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Laufberichte

Mit Pauken und Trompeten

28.03.10

Für mich ist die Streckenführung hier neu. Im vergangenen Jahr ging es noch länger der Dreisam entlang und dann direkt in die Stadt hinein. Jetzt geht es beim Hauptbahnhof an der Herz-Jesu-Kirche vorbei und dann auf der für unerwartet viel Geld renovierte Wiwili-Brücke über die Geleise.  Wiwili ist nicht irgendein Wort alemannischer Mundart, sondern eine Stadt in Nicaragua, mit welcher eine Städtepartnerschaft für Entwicklungshilfe besteht.

Am Ende der Brücke nehme ich mir Zeit, um einen näheren Blick auf die dortige Gedenkstelle zu werfen. Ein wie zufällig dort auf der Mauerbrüstung  liegengebliebener Mantel aus Bronze mit Judenstern erinnert an die Deportation von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Freiburg und Umgebung nach Gurs vor bald siebzig Jahren.

Mittlerweile hat sich das Feld schon recht auseinandergezogen und ab und zu wäre ich froh, wenn ich jemanden als Windschutz hätte. Schrecklich falsch liege ich mit meinen drei Lagen nicht, darüber kann auch der bunte Frühlingsflor im Park des Colombischlössles, dem Archäologischen Museum, nicht hinwegtäuschen.

Nach einer weiteren Wasserstelle komme ich am Siegesdenkmal vorbei und kurz darauf zu den Wasserrinnen, welche einen in der ganzen Freiburger Innenstadt begleiten. Hier stehen drei Tiefbehoste auf dem Dach ihres fahrbaren Untersatzes und rappen gegen Rassismus und Ausgrenzung.  Ich kann zwar nicht rappen, aber zum Thema Ausgrenzung könnte ich zurzeit auch ein Liedlein singen, Wobei ich gleich klarstellen muss, dass ich jetzt, in diesem Moment, das Gefühl habe, weit davon weg zu sein. Nein, nicht nur das Gefühl – ich bin es.

Unter dem Martinstor hindurch laufe ich leicht bergab, wieder direkt in eine Schülergasse einer Wechselstelle. Wenig später geht es beim ersten Begegnungspunkt durch das Schwabentor, zurück in den Stadtkern, in die Fußgängerzone hinein. Dieser Abschnitt ist zu schön, um einfach durchzubrausen (wenn ich denn überhaupt könnte); auch so kann ich nur während kurzer Zeit einen Blick auf das Münster werfen.

Mit der Musik der einen Band im Ohr laufe ich in den Klangteppich der nächsten Formation. Ein nahtloser Übergang, der mich beflügelt und weiterträgt zur nächsten Verpflegungsstelle, wo ich auf der Gegenseite die der schnellen Sorte sehe, welche bereits fünf Kilometer Vorsprung haben. Ich mag es ihnen gönnen – und mir, dass ich mich nach fast einem Viertel der Strecke noch so gut fühle.
Ich lasse mich von der Musik weiterreichen bis zum östlichen Wendepunkt bei der inzwischen vierten Überquerung der Dreisam. Dort ist wieder Stimmung an der Wechselstelle und Pulsando mit ihren südamerikanischen Rhythmen am Puls des Geschehens.

Kurz danach laufe ich zum Pulk der Zugläufer für 4.00 auf. Sie haben eine beachtliche Gruppe im Schlepptau, welche heute eine der magischen Zeiten knacken will. Ich habe das Gefühl, dass ich mein etwas höheres Tempo halten kann und ich es heute mit einer Drei vorne in der Schlusszeit schaffen werde.  Wenig später schließe ich zu Helmut auf und unterhalte mich die nächsten drei Kilometer mit ihm. Die Kilometer fliegen nur so vorbei und unzählige Bands und einige beschauliche Wohnquartiere weiter bin ich bereits auf der Zähringer Straße, keine drei Kilometer vor dem Ende der ersten Runde. Zu deren Ausklang gibt es dreimal Schwermetall am Straßenrand, einen Anstieg zum Friedhof hinauf und dort eine weitere Verpflegungsstelle.

Weil die erste Runde so schön war und zu einem Marathon zweimal 21.1 km gehören, biege ich ein auf die zweite. Gleich zu Beginn werden mir live zehn Millionen Leuchtkäfer aus den Lautsprechern hinterher gepustet, willkommene Gesellschaft in dem in die Länge gezogenen Teilnehmerfeld. Mindestens so lange, bis ich wieder zu einem Grüppchen aufgeschlossen und Gesprächspartner gefunden habe, die mir die zuschauerarme Berlinerallee verkürzen.

Die morgendliche Skepsis mir selbst gegenüber verzieht sich mehr und mehr und spätestens nach zwei Dritteln der Strecke habe ich keine Bedenken, dass ich morgen ein humpelndes Häufchen Elend mit verkaterten Muskeln sein würde. Das rosige Gefühl kommt nicht bloß von der rosa Blütenpracht der Bäume. Mit dem Kick der Musik ziehe ich mein jetziges Tempo weitere vier Kilometer durch, bis ich zehn Kilometer vor dem Ziel einen Extrakick erhalte. Auf der anderen Seite der Dreisam erhasche ich den Anblick eines weißen Luftballons, das untrügliche Zeichen, dass ich mich den nächstschnelleren Zugläufern nähere. Geschätzte fünf Minuten Abstand dürften es sein.

Ich steigere meine Geschwindigkeit nochmals leicht, kurve an Pulsando vorbei, mit Schub, aber darauf bedacht, dass ich nicht zum Explosando werde. Es macht Spaß, da liegt noch was drin und ich fühle mich gut. So soll es sein!

In den oberen Dreißigern komme ich nochmals an der Band Unendlich vorbei. An vielen anderen Marathons hätten sie mit ihrem Namen keinen passenderen Platz haben können. Heute kommt es mir gar nicht so vor, im Gegenteil. Dort, wo ich die Tafel mit der 38 erwarte, steht die 39 drauf. „Was, nur noch drei Kilometer? Schade, dann kann ich es vergessen, die Zugläufer noch einzuholen!“

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Informationen: Mein Freiburg Marathon
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