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Laufberichte

Von der versunkenen Stadt und fürstlicher Jagd

28.08.11

15 Kilometer und erste kleine Schwächeerscheinungen? Höchste Zeit für den ersten Gel-Chip.  Auch hier lebten Kelten. Der Name Koberstadt leitet sich übrigens von Kupferstädte ab, denn schon früh wurden hier Metallfunde gemacht. Da kommt mir so eine Idee: „Vielleicht sollten wir mit Schaufeln ausgerüstet in den Wald vorstoßen und graben und graben“. Am Ende haben Archäologen bei ihrer Suche etwas übersehen und wir finden das Gold in den unendlich vielen Hügelgräbern, der Ankaufpreis für Altgold ist ja momentan hoch wie nie.

KM16 und 17 mit leichter Steigung. Am Ende der Steigung der nächste Versorgungsstand.  Ich schaue auf die Uhr, jetzt scharren bereits die Halbmarathon-Läufer in den Startreihen. Einige bekannte Gesichter stehen am Start und ich hoffe, einige von ihnen werden uns auf der nächsten Runde noch begegnen.

Manchmal tritt das Schaudern unvermittelt aus der Idylle hervor.

Irgendwo hier zwischen den Bäumen und unter dem Laub verborgen liegen die keltischen Vorfahren der Langener begraben. Sie fürchteten Götter wie die Urmutter Danu, Og, den Riesen, oder Gowan, den Schmied ich fürchte vielmehr das Tempo nicht halten zu können. Da kommt doch die Horde Römer, quatsch, Halbmarathonläufer, gerade richtig um die Geschwindigkeit wieder hochzuziehen. Kilometer 19 sehen wir schon den Halbmarathondurchlauf. 2006 hat mich das bereits beflügelt. Auch diesmal ist es einfach genial, in den Pulk von fast 800 Halbmarathonläufern eingesogen zu werden.

Toll, wie der Körper wieder an Spannung gewinnt, die Arme kraftvoll vor und zurück schwingen und wir slalomartig durch die Massen laufen. Kein Marathon-Trott mehr. Wir laufen so lange an den etwas langsameren HM-Läufern vorbei , bis wir auf jene stoßen, die uns nachher bis ins Ziel ziehen werden. Es macht einfach Spaß und ist kurzweilig. 2006 ging die Rechnung auf. Und heute? Läufer leben gefährlich. Vor tausenden von Jahren nicht weniger als im Hier und Heute. Angeblich kurvt in der Koberstadt ein mit Katzen bespannter Wagen umher, ein Mann ohne Kopf geht spazieren und ein Hirsch bringt Wanderer vom Weg ab. Ist das die Menschengruppe die wir hier an der Waldlichtung sehen? Kay meint, es wäre nur ein Waldgottesdienst.

Halbzeit! Uhrzeit? Kein Ahnung, aber ich fühle mich um Längen besser als 2006. Jetzt sollte auch die Horde von 10-Kilometer-Läufern den Wald unsicher machen.  Den besonderen Reiz macht für viele der Pfungstädter Lauf-Cup 2011 aus. Wahrscheinlich erfolgt daher die Zeitmessung ausschließlich mit dem Champion-Chip. Eben fällt mir auch ein, dass bei diesem Lauf auch die südhessischen Marathonmeisterschaften ausgetragen werden. Würde ich so flott wie 2006 laufen können, dann hätte ich vielleicht sogar Chancen auf einen AK-Sieg und wäre virtuelle südhessische AK-Meisterin. Hört sich dieser Titel nicht genial an? Vielleicht hätte ich da aber von Anfang an nicht so trödeln und unterwegs nicht so viel schlerschtbabbele sollen.  Ganz schnell verwerfe ich solch Kopfkino, ist es doch für uns nur ein letzter langer Lauf vor dem eigentlichen Event in der nächsten Woche.

Weiter vorne erkenne ich Alex. Er läuft ganz locker – wie immer eigentlich. Wir laufen ein Stück gemeinsam und er erzählt uns vom „Gondo-Event“. Leider verlieren wir ihn an der nächsten Verpflegungsstelle,  denn dort herrscht jetzt mit allen Läufern auf der Strecke Hochbetrieb.

Die schnellsten Marathonläufer werden wahrscheinlich jetzt schon ins Ziel einlaufen.  Wir haben noch ein Stück. Hier bewegen wir uns nicht am Limit, sind aber trotzdem schnell. Gut, endlich einmal einen satten konditionellen Reservepuffer zu verspüren. So müsste das immer sein. Es sind doch noch 12km zu laufen. Jetzt auch noch die beiden kleinen Steigungen. Nochmal Gel rein.
Asphaltweg. Reserven locker machen.

Immer wieder hören wir über uns bedenkliche Geräusche.

Stammen sie von einem größeren libellenähnlichen Fluginsekt zum Beispiel dem Meganeura-monyi heute auch Hubschrauber genannt? Noch 8 Kilometer - meine magische Zahl.  Zum dritten Mal laufen wir auf dem Europäischen Fernwanderweg Nr. 1. der die Nordsee bis zum Mittelmeer und Flensburg mit Genua verbindet. Eigentlich nichts besonderes, aber die Mitte der Strecke, die in Luftlinie beide Städte verbindet, liegt in der Koberstadt. Es liegt nur an mir. Kay geht jedes Tempo mit. Durchbeißen. Durchbeißen.

Noch 4,2 km. Kay´s GPS sagt etwas anderes, ich ignoriere seinen Zweifel.  Abzweig nach Egelsbach. Wieder an den Kleingärten vorbei, die B3 überqueren nach Egelsbach. Es ist fast geschafft. Den Sprecher im Stadion kann ich schon hören. Wir biegen ein ins Stadion. Nur noch eine 3/4 Runde und die zieht sich uuuuunnnneeenndddlliiicchhh. Die Stadionrunde ist die Belohnung für die Mühen. Leute klatschen. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Schnell- und Kunstläufe in Deutschland ausgetragen. Überwiegend handelte es sich dabei um Langstreckenläufe, die zum Amüsement der Zuschauer durchgeführt wurden. Der Bekannteste Schnellfüssler war der Langener Johann Valentin Görich. Er brach ebenfalls auf in die weite Welt um sich läuferisch zur Schau zu stellen (wie wir). Sicherlich waren auch die materiellen Aussichten eines Schauläufers verlockender als die eines biederen Handwerkers: konnte er doch durch die öffentlichen Auftritte manchen „schnellen Gulden“ machen. Männliche und weibliche Protagonisten „die sich für Geld sehen ließen“ verdienten mit dieser Attraktion ihren Lebensunterhalt. Soweit werde ich es wohl in diesem Leben nicht mehr bringen.

Endspurt. wir sind im Ziel! Am Ende hat sich kein Hügelgrab geöffnet. Und auch kein, der Sage nach in Gestalt eines Hirschen durch die Koberstadt irrender König der Vorzeit, haben wir entdecken können. Höchstens in der Verkleidung eines Läufers.  Jeder Landschaftslauf entwickelt sich zu einem kleinen Abenteuer mit ein wenig Phantasie. Aber jetzt kommt trotzdem noch das große Schaudern.

Der Marathon, der keiner ist.

Im Ziel erfahren wir, dass die Strecke durch die Streckenänderung „nur“ 40 Kilometer hatte. Wie auch immer, auch mit zwei Kilometer weniger war es für uns der schnellste Lauf in unserer diesjährigen Vorbereitung.  Wir würden uns freuen, wenn ihr ab 3. September kräftig die Daumen drückt und uns gedanklich bei unserem Lauf, wie Hannibal über die Alpen -nur entgegengesetzt-beim Transalpine-Run unterstützt. 

 

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Informationen: Koberstädter Wald-Marathon
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