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Laufberichte

Schmerz, Hunger und Durst sind Hysterie des Körpers

28.05.11
Autor: Joe Kelbel

Der Körper ist bis in die Zehenspitzen gefoltert, die Haut an den Füßen  löst sich ab. Das Pfälzer Bergland ist  unzugänglich, weit weg von der bewohnte Welt.  Die Menschen hier ernähren sich ausschließlich  von der Jagd, kommunizieren mit Trommeln und verjagen mit Vorliebe Trailläufer aus ihren Wäldern .. aber es gibt tolle Trails, vielleicht langssam mehr als mir lieb ist.

Jeden Kilometer beobachte ich, wie die Zecken langssam an der Innenseite meiner Oberschenkel nach oben wandern..... hahaha, kleiner Scherz, ich erkenne  nix mehr.

Brutal wie die Oberschenkel bei den Abstiegen schmerzen, ich spüre unangenehme Stiche an dem Knie, welches gebrochen war und schreie laut auf. Es ist niemand hier der mich hören könnte. Dann geht es wieder aufwärts.
Einzigartige Naturkulisse. Fast überall an den Südabhängen der steilen, bis zu 250 Meter abfallenden Landstufe, die stellenweise 40 Grad Neigung besitzt,  befinden sich Buchen- und Fichtenwald. Vereinzelt knorrige Eichen. Hier wirken die Regenfälle besonders stark, und kreieren sonderbare Wege, aber  ich muss wieder runter und nun wieder bergauf, der Hammer. Doch ich bin bei diesem Rennen auf alles gefasst. Ich werde niemals das Handtuch werfen! Niemals!

Ich erinnere mich an km 66: Ich wollte ein wenig  die Getränke entsorgen. Normalerweise bleibe ich dafür stehen, aber der Befehl kam nicht zu den Beinen durch, und so war ich so erstaunt über die zeitschonende Entsorgung, die auch erstaunlicherweise ohne Rückwärtsgang schuhschonend zu bewältigen war. Ich habe noch kilometerweit gelacht. 

Viel mehr Erinnerung habe ich aber nicht. Man muss sich höllisch konzentrieren. Auf den Untergrund, auf den Körper und vor allem auf die Markierungen. Egal wieviele Markierungen (rotweisse Bänder) da sein mögen, man vergißt, wo das letzte Band war, man registriert nicht das nächste. Tunnelblick, reduzierte Wahrnehmung. Durch die enorme Anstrengung werden Sehsinn und Tastsinn kaltgestellt, die Hände sind eh geschwollen wie ein bleicher Belugawal. Der Geruchsinn ist scharf, riecht jedes Wildschwein und jede Currywurst in kilometerweiter Entfernung, um dieses Nahrungsmittel zu erlegen. Der Hörsinn peilt  jede menschliche Stimme, und sei sie noch so weit entfernt. Und ich bin nun dabei, dieses Durcheinander der deutschen, belgischen und hollendischen  Rundfunksender in meinem Hirn zu sortieren.

Ich sehne mich nach km 70. Nach meinen Biervoräten. Ich bin kein Kakao- oder Isotrinker! Ich bin Biertrinker und sei die Brühe auch noch so warm!

Der Horizont verschwindet im Flirren meiner Wahrnehmung, es ist noch ein weiter Weg. Habe ich Halluziationen? Ja. Ich bin am Limit. Wird es jetzt mal Zeit einen Wettkampf abzubrechen?

Nein, ich bin nicht am Limit, ich nicht! Niemals! Mein Tempo verlangsamt sich, aber im Kopf läuft alles nach Fahrplan, ich will endlich in der besseren Liga laufen!

Km 70:  Gabi ist der erste Mensch, den ich nun seit Stunden sehe.  Ich bin mehr als eine Stunde unterhalb des Cut-Off.  Ich bin fit-  denke ich, doch jeder Schraubverschluß einer Wasserflasche stellt nun einen Herausforderung dar. Ich muss mich stark auf meine Aufgabe konzentrieren: Auffüllen der Wasserflaschen, Austausch der leeren Getränkedosen gegen die vollen, dabei Trinken und den Rucksack nach Nahrung durchsuchen. Fotos schießen. „Mach doch ein Foto davon, wo du hoch musst!“ Oh Gott nein, Tunnelblick, das verdrängen wir mal.

Wie ein Volltrunkener am Kühlschrank auf der Suche nach einen Stück schimmligen Käse, so verabschiede ich mich mit einem orientierungslosen „Lebt Wohl“ von dem Rest der Welt und begebe mich auf diesen gnadenlosen Anstieg.
15 Kilometer habe ich noch vor mir, das sollte in 2 Stunden zu schaffen sein. Ich hatte mich verflucht nochmal gewaltig geirrt!

Eric´s Überraschungen, die darin bestehen, nach wenigen gemütlichen Metern eines bequemen Weges urplötzlich ins Unterholz zu führen, habe ich bisher überlebt, doch es fällt mir nunmehr verdammt schwer, etwas zu registrieren. Eine weitere Kreisstrasse wäre in diesem Zustand ein unüberwindbares Hindernis für mich. Ich bin hier nicht bei den 100 km von Biel, das hier ist ein anderes Kaliber. Biel hat nur einen UTMB-Punkt und ich nur noch wenig Koordination.

Ich kann keine Fotos mehr schiessen. Erinnerung habe ich an einen weiteren wunderbaren Steinbruch, wo ich erstaunt bin, wie lang mein Schatten geworden ist. Dann geht es über uralte Bergbau-Abraumhalten, die ich normalerweise sofort auf der Suche nach Mineralien auseinandergenommen hätte. Aber nun werde ich selbst auseinandergenommen, es ist unvorstellbar!  Brennesseln, unendlich viel Brenneseln. Ich habe  nie irgendwas gespürt. Brenneseln werden sowas von überbewertet!

Ich bin schon längst am Limit, aber nicht am Ende. Ich zittere, mir ist kalt, und jetzt habe ich hier mal sowas von tierisch-gewaltige Höhenunterschiede! Um es mal klar zu sagen: Niemand käme auf die Idee, durch dieses Unterholz, über diese mittelalterlichen Abraumhalden zu stiefeln, niemand! Nur der Eric! Bei jedem schmerzhaften Stich begreife ich, was Eric hier organisiert hat, und das macht mich glücklich, überglücklich!

Ich krebse auf allen Vieren durch eine Urlandschaft, die ihresgleichen sucht. Zwischen Bäume, wo meine Schultern sich verkeilen, Wurzeln, die ich auf der Suche nach Halt mit riesigem Staubwirbel  aus dem brösligen Untergrund reiße. Nehme keine Rücksicht auf eklige Spinnennetzte oder lebende Bäume, ich reisse alles mit!  Es ist dunkel, es ist der brutalste Abschitt des Laufes. Es ist ein staubiger, atomwolkenartiger Kampf duch die beginnende Dunkelheit der eric´schen Heimat.

Ich dachte,  ich sei  am Ziel, da geht es noch ewig lang an einem extrem schiefen Hang entlang, die Knöchel knicken um, ich rutsche  metertief durch den Dreck hinab, krabbel hoch und schreie nach Gnade: „ Eric -  Du Sklaventreiber, Du! Du Sau Du,ich liebe Dich!“

Da reisst es mich erneut den Hang runter, ich greife, was ich nicht greifen kann,es  ist nichts zu greifen, es ist ein höllisches Durcheinander, die Zecken spritzen von meinem geschundenen Körper in den Dreck, und mein Blut klebt plötzlich an den Birken oder Kiefern, oder sonstigem sinnlosen Gewächs. Scheiss egal, irgendwas klebt irgendwo, und  irgendein Archäologe wird das schon irgendwann definieren, es ist mir scheissegal, ich will nur überleben.

Nun rutsche ich  irgendwie total  eingestaubt zwischen diesen dürren Dingern den Hang runter, mache hilflos meine Windmühle und weiss nicht wo irgendwas ist.  Sortiere nun meinen zerfetzen Rucksack, mein total verdrecktes m4y-shirt und suche mein Kappi, verflucht, aber ich habe herzlich gelacht, ich habe alles sortiert und herzlich gelacht!

Der schwarze Staub in meinen Salomons reibt mir tiefe Wunden, und ich bin so happy über diesen absolut geilen Kracher, den mir Eric präsentiert. Ich hab ja kaum noch Kontrolle über irgendwas, ich weiss nur eins: Ich habe keine Grenzen! Für mich ist alles möglich. Ich eiere hier wie ein Zombie durch den Dreck und bin glücklich-fertig. Für mich ist alles möglich, und wenn ich hier auf allen Vieren durch den Dreck kriechen muss, ich werde finishen!

Dann öffnen sich brutale Abhänge vor mir. Wenn ich jetzt hier hinbrezel, dann ist Problem, groß Pronlem, aber nicht Ende im Gelände. Ich bin total durcheinander, Kkein Raum-Zeit-Gefüge, nix Deutsch mehr. Dort ist Stacheldraht! Autsch, theoretisch...nö, tut nicht weh. Stacheldraht wird total überbewertet!  3 Std 20 für 15 Kilometer. Für die letzten 3 Kilometer brauche ich 40 Minuten! Ich bin am Ende aber nicht am Limit, ich kann noch lachen, lachen über Eric´s Humor. Oh, wie ist das geil!

Ich  hätte alle  Schweinerein von Eric mitgenommen, noch mehr Witz und Esprit, und noch viel mehr,  ich hätte alles mit breitem Grinsen mitgenommen! Geballte  Faust hoch in die Luft: Hurra und Danke Eric für ein ganz ganz liebevolles, grenzwertiges  Abenteuer, ganz, ganz großes Kino, das du uns an deinem 41ten (oder so) Geburtstag beschert hast!

Happy Birtday! Einfach geil!

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