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Laufberichte

Monopoly to go

 

 

„Monopoly, Monopoly wir sind nur die Randfiguren
… und es hat Boom gemacht“!

 

Markus Frank, Sportdezenent der Stadt Frankfurt, gibt den Startschuss. Ein Jubelschrei der Massen geht über die Straße. Der Hubschrauberlärm wird leiser, die Spitzengruppe ist von hier nicht mehr zu sehen. Das Spiel hat begonnen, ein Spiel für alle, denn der „Champion-Chip“ an den Läuferschuhen wacht elektronisch über die gelaufenen Kilometer. So können selbst die schnellsten und langsamsten Zeiten bei jeder Überquerung einer Messmatte von Familie und Freunden mittels einer App in Echtzeit nachverfolgt werden. Für das Fernsehen ist es heute eine Premiere, den Marathon live in die ganze Welt zu übertragen. Bis der letzte Läufer über die Startlinie läuft, sind 55 Minuten vergangen. Gut, etwas zu essen dabei zu haben.

Unter der Woche ist besonders hier an der Friedrich-Ebert-Anlage zu Messezeiten und zur Rush-Hour die Hölle los, dann ist die ganze Stadt in Bewegung. Vom und zum Flughafen, in Pkws, auf Autobahnen, in Zügen, an den vielen Bus-, Straßenbahn-, S- und U-Bahnhaltestellen und auf Radwegen: Überall sind Menschen auf dem Weg von oder zur Arbeit. Im Berufsverkehr „atmet“ die Innenstadt einmal tief ein und schwillt tagsüber an, bevor sie nach Feierabend die vielen Pendler wieder in Frankfurts Speckgürtel und das weitere Umland entlässt.

Aber Frankfurt verträgt noch mehr. Beim diesjährigen JPMorgan Chase-Lauf, dem Frankfurter Firmenlauf, geht es durch die Innenstadt über eine Distanz von 5,6 km. Dort waren knapp 70.000 Teilnehmer (!) aus über 2.700 Unternehmen am Start. Damit ist der Lauf, nach Angaben des Veranstalters, der größte Stadtlauf der Welt. Kurt, ein Arbeitskollege, motivierte mich vor fast 10 Jahren zum Mitmachen. Nebenbei bemerkt sind mir die 5,6 Kilometer tatsächlich alles andere als leicht gefallen und heute, zehn Jahre später, ist dies mein 80. Marathon. So kann´s „laufen“. 

Wie ein gespitzter Bleistift ragt neben uns der Messeturm in den Himmel. 61 Stockwerke und 1202 Stufen. Einmal im Jahr ist dieser Büroturm Austragungsort der Treppenhauslauf-Europameisterschaften.  Thomas Dold, übrigens Trainer und heute streckenweise Tempomacher der Hahner-Zwillinge, ist noch immer der Streckenrekordhalter mit einer Zeit von 6:28 Minuten. Neben den Profis können dort auch Amateure und Firmenmannschaften starten. Kay probierte dies 2009 natürlich auch schon aus und benötigte dafür respektable 10:30 Minuten.

Zug um Zug oder auch Schritt für Schritt geht im Getümmel auf der westlichen Straßenseite Richtung Hauptbahnhof los. Als wäre ein riesiger Altkleider-Container geplatzt, verteilen sich über hunderte von Metern die weggeworfenen Kleidungsstücke der Läufer, getragen, um ein letztes Mal zu wärmen. Gegenüber bereits das erste Hotel auf unserer Strecke: Der alte Hessische Hof der Kategorie Luxushotel. Nach dem Krieg auf dem Grundstück des Hessischen Landgrafen errichtet. Jimmy´s Bar ist über die Stadtgrenzen bekannt. Aber am frühen Morgen erzähle ich noch keine Bargeschichten, komme lieber zur Realität. Schon treffe ich die erste Bekannte, Jasmin. Kaum Zeit für ein Foto, setzt sie sich vorzeitig ab.

Bald sind wir an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Anlage, links auf die Mainzer Landstraße. Hier kreuzen die für Skater gefährlichen Straßenbahnschienen in alle Richtungen. Das schnellste und längste Nightskating Europas findet jeden Dienstagabend in Frankfurts Innenstadt statt. Wer hier in einer lauen Sommernacht mitrollt, hat keine Zeit, Angst zu haben. Ehe man sich versieht, ist man auch schon über die Skaterfalle hinweg gesaust. Heute bin ich um einiges sicherer, dafür aber auch um einiges langsamer unterwegs. Im Slalom laufe ich durch die Läufermenge. Rechts, links, nochmal links, rechts, links, nochmal rechts. Wenige Laufminuten später ist auch schon die Taunusanlage erreicht. Der Blick fällt unausweichlich auf die 155 Meter hohen Zwillingstürme „Soll“ und „Haben“ der Deutschen Bank Zentrale.

Die Spitze des Starterfeldes huscht an uns vorbei, so schnell, dass ich sie nicht mehr aufs Bild bekomme. Rechts, links, nochmal links, rechts, links, rechts . . . Gegen die Kälte hat man der riesigen Dinosaurier-Plastik vor dem Senkenbergmuseum ein Eintracht Frankfurt-Trikot übergezogen. Dabei fällt auf, dass man in Frankfurt fast keine verkleideten Läufer sieht, die sich aus lauter Jux und Tollerei zum Affen machen.

 

Marathon Maniac


Großbildleinwand – Zuschauermassen (KM 6 Opernplatz). Hier in der Alten Oper trifft sich kommenden Sonntag die Elite des deutschen Sports beim Sportpresseball. Vor der Oper sind entlang der Laufstrecke Drängelgitter aufgebaut. Keine Lücke zwischen den Zuschauerreihen: Show und Unterhaltung. Ich treffe viele Freunde und Bekannte an der Strecke, viele sind im Moment verletzt oder leiden vielleicht an einem Läufer Burnout. Aber auch wer nicht läuft, weil er vielleicht nicht Laufen kann, beteiligt sich als begeisternder Zuschauer. Ich hocke nieder, möchte die Alte Oper mit Läufern im Vordergrund aufs Bild bekommen. Wie ich mich wieder aufrappele, blicke direkt ich in die traurigen blauen Augen von Marathon-Maniac Joe. Das Drehbuch für diesen Lauf musste kurzfristig umgeschrieben werden: Der Laufjunkie nun ein laufaffiner Achillessehnen-Betreuungsfall, statt der Kamera hat er Krücken in der Hand. Während der gewöhnliche Marathonläufer alle Hände voll zu tun haben mit Trainings-, Ernährungs- und Streckenplan, läuft MM Joe in einer ganz anderen Liga. Wie wir ihn kennen, lässt er sich ganz bestimmt nicht unterkriegen - Daumen hoch!

Dicht gedrängt laufe ich weiter, froh laufen zu können (KM 7 Taunusstraße). Rechter Hand ist der Willy-Brand-Platz (bis 1992 noch Theaterplatz). Dank eines jahrelangen Theaterabonnements meiner Großmutter machte ich hier die ersten kulturellen Schritte und lernte in dem Opern- und Schauspielhaus Opern und Ballette lieben. Auf Platz 13 der Frankfurter Hochhausliste steht der 148 Meter hohe Eurotower, früher als BfG-Hochhaus bekannt und heute Sitz der Europäischen Zentralbank. Auf dem grünen Platz davor steht fast zu übersehen ein meterhohes €-Logo.

So wertvoll wie sie scheint, ist die Spielkarte im Monopolyspiel dieser Bank nicht, denn ein Umzug der Europäischen Zentralbank (an die Großmarkthalle im Ostend) ist bereits im Bau. 4000 Fenstern hat der 136,80 Meter hohe „Gallileo“.  Die Spielkarte dieses Bankgebäudes hatten schon einige: Einst war das Hochhaus Teil der Konzernzentrale der Dresdner Bank. Durch die Bankübernahme der Commerzbank wurden diese Eigentümer. Gegenwärtig besitzen südkoreanische Investoren den Glitzerpalast. Geschwiegen wird über den Kaufpreis. Über die Preise schweigt man auch in der erotischsten und exotischsten Straße Frankfurts, der Kaiserstraße, die wir kurz vorher streiften. Rund um die Uhr ist in diesem Viertel „Betrieb“. Ausgelassene Stimmung herrscht auch vor dem Steigenberger Hotel: Europäische Sambistas „jammen“.

Rechts, links, nochmal links, rechts, links, rechts . . . Ich bahne mir einen Weg. Im Gewusel der Läufer lugt linker Hand die Hauptwache (KM 7,5) hervor. Spannende Geschichten einer spannenden Stadt: Wie in vielen großen Städten des Mittelalters, wurden auch in Frankfurt an verschiedenen Stellen der Stadt Delinquenten verurteilt und Todesurteile vollstreckt. So auch an der Hauptwache, Ecke Rossmarkt. Wer heute hier im Café sitzt, kann ja mal versuchen sich vorzustellen, wie an diesem Platz an einem heißen Sommertag  des Jahres 1799 der Kopf eines Frankfurter Dippemachermeisters vom Rumpf getrennt wurde.

 
 

Informationen: Mainova Frankfurt Marathon
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