lücke zu nutzen und geben Gas. Aber im Vergleich z. B. zu, wo nach 3 h auf keinen Läufer mehr Rücksicht genommen wurde, geht es in Milano gesittet zu.

Bei km 32 erfolgt der letzte Staffelwechsel. Es sind inzwischen deutlich weniger Läufer anzutreffen als noch bei km 22 beim Hippodrom. Doch immer noch sind einige hinter uns, die den Marathon auch im Team nach 5 h 30 nicht beendet haben werden.
Ab diesem Zeitpunkt kommt es immer wieder zu Einzelkämpfen – man möchte zumindest diesen einen Läufer nicht vorziehen lassen. Noch ältere Typen als ich erst recht nicht. Doch heute bin ich nicht in der Form, um zu kämpfen. Das vorrangige persönliche Ziel bleibt 4 h 05 Minuten für 35 km. Bei km 34,3 km zeigt die Uhr 3:59 an, ein exakteres Timing kann ich mir nicht wünschen.

Knapp vor km 35 passieren wir den Portello Park, eine ehemalige Industriezone, die jetzt zu Wohnbauzwecken umgewidmet wurde. Eine Brücke führt über die Autobahn, der kurze Anstieg auf 10 Hm bereitet Probleme. Ich habe Gelegenheit zu knipsen. Auf die angekündigten Gels bei der Ristoro-Stazione freue ich mich. Doch wir kommen zu spät, tausende leere Päckchen liegen am Boden, die schnelleren Läufer haben ordentlich zugelangt.

Nach 500 m treffen wir wieder auf die Strecke, auf der wir bei km 18 gelaufen sind. Ich hänge mich an eine junge Läuferin an. Der Kurs zweigt bei der viala Scarampo kurz nach Nordosten ab und verläuft dann im Zickzack bis zur Piazale Chiesa. Hier sind einige leichte Anstiege, die man am Ende eines Marathons doppelt spürt.

Am Corso Sempione geht es schnurstracks nach Südosten bis bei km 38 der Friedensbogen Arco della Pace als ein weiteres Sightseeing-Monument Mailands zusehen ist. Der Triumphbogen mit einer Höhe von 25m und einer Breite von 24m dominiert den Simplonpark, er wurde im frühen 19. Jahrhundert gebaut.

Die Marathonstrecke führt am Castello Sforesco vorbei, das ich gestern kurz besichtigt habe. Noch sind es 3 km bis zum Ziel an der Porta Venezia. Nun ist es Gewissheit, dass ich sub 5 Stunden verfehlen werde, denn eine weibliche Pacemakergruppe mit vielen müden und taumelnden Männern im Schlepptau poltert an mir vorbei. Ich halte eine Zeitlang das Tempo, doch bei km 40 lasse ich die kleine Gruppe ziehen. Es ist egal, ob ich mit 4 h 59 oder vielleicht 5 h 05 finishe. Mein Ziel ist es, wieder Tritt zu fassen und trotz gewisser Beeinträchtigungen wieder anzuschreiben. Das ist auch gut fürs Gemüt.

Auf den letzten zwei Kilometer bis ins Ziel werde ich von niemandem bedrängt, auf den letzten 200m genieße ich den Applaus. 5:11 steht auf der Anzeige, netto sind es 5:08: 37 und der 3774. Platz von 3982 Klassierten – so wird es mir von timing data service aufs Handy übertragen.

Die Marathonis erhalten im Ziel eine größere Medaille als die Staffelläufer, ein Ausdruck der besonderen Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Eine Tüte mit Kuchen, Knabbergebäck und Obst, eine 0,3l-Wasserflasche und ein Isogetränk gibt es als Draufgabe. Wer sich anstellt, kann sich nach einiger Wartezeit noch gratis massieren lassen.

Ich hole vom Wagen Nr. 6 meinen Kleidersack und ziehe mich in den angrenzenden und weitläufigen Giardini-Montanelli-Park  zurück. Was gibt es Schöneres, als nach einem Marathon sich auf einer grünen Wiese bei strahlendem Sonnenschein zu erholen und von neuen Taten zu träumen. In Linz geht es für mich am 19. April weiter.

Mein Fazit:

Abgesehen von den Passagen mit unebenen Steinplatten und den abschüssigen Stellen auf einzelnen Straßenteilen des Rundkurses ist dieser wegen seiner Sehenswürdigkeiten attraktiv.  Die Organisation war und ist nachweislich bemüht, den Läufern bestmöglich entgegenzukommen und die Veranstaltung zu einem Event mit Nachhaltigkeit werden zu lassen. So bin ich nicht betrübt, dass ich heuer den VCM versäumt habe, sondern froh darüber, nach einem Jahr Pause wieder einmal in Italien  gelaufen zu sein.

Sieger bei den Herren:

1. Kenneth Mburu Mungara (KEN): 2:08:44
2. Cybrian Kimurgor Kotut (KEN):2:08:55
3. Philemon Gitia Baaru  (KEN):2:09:08

Damenwertung:
1. Lucy Karimi (KEN):2:27:35
2. Geda Ayelu Lemma (ETH):2:29:49
3. Fatna Maraoui (ITA): 2:33:16

 

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Informationen: Milano City Marathon
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