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Laufberichte

Schmerz, Hunger und Durst sind Hysterie des Körpers

28.05.11
Autor: Joe Kelbel

Von dem imposanten Viadukt hat man eine herrliche Aussicht über den Ort xy-weiler....ach egal, es ist vorbei mit lustig! Steigung ist angesagt. Im Wald hängt eine Hexe über der Laufstrecke. Cool. Km 18: Verlaufen, zurück, egal! Kraxeln, Baumstämme, die Eric wohl mit Absicht dahin gelegt hat, liebevolle Durchhalteparolen, unendliche Weiten, ewige Landschaft, Treppen und Wiesen. Irgendwann erreiche ich die erste Wasserversorgungsstelle bei km 24. Gabi: „Joe, bist du nicht zu schnell?“ Bernd: „Joe, du bist heute aber gut dabei!“  Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich heute finishen werde.

Der Lauf ist einfach klasse, sehr anstrengend, äußerst anstrengend, aber wunderschön. Immer wieder muss ich lachen wenn ich Eric´s  liebevollen Bonbons registriere. Ich kapiere, was dieser gestandene Ultraläufer für einen Spass haben muss,  uns über die wildesten Stellen zu den schönsten Orten seiner Wahlheimat zu führen.

Erinnerungen an meine Jugendstreunereien werden wach. Auch ich bin damals durch die Steinbrüche, habe Mineralien gesucht und Salamander gefangen. Mein liebster Verpflegungspunkt waren die Pfirsichplantagen mit Tausenden von Schmetterlingen wie Admiral, Tagpfauenauge und Fuchs, wenn sie sich an den gärenden Früchten labten.

Und nun wieder diese Freude über verwunschene Orte, die kein normaler Mensch entdecken würde, die uns Eric nun zugänglich macht. Diese gewaltigen Steinbrüche, trockene Abraumhalden mit ihrer einzigartigen Fauna und Flora, diese schwierigen Hänge auf denen man in einer Staubwolke gen Tal rutscht und sich die Hände und Knie blutig reisst. Oh, was für eine Freude über diese schmerzenden Basaltspitzen zu springen, dass die Mauereidechsen flink in ihre Löcher flitzen. Dahinter ein Wall aus eiszeitlichem Löß, den es zu überwinden gilt. Das staubige Pulver gibt keinen Halt, es ist ein Rutschen, Geschrei und lautes Lachen, ich bin wieder 16, ich bin auf meinen Pfaden, ich bin jung!

Wald, trockene Felder, Gebüsch, Lößhänge an denen wir uns rutschend hochziehen müssen, dann geht es wieder hoch auf den verwilderten Bahndamm, auf den trockenen Wiesen hole ich die ersten Schwächelnden ein.  Km 41,5 es ist 12 Uhr Mittags, wir sind zurück am Sportlerheim in Reichweiler, 6 Stunden Traillauf,  ich bin über eine Stunde unterhalb der Cut-Off-Zeit. Mann, bin ich gut drauf!  Ich bin ja mal sowas von fit!

Es gibt auch diese Feuchtwiesen, ich registriere die Orchideen, die auf diesem  kargen Grund wachsen. Knabenkraut, wenige Meter drüber versucht jemand Hafer anzubauen. Der karge Boden ist schon schlimm genug, aber dieser trockene Frühling lässt den Hafer mikrig bleiben. In dem Haferfeld  liegen Äste und  der Boden ist total verhärtet. Was sind denn hier für Diletant am Werk?

Die Sonne glüht und der Anstieg in die zweite, extrem harte Runde beginnt. Vier Liter Getränke habe ich konsumiert, bis km 55 sollten doch 1,5 Liter jetzt reichen. Harter Anstieg, an glühenden Basaltsteinbrüchen vorbei. Fragt mich nicht, von wo aus wir jetzt den Ausblick genießen, vielleicht weiss es m4y-Kollege Daniel.

Hier hat man eine herrliche Aussicht. Im Norden ist der Hunsrück in seiner ganzen Länge sichtbar. Im Osten erhebt sich Deutschlands größte Burgruine Lichtenberg, im Südosten dert Potzberg und der Donnersberg. Nach Westen ein weiter Blick ins Saarland. Weiter.

Wie ein nasser Schwamm schwitze ich aus allen Poren, mir doch egal!
Ich frage einen Bauern, wie der Ort hier heisst. Ich verstehe kein Wort, der spricht so komisch, sagt irgendwie,  ich solle mich dort in den Viehtrog legen, sei kühles Wasser dort. Sag mal! Ich will laufen, nicht baden!  Mir doch egal, ob ihr hier fliessend Wasser habt, oder nicht,  ihr Alm-Ödies! Der spinnt wohl!

Km 48: Ich schreie meine Mitläufer an: „ Hier waren wir schon!“-  „ Nein Joe ,du irrst!“ „ Doch!“  „ Nein! Und wenn, dann ist das ein Rundkurs, ich kenne das von anderen Läufen!“

„Nein, ihr Orientierungslegasteniker, ich dreh jetzt um!“ Einige laufen weiter. Wie ich abends hörte, gab es hier einige, die eine Stunde verloren haben, nur weil sie weitergelaufen sind, dieselbe Strecke nochmal. Wie blööööd! Nun schare ich  einige Jünger um mich, und gemeinsam geht es zurück zur letzten Markierung.
Als wir sie gefunden haben, bekomme ich eine extra La Ola Welle und weiter geht es.

Brutal geht es abwärts. Schreie, Staub und unkontrolliert, sehr unkontrolliert mit schmerzverzerrten Gesicht stolpert die ehemals farbige, jetzt graue Läufergemeinschaft haltsuchend gegen Bäume und über steile Hänge. Überlebt! Wir klatschen uns ab, denn hier wurde gerade ewige Männerfreundschaft im Angesicht übermenschlicher Anstrengung besiegelt. Zwei Kästen Bier inmitten des Waldes machen das Bündnis perfekt.

Mit Stevie durchlaufe ich den zweiten, winzigen  Ort unserer heutigen Reise. Ich will noch jemanden fragen, wie nun dieser nichtssagende Ort hier eigentlich heisst, aber mir ist es nun in meinem Überlebenskampf  sowas von egal, ob diese Menschen noch eine Daseinsberechtigung, mehr als ein Fernsehprogramm haben oder Steuern zahlen, oder ...ach egal. Ich will nur noch weiter. Nach meinem Durchlauf hört bei denen sowieso die Weltgeschichte auf!

Bei km 55 können wir an der  dritten Wasserversorgung nochmals anstoßen (Joe hat natürlich Bier gebunkert). Kurzfristige Erfrischung für den Kopf, der auf Durchhalten programmiert ist, dann löst  sich der Leidenstrupp auf.  Beim  Kontrollpunkt  km 58 sehe ich die letzten Menschen. Die Einsamkeit beginnt. Verzweiflung, Frust, Anspannung und Erschöpfung. Wer mich jetzt sehen würde, der würde nicht mehr an mich glauben. Nur ich glaube an mich und mein Durchkommen.

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