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Laufberichte

Gipfeltreffen der Champions

 
Autor: Joe Kelbel

Ich bin deutlich in der Cut-Off-Zeit, der einzigen, die es in zwei Stunden am übernächsten VP in Stafel (2200m) gibt, aber ich hänge auch zwei Stunden hinter dem vorletzten Läufer und beschäftige die gesamte Streckensicherung. So ist der Seufzer der Helfer des VP´s verständlich: “Der will weiterlaufen!”

Meine Freundchen dagegen freuen sich, lassen sich Zeit fürs Futtern und Trinken.Ich muss mir Zeit für den Abstieg nehmen, der ist nicht einfach. Es gibt aber glücklicherweise Seile und feste Eisenstangen zum Festhalten. Absolut krass. Ich kann hier technisch nicht mehr mithalten, nicht dieses Tempo. Vor wenigen Jahren floss hier noch der Gornergletscher, jetzt die milchige Matter Vispa.

Meine Besenfrau brüllt ins Funkgerät, dass die Makrele (le mac) so viel Speed macht, dass wir  “uns vor Spaß in die Hose machen!” Es gibt so eine verfälschtes Volkslied: “Aloutte, je te plumerai “ (Geile Möwe, ich werde dir das letzte Flöckchen  rausreißen!). Unterste Schublade, aber sie hat´s kapiert! Nettes Mädel, lässt mich jetzt alleine laufen.

Äußerst lohnender Lauf mit speziellen Ausblicken auf die Gletscherwelt und canyonartige Formationen. Das Matterhorn bleibt immer im Blick.

Die Hängebrücke (la Passerelle) über den Gletschergarten. 120 Menschen kann das Ding halten. Wenn dem so ist, warum steht hier ein Wächter, der ausdrücklich das Laufen auf der Brücke verbietet? Weil sich augenblicklich die Schwankungsbreite auf ein morgendlich-sonntägliches Niveau bewegt. Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist, die Seiten sind hoch genug, aber das Prickeln ist schon was wert.

300 Hm in kürzester Zeit, ich bin in Furi (1850m), seit 60 Jahren mit einer Seilbahn mit Zermatt verbunden, Ausgangspunkt der meisten Matterhornbesteigungen. Hier steht Simon, alias Robin Gibb, der Race Direktor. Er ist ein wenig ratlos, was er mit mir anstellen soll. Zwar bin ich innerhalb der Zeit, aber mein Abstand zum Vorläufer beträgt mehr als zwei Stunden. Lange Diskussion mit den Freundchen. Ich nutze die Zeit und erhole mich im “Les Marmottes” (Murmeltiere).

Robin Gibb kommt herein, fragt  mich sanft, ob ich bereit bin, meinen Chip abzugeben. Schließlich würde es auch gleich zu regnen anfangen. Wir springen zusammen auf die Theke und schmettern ein lautes “Staying ali-i-i-i-ve!!!“

Nein. Mir ist zum Heulen. Simon und alle Freundchen nehmen nun die Abkürzung hinüber zum VP Stafel, setzen sich dort Günter Kromer in den verschwitzen Nacken, der damit die Schlusslaterne von mir übernimmt.

Ich laufe außer Konkurrenz weiter, nehme den Anstieg zum Schwarzsee (2552m, 17 Abbrecher) in Angriff. Idyllischer Bergwald. Es ist geplant, dass der Ab-Markierer mir von oben entgegenkommt, um meinen Gesundheitszustand zu checken, ich musste versprechen, in Schwarzsee die Kabinenbahn nach Zermatt zu nehmen. Es kommt anders…

Wenige Meter oberhalb von Furi kann ich die restliche Laufstrecke (noch 30 km) überblicken: unten, in der Schlucht ist der VP Stafel, dann geht es hinauf auf die gegenüberliegende Seite, den gesamten Berg entlang in fast gleichbleibender Höhe, dann hinunter zum VP Trift (2357m, km 37, 2 Abbrecher), von dort Richtung Zermatt.

Stafel hat Cut-Off-Zeit 15 Uhr. Wer nach dieser Zeit dort ankommt, ist aus dem Rennen, muss aber noch 10 km zu Fuß zurück nach Zermatt. Stafel ist “the point of no Return“, denn nach Stafel gibt es keine Abkürzung oder gar Transportmöglichkeit mehr für Abbrecher.

14:01Uhr ein gewaltiger Donnerschlag und augenblicklich setzt der Regen ein. Genau die Uhrzeit, vor der gestern im Wetterbericht gewarnt wurde. Im Regen sehe ich die grausame Nordwand des Matterhorns, darunter den Zmuttgletscher mit dem “Gletscherbriefkasten”, der Stelle wo die abgestürzten Bergsteiger für immer verschwinden. 450 sollen es sein.

Mir ist kalt, habe das langärmlige Shirt verloren. Die “wasserdichte” Jacke klebt kalt auf meiner Haut. Über mir der Furggletscher…Wie, Furggletscher? Mist! Ich bin ein Penner, habe mich verlaufen, habe nicht nach Fähnchen geschaut, bin nur den ausgelutschten Geltüten gefolgt, und die stammen von den Bergsteigern. Über mir die Hörnlihütte (3260 m), eindeutig viel zu hoch. Ich lache immer über Läufer, die sich um Kilometer verlaufen, über mich kann ich jetzt nicht lachen, ich bin an der Schneegrenze, und der Schnee auf meinen Oberschenkeln ist nicht eingeplant.

Ich muss zurück ins Tal. Nach 30 Minuten sehe ich tief unter mir den Ab-Markierer, erkennbar an den leuchtenden Markierungen, die über seinem Arm hängen. Ich brülle, pfeife, rufe, doch der Regen ist zu laut. Jetzt habe ich keine Chance mehr, den Weg nach oben zu finden. Die Markierungen fehlen, auch nach unten verlaufe ich mich und komme etwa gegen 16 Uhr auf eine Skipiste, steil zwar, aber eine Skipiste führt immer zur Talstation einer Bergbahn. Gerettet.

Später im Ziel treffe ich Günter Kromer, zerrissen, nass und verdreckt, vollkommen fertig. Er hat zwei Plätze gut gemacht, ist Drittletzter, erzählt von grausigen Erlebnissen und einem Überfall.

Ich habe wunderbare neun Stunden in den Bergen gekämpft, zusammen mit Ausnahmesportlern, die mir gezeigt haben, dass Welten zwischen ihnen und mir liegen. Ingo wird später sagen, er sei froh, dass ich doch ein Mensch bin.

Ich bin froh, endlich mal einen Parcours gefunden zu haben, den ich nicht bezwingen kann. Mein DNF qualifiziert diesen Lauf.

Wie sagte der Chef des ganzen, Michael Hodara: Wir haben das Optimum an Streckenführung herausgeholt, mehr geht nicht. Ich habe meinen Meister gefunden.

Einen weiteren Bericht mit mehr als 200 Bildern von allen Höhepunkten der Strecke findet Ihr auf TRAILRUNNING.DE

 

Ehrentafel

 

46 K Männer

1. Jornet Burgada Kilian, F-Les Houches 4:43.05,9
2. Hernando Alzaga Luis Alberto, Espagne 4:44.47,0
3. Golinelli Nicola, I-Lecco (LC) 4:45.57,5


46 K Frauen

1. Forsberg Emelie, N-Tromso 5:41.16,3
2. Serafini Silvia, I-Oderzo (TV) 5:44.37,9
3. Dominguez Azpeleta Nuria, E-Palencia 5:59.19,4

 

30 K Männer

1. Wenk Stephan, Greifensee 2:45.19,5
2. Minoggio Cristian, I-Cannobio (VB) 2:47.00,0
3. Cox Martin, Anzère 2:53.08,2

 

30 K Frauen

1. Hill Tessa, GB-Edinburgh 3:32.52,8
2. Boutarin Océane, F-Divajeu 4:04.14,4
3. Neuberger Laura, Montreux 4:04.14,6

 

16K Männer

1. Berhane Oqubit, Niederdorf 1:25.50,6
2. Rutishauser Martin, Wabern 1:32.09,0
3. Dupraz Frédéric, Genève 1:34.32,7

 

16K Junioren

1. Steiner Micha, Samedan 1:26.30,5
2. Delorenzi Roberto, Sigirino 1:29.36,2
3. Arnold Flavio, 1993, Simplon Dorf 1:31.45,7

 

16K Frauen

1. Roux Laetitia, 1F-Savines le Lac 1:44.07,3
2. Kreuzer Victoria, Zermatt 1:44.21,3
3. Lovrantova Katarina, SK-Banska Bystrica 1:49.04,4

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Informationen: Matterhorn Ultraks
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