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Laufberichte

Tra lago e monti - der Gardasee Marathon 2010

10.10.10
 

Traumstraße nach Riva

 

Winkend und klatschend verabschieden uns erhöht am Straßenrand oder auf Balkonen stehend die Zuschauer auf unseren ersten paar hundert Metern durch Limone. Auf der Straße selbst ist für sie kann Platz. Die ist in voller Breite durch die entfesselte Läuferherde belegt und keiner möchte bei dieser Stampede unter deren Beine geraten. Rasch rückt eine sich mächtig vor uns auftürmende Felswand näher. Und schon verschluckt uns der erste Tunnel ....

Wir sind allein auf der kurvigen „Gardesana Occidentale“, die von hier aus noch etwa 10 km weit nach Riva führt. Erst 1927 bis 1932 wurde diese als Verbindungsstraße zwischen Riva und Salo im südlichen Teil des Gardasee gebaut. Bis dahin waren die Orte am nordwestlichen Ufer nur per Schiff erreichbar. Für die ersten 28 km von Riva nach Gargnano mussten seinerzeit 74 Tunnel in die Steilhänge gesprengt werden; etwa ein Drittel davon befindet sich im Teilstück von Limone nach Riva. Bis heute gilt diese Strecke als eine der Traumstraßen Europas, deren Schönheit sich dem Durchfahrenden bei üblicherweise regem Autoverkehr aber leider nur in Momentaufnahmen erschließt. Aber einmal im Jahr ist das mittlerweile anders, nämlich dann, wenn die Läufer die Herrschaft über die Straße übernehmen.

Und es ist wirklich ein grandioses Lauf- und Landschaftserlebnis, das sich uns bietet. Extrem ist der stete Wechsel zwischen Hell und Dunkel, zwischen einer im gleißenden Sonnenlicht erstrahlenden See- und Naturlandschaft und zuweilen tiefer Finsternis in den häufig unbeleuchteten Tunneln. Wie Filmsequenzen laufen die tunnelfreien Abschnitte ab. Langsam zieht  üppig-wuchernde Natur, eingebettet in die wilde, fast senkrecht abfallende  Felslandschaft an uns vorüber. Und mittendrin sind wir. Aus dem Grün ragen die weitgefächerten Kronen vereinzelter Pinien und vor allem kerzengleich in den Himmel ragende Zypressen heraus. Tief unter uns schimmert der vom Vento leicht gekräuselte See in der Morgensonne. Im Dunst des Gegenlichts fast konturlos und unnahbar wirken die am jenseitigen Ufer empor steigenden Berge des Monte Baldo-Massivs. Wie mächtig diese sind, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass der Gardasee gerade einmal 65 m üNN hoch liegt, die Gipfel aber bis über 2.000 Meter aufragen. Dann wieder ein Schnitt: Dunkelheit. Aber schon kurz darauf: Eine neue Szenerie beginnt, immer wieder etwas anders, immer wieder faszinierend. 

Auch die Tunnels selbst varrieren in ihrer Gestaltung immer wieder. So sind vor allem bei kürzeren Tunnels die Innenwände unverschalt, was ihnen einen archaischen Charakter verleiht. Vom unregelmäßigen, blanken Fels tropft das Wasser, innen sieht man bisweilen kaum die Füße am Boden. Bei einigen Tunnels sind Lichtöffnungen in den Fels gebrochen oder sie sind als Galerien gestaltet. Das hat den Vorteil, dass man einerseits viel sieht, andererseits vor der durchaus schon intensiven Vormittagssonne und nebenbei auch vor Steinschlag geschützt ist.

Ich bin begeistert. Dieses Streckenstück ist mit das schönste, was ich bisher landschaftlich bei einem Marathon erleben durfte und allein schon wert, hier einmal dabei zu sein. Um zu ermessen, wie abenteuerlich und spektakulär diese Straße angelegt ist und wie extrem der Berg in den See abfällt, sollte man dieses Streckenstück unbedingt auch per Fährboot aus der Seeperspektive kennenlernen, und zwar möglichst mit einem Boot, das ohne Zwischenstopp in Torbole Riva ansteuert. Dazu hat man dank grünem Bändchen (siehe oben) als Marathonstarter ja beste Gelegenheit.

Etwa bei km 8 queren wir den im Grün einer engen Schlucht kaum sichtbar werdenden Gebirgsbach Ponale, einen Abfluss des ein paar hundert Meter höher in den Bergen gelegenen Lago di Ledro, der sich zum Schluss als Wasserfall in den Gardasee ergießt.

Kurz darauf folgt ein abschließendes, langes Tunnelstück, das uns erst wieder am Ortseingang nach Riva ins Tageslicht entlässt. Greifbar nahe ist hier schon die Altstadt, in die wir von der endenden Gardesana Occidentale geradewegs hinein geleitet werden. 

 

Riva del Garda

 

Riva ist als größter der ans Ufer grenzenden Orte so etwas wie die Kapitale des Gardasees. 16.000 Einwohner sind zwar auch nicht richtig viel, aber die großbürgerlichen Fassaden am Altstadthafen und entlang der Uferpromenade haben durchaus gewissen städtischen Flair. Der Charakter ist ein anderer als der Limones. Während Limone noch vielmehr dem Klischee eines italienischen Dorfes entspricht, erscheint Riva schon eher wie ein tirolerisches Bergstädtchen – einerseits mehr verbauter Naturstein, andererseits mehr schnörkelig verzierte Fassaden. Kein Wunder: In Riva hat vor allem auch die Habsburger k.u.k.-Monarchie ihre Spuren hinterlassen.

Am Eingang zum Hafen stehen Zuschauer klatschend Spalier, ein netter Empfang. In flottem Schritt umrunden wir das von farbenfrohen Fassaden gesäumte Hafenbecken, streifen die zentrale Piazza 3 Novembre und laufen direkt auf das Wahrzeichen Rivas, den hafenbeherrschenden 34 m hohen Uhrturm Torre Apponale zu. Dieser ist ein bereits aus dem 13. Jh. datierendes Relikt der ersten Festungsanlage Rivas.

Am Turm vorbei queren wir die Altstadt durch eine der propperen Einkaufsstraßen. Einen gefühlten Augenblick später schon ist am anderen Ende der Altstadt die Rocca erreicht, eine gänzlich von Wasser umschlossene mittelalterliche Wehrburg, die heute, in eine Parkanlage eingebettet, als Stadtmuseum genutzt wird. 

Die Parklandschaft setzt sich am Ufer des Sees fort. Auf gepflegten Wegen und über kleine Brücklein geht es fast auf Höhe des Wasserspiegels dicht am Ufer dahin, vorbei an akkurat geschnittenen Rasenflächen und sorgsam arrangierten Blumenrabatten, Pinien- und Zypressenanpflanzungen und anderen mediterranen Gewächsen. Das Läuferfeld hat sich nun schon so weit auseinander gezogen, dass es selbst mit den friedlich dahin flanierenden Spaziergängern keinerlei Begegnungen der unangenehmen Art gibt. 

 
 

Informationen: LAKE GARDA 42
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