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Laufberichte

Not born to follow

 

Bei km 19 biegen wir auf den Corso Sempione ein, eine beeindruckend breite Allee mit Blick auf den Triumphbogen Arco della Pace (Friedensbogen, 1815) und dahinter dem mittelalterlichen Castello Sforzesco,  Ziel unseres Laufs. Aber halt, wir kommen in genau 20 Kilometern noch mal hierher und dürfen dann auf der rechten Seite der Absperrung laufen.

Den Hubschraubern nach zu urteilen, hat es die Führungsgruppe  bald  schon geschafft und muss in Kürze ebenfalls hier vorbeikommen, kann uns aber wenigstens nicht mehr einholen.
Ich entschließe mich jetzt etwas schneller zu werden, da ich versuchen möchte, unter vier Stunden zu bleiben. Da mir ein konstantes Tempo bis zum Schluss meistens nicht gelingt, muss ich etwas Zeit gutmachen. Judith wird mich wahrscheinlich sowieso wieder einholen.

Beim Halbmarathon dann die erste der vier Musikgruppen. Tut gut. Jetzt beginnt die Stadtrunde. An der Porta Volta kommen wir an „Chinatown“ vorbei. Mailand hat die zweitgrößte chinesische Comunity in Europa nach London. Aber die Mailänder geben sich viel Mühe, dass die Chinesen nicht das ganze Viertel aufkaufen. Es wirkt also nicht wirklich exotisch. Wenn es interessiert: Via Polo Sarpi: viel billigste Kleidung und einige authentische chinesische Lokale. Porta ist die Bezeichnung für ehemalige Stadttore. Da kommen jetzt recht viele, die allesamt sehr schön anzusehen sind.

Danach linker Hand viele neue Wolkenkratzer. Mailand richtet 2015 die Weltausstellung aus und baut hier ein neues Stadtviertel, trotz Wirtschaftskrise. Aber Mailand und die Lombardei sind das wirtschaftliche Zentrum Italiens. Das spürt man überall.

Nächster Höhepunkt ist der Lauf in Richtung Hauptbahnhof (Stazione Centrale), 1906 begonnen und immer monumentaler bis 1931 gebaut. In den letzten Jahren wurde er renoviert und mit einem Einkaufszentrum ähnlich wie in Leipzig versehen. Wieder Staffelwechselstelle.

An der Porta Venezia links der Corso Buenos Aires,  Einkaufbereich des Mittelstands. Dann ein  gediegenes Wohnviertel in der Viale Bianca Maria. Schicke Palazzi. So heißen in Italien eigentlich alle Mehrfamilienhäuser, hier finde ich die Ähnlichkeit zum Wort „Palast“ aber berechtigt.

Inzwischen kommt die Sonne raus und es wird recht warm: 17 Grad kann man lesen.  Ich habe es eilig und entscheide mich, mein langes Unter-Laufhemd anzulassen, um Zeit zu sparen.

Jetzt geht es Richtung Zentrum. Ein Disco-Truck macht mal Stimmung. Links das schöne mittelalterliche Kirchlein Santa Babila. Irgendwo rechts die kleine Via Montenapoleone mit den teuersten Geschäften der Stadt. In den feinen Lokalen sitzt man in der Frühlingssonne und lässt sich von uns nicht weiter stören. Dann auf einmal der blendendweiße Dom mit ungezählten Türmchen. Ganz oben auf 108,5 Meter Höhe die goldene „Madonnina“. Der Dom ist die drittgrößte Kirche der Welt. Man sollte auf das Dach steigen oder fahren, um den Blick über die Stadt zu genießen.

Links der Palazzo Reale und das neu gestaltete Museo Novecento (Zeitgenössische Kunst, neu gestaltet). Rechts die berühmte Galleria Vittorio Emanuele II. Der einige Zeit hier ansässige McDonald's musste unter großem Protest der jungen Mailänder seinen Platz inzwischen für Prada räumen. Am hinteren Ende das Planungsinformationsbüro der Stadt. Interessant für Hobby-Stadtplaner wie Judith und mich. Wir stellen fest, dass man auch in Mailand die Bevölkerung von großen Projekten überzeugen muss. Daher auch überall die Parolen „No TAV“, mit denen gegen Hochgeschwindigkeitszüge protestiert wird.

Noch mal ein schöner Blick auf das Hauptportal des Doms. Gleich darauf links die klassizistische Fassade des weltberühmten Opernhauses Scala. Die 30-km-Marke ist erreicht Ein Ordner zieht einen Läufer ohne Startnummer auf die Seite. Der lässt sich nicht beirren und läuft weiter.

Kurz darauf gibt es Energietütchen. Nehme mir zwei und habe jetzt ein Problem: Die Verpflegung will verstaut werden. Mein mitgenommenes Energiegel würde ich jetzt gerne trinken, um Platz für die Neuen zu schaffen. Dann sollte ich hier auch noch viele Fotos schießen und zu allem Überfluss ist jetzt der Straßenbelag wirklich schlecht: Hier liegen große Steinplatten zwischen Straßenbahngleisen und dann auch noch Weichen. Da heißt es höllisch aufpassen.

Nach einigen hundert Metern kommt der Teer wieder. Rechts viele Zuschauer, da dort das Ziel vor dem Castello ist. Wir haben noch 11 Kilometer vor uns.

Noch zwei Tipps: Linker Hand liegt die Basilica Santa Maria delle Grazie mit dem Kreuzgang, in dem Leonardo da Vinci sein „Letztes Abendmahl“ an die Steinwand des Refektoriums gemalt hat. Früher konnte man das einfach so besichtigen, bis man feststellte, dass der feuchte Atem der vielen Besucher dem Fresko stark zusetzte. Jetzt muss man wochenlang vorher reservieren. Unbedingt mit der Marathonanmeldung auch den Besuchstermin ausmachen. Ist  ein Mailand-Muss. Ich war wieder zu spät dran, aber in den guten alten 1980er-Jahren war ich schon mal drinnen, bevor es zwanzig Jahre lange renoviert wurde. Dahinter gibt es auch ein großes technisches Museum mit berühmter Leonardo-Abteilung, aber auch Lokomotiven, Schiffen, Flugzeugen und einem U-Boot. Zufälligerweise befand sich ein Gutschein für einen kostenlosen Eintritt  unter den Marathon-Unterlagen.

Lauftechnisch geht’s weiter so dahin: Wohnstraßen mit wenigen Zuschauern. Ich vermisse die Stimmung bei den Pace-Makern  (applauso!). Die neue Laufstrecke führt leider nicht mehr an den mittelalterlichen Kanälen (Navigli) vorbei. Dort gibt es viele nette Lokale für den Abend nach dem Marathon. Highlight die letzte Staffelwechselstelle, da ist was los und wir „Durchläufer“ werden feste angefeuert. In der Sonne ist es jetzt fast schon  heiß, im Schatten noch recht kühl.

An der Piazza Piemonte das Teatro Nazionale, in dem Musicals aufgeführt werden. Danach schaut Giuseppe Verdi streng auf uns herab. Bei km 37 am alten Gelände der Stadtmesse vorbei. Hier entsteht auch ein neues Wohngebiet, gestaltet von namhaften Architekten wie Daniel Libeskind und Zaha Hadid.

Dann endlich wieder der Corso Sempione. Die letzten drei Kilometer. Viele Zuschauer. An der Arena Civica von 1807 vorbei, wo sich auch die Duschmöglichkeiten befinden. Die Band ist inzwischen verstummt. Einige Mitläufer fordern lautstark, dass sie wieder spielen soll. Nach der Anzeige „die letzten 200 Meter“ das km-42-Schild. Ja, die Italiener nehmen es auch sehr genau. Super Stimmung auf den letzten Metern.

Im Ziel schöne Medaille mit dem Mailänder Dom. Essenstüte. Zusätzlich Obst und Getränke.

Ich kann es nicht glauben: Bin endlich mal wieder unter 4 Stunden geblieben (3:53:59). Und das einigen Erkältungssymptomen in den Tagen vor dem Lauf. Interessant, was man sich so einbilden kann.

Die Vier-Stunden-Pacer kommen meiner Ansicht nach zu früh ins Ziel. Man ist brutto 3:59:52 h gelaufen. Kurz danach Judith, die zwar nicht zufrieden ist, aber damit bewiesen hat, dass man auch mit Schnupfen Marathon laufen kann. Wir bleiben noch ein bisschen, genehmigen uns einen Prosecco (nicht im Startpreis enthalten) und feuern die 5-Stunden-Läufer an. Diese werden von zwei Kommentatoren im Zielbereich persönlich empfangen.

Viele glückliche Gesichter.

Wir bleiben noch einen Tag in Mailand, frühstücken mit den Champions im gleichen Raum und erleben danach einen Temperatursturz auf 6 Grad mit Regen. Da hatten wir ja am Sonntag wirklich Glück. Zwar haben die meisten Museen montags geschlossen, doch bleiben ja noch die Kunstausstellungen.

Am Flughafen treffen wir ein letztes Mal die Siegerinnen und Sieger, die sich mit ihren großen Pokalen ganz schön abschleppen. Der Flieger nach Addis Abeba startet direkt vor unserem.


Sieger
Gemenchu Worku Biru, Äthiopien:  2:09:25
Gosa Girma Tefera, Äthiopien;  2:09:36
Marius Kipserem, Kenia:   2:09:50

Siegerinnen
Monika Jepkoech, Kenia:  2.32:54
Adana Desalegn Tsehay, Äthiopien 2:32:55
Brihane Y Ababel, Äthiopien: 2:33:10

3514 Finisher, davon 695 aus dem Ausland, darunter 45 GER, 4 AUT

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Informationen: Milano City Marathon
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