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Laufberichte

Laufen wie Gott in Frankreich

03.06.12

Pinot Blanc & saucisses grillees

 

Die Belohnung für die schöne Anstrengung gibt es bei km 19,5 in Dahlenheim in Form von Pinot Blanc und gegrillter Wurst. Lecker schaut die aus und so schmeckt sie auch, auch wenn sie nur in homöopatischer Scheibchendosierung bereit liegt. Macht nichts: Viele Scheibchen ergeben auch eine Wurst und so schiebe ich eine nach der anderen mit scharfem Senf und Baguette in mich hinein und genieße dazu den kühlen Weißburgunder. Hmmm! Ich hätte nie gedacht, dass Weintrinken beim Laufen so ein Genuss sein kann. Und erstaunlicherweise geht das bis jetzt ohne wesentliche Einschränkung bei der Kondition. Sicher nicht von Nachteil ist, regelmäßig mit einem Becher Wasser pur nachzuspülen. 

Durch das Dorf hindurch setzt sich der Anstieg durch die Weizenfelder noch ein Weilchen fort und ehe ich mich versehe, ist mit Scharrachbergheim der Halbzeitpunkt unserer Laufreise erreicht. Ein großer roter Streckenbogen am Ortseingang erinnert daran, dass hier um 9:30 schon die gut 1.000 Halbmarathonläufer gestartet sind. Die sind zwar, der weiteren Marathonroute folgend, schon lange weg, haben auch uns jedoch noch Einiges an Stimmung hinterlassen. 

 

Pinot Gris & Stolle confiture

 

Nach so viel deftiger Kost ist am Verpflegungspunkt von Scharrachbergheim wieder Süßes angesagt. Einen Hefekuchen mit Trockenfrüchten gibt es zum Pinot Gris, in unseren Breiten auch als Grauburgunder oder noch viel besser als Zeitgeistgetränk Pinot Grigio bekannt. Der Schankkeller bringt mir bei, wie man ein Glas Wein sprachvollendet auf französisch bestellt. Ausgiebig prostet sich eine Gruppe bestgelaunter Läufer im Südseelook zu. Als ich ihre grünen Startnummern sehe, kann ich es kaum glauben: Es sind Halbmarathonläufer, die nach dem Start hier anscheinend gleich hängen geblieben sind. Es ist eben so, wie ich es schon bei den Marathonis vermutet habe. Die wahren Genussläufer führen das Feld von hinten an.

Hurtig bergab geht es hinter Scharrachbergheim und ehe wir uns versehen, gelangen wir bereits ins nächste Dorf. Ländlich beschaulich sind sie alle, die Dörfer entlang unseres Weges, mit viel Fachwerk, Blumenkästen und bis ins Mittelalter zurück gehenden Gemäuern. Manche Dörfer haben aber doch ein gewisses Extra, das sie aus den anderen hervorhebt. So etwa findet man in Odratzheim bei km 23 die vielleicht pittoreskeste Aneinanderreihung alter Fachwerkhäuser. 

Im Flachen geht es auf einem Radweg hinter Odratzheim an einem Bach entlang, erneut in langen Geraden, zunächst durch dichten schattigen Laubwald, dann durch offenes Wiesengelände. Man merkt, wie sich die Sonne durch das Wolkengewühl am Himmel durchzukämpfen versucht, es zunächst aber (noch) nicht schafft. Zum Laufen ist das aber gerade angenehm. 

 

Pinot Noir & Pâtes

 

Bei Marlenheim erreichen wir den nördlichsten Punkt unserer Strecke und gleichzeitig das nördliche Tor der sich 170 km weit zwischen dem Gebirgszug der Vogesen und der Oberrheinebene gen Süden ziehenden Elsässischen Weinstraße. Immerhin 119 Dörfer mit 14.500 ha Anbaufläche gehören zum Einzugsgebiet dieser Weinstraße.

Außerhalb des Ortes inmitten der weiten Wiesen ist am Eingang zur Domaine Xavier Muller bei km 26,5 der nächste Weinstand eingerichtet, ein bisschen mehr herausgeputzt als die anderen und sogar ein kleines Weinfest ist hier im Hintergrund im Gange. Den angekündigten Pinot Noir kann ich allerdings ebenso wenig entdecken wie Pates. Haben hier etwa die Halbmarathonis schon alles abgeräumt? Der erste und einzige “Rote” entlang der Strecke hätte mich schon interessiert, ist der Blaue Burgunder doch im Elsass eher eine Rarität, denn aus etwa 90 % der Reben wird Weißwein gekeltert. Macht nichts: Dafür stehen zwei andere Weine der Domaine zur Auswahl und ich probiere eben diese beiden. Enttäuscht werde ich nicht und wäre der Weg nicht noch gar so lang, hätte ich ein Fläschchen frei Hof gleich mitgenommen.

 

Riesling & Knacks

 

Auf einem Wiesenpfad schleichen wir uns sozusagen durch die Hintertür an den nächsten Ort heran: Wangen. Ein Pferd galoppiert in einer Koppel am Wegesrand herum, dass es einem bange werden kann. Mag es etwa mitlaufen? Oder sind wir ihm einfach nicht geheuer? Die Dorfstraße hinauf zum historischen Stadtkern ist eine einzige lange Steigung. Nicht wenige fallen ins Marschieren. Vor dem mächtigen alten Stadttor, Teil der noch erhaltenen mittelalterlichen Stadtbefestigung, werden wir mit Musik zu Riesling und “Knacks” empfangen. Die Knacks sind zwar nichts weiter als ordinäre Brühwurststücke, bei uns als Wiener oder Frankfurter bekannt, doch zusammen mit dem Wein, Senf und Weißbrot nicht zu verachten. Mir jedenfalls schmeckt’s.

Durch das Tor trete ich ein in ein Dorfensemble, das in seiner Geschlossenheit und Intaktheit eine Bilderbuchkulisse für einen Historienfilm abgeben würde. Wenn es das Prädikat “schönstes Marathondorf” zu vergeben gäbe, würde ich es Wangen verleihen. Auch wenn das Vergnügen nur ein kurzes ist. Denn keine zwei Minuten sind wir in den winkeligen Gassen unterwegs, schon ist ein anderes Stadttor erreicht, dass uns sogleich in üppig grüne Natur entlässt.

 
 

Informationen: Marathon du Vignoble d'Alsace
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