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Laufberichte

Sonne im Karwendel

25.08.12

Just an der VP fängt es wieder richtig zum schütten an, alle drücken sich unter die Dachüberstände an der Labe. Hier an der freien und zugigen Stelle ist es auch spürbar kälter geworden, meine Finger sind klamm und natürlich muss der schützende Aufenthalt auch mal beendet werden. In meiner Vollausstattung befindet sich noch eine der orangefarbenen Überziehfolien. Das sind die Dinger, die zur Wärmung beim Jungfrau Marathon oder bei Schlechtwetter während des Swissalpine vom Veranstalter ausgeben werden und von einigen bei Wetterbesserung leider schnell wieder in der Landschaft entsorgt werden. Dabei können sie doch meist problemlos wieder verwendet werden und für gute Dienste sorgen, so wie meiner hier.

Bis zur nächsten Labestation im 6 km entfernten kleinen Ahornboden verlieren wir von unseren 850 positiven Höhenmetern wieder mehr als die Hälfte. In Serpentinen führt uns der rustikale Weg runter ins Tal. Auf die Nase legen möchte ich mich auf der Schotterpiste ungerne und kontrolliere daher lieber mein Abwärtstempo. Dankbar bin ich für meine Folie, im Nu ist mir wieder warm geworden und der Regen ist mir Schnuppe. Ebenfalls dabei habe ich heute ganz neu eine der wasserdichten Outdoorkameras. So kann ich nach Herzenslust auch im stärksten Regen noch Fotos schießen.

Hermann von Barth gilt als der alpine Erschließer des Karwendels. 88 der über 200 Gipfel des Karwendels soll er allein im Sommer 1870 bestiegen haben. Ihm zu Ehren hat man ein Denkmal gesetzt, es liegt direkt neben unserer Laufstrecke mit herrlichem Überblick über den kleinen Ahornboden und seinem alten Baumbestand. Einige der Bergahornbäume haben bis zu 600 Jahre auf dem Buckel. Dabei sind aber auch einige eingezäunte Neupflanzungen.14 Patenschaften werden dafür jährlich vergeben, für 300 Euro ist man dabei und wird so Pate eines Bergahorns und kann damit einen Beitrag für Maßnahmen zum Umweltschutz leisten.

Nach durchqueren eines Schotterfeldes geht’s wieder aufwärts. Vor mir laufen „die Küken“, so nennen sich Manuela und Petra. Wie sie den Aufstieg mit lockeren Tippelschritten bewältigen, sieht echt toll aus. Ich hoffe insgeheim für sie, dass sie damit nicht a bisserl zu früh ihr Pulver verschießen. In unserer Preisklasse läuft hier sonst keiner mehr so leichtfüßig den Berg hinauf, der Gewinn gegenüber Gehtempo ist auch nur sehr gering. Ein paar Fotos ist der Mut mir allemal wert. „Wo gibt’s die zu sehen?“ werde ich gefragt. „Auf marathon4you, kennt ihr das?“ „Ja klar! Warst du das: mit Blaulicht durch Rom?“. „Nein, das war der Joe.“

Bis zur Falkenhütte sind wieder 600 Höhenmeter fällig, die zweite Hälfte davon ab Ladizalm richtig steil. Dafür wird der Blick, je weiter es hoch geht, umso schöner auf die mächtigen Ladiderer Wände vor uns. Trotz vieler Wolken sind sie momentan gut zu sehen. 900 Meter wachsen sie fast senkrecht hoch bis unter die Gipfelbereiche der Laliderer Spitze und Grubenkarspitze auf 2.600 m. Die aufeinanderfolgende Reihe der gewaltigen Felswände ist eines der bekanntesten Klettergebiete der Nördlichen Kalkalpen. Ab Falkenhütte hat man einen genialen Überblick über die traumhafte Kulisse. Bei Erreichen der dortigen Labestation verfinstert sich der Himmel und verdirbt aber kurzfristig den Ausblick. Ein weiterer gewaltiger Schauer prasselt auf uns hernieder.

Der weitere Weg führt uns direkt in einer Senke unterhalb der dunklen Felswände entlang. Im Oktober 2011 gab es einen der größten Felsstürze der vergangenen Jahre. Von der Laliderer Spitze sind mitten in der Nacht, große Felsbrocken gut 600 Meter herabgestürzt. Richtig mitbekommen hat das niemand. Doch als die Wirte der Falkenhütte am nächsten Tag aus dem Fenster schauten, sah es so aus, als hätte es geschneit. Weiß bedeckt waren die Bäume und es lag Staub in der Luft. „In geologischen Zeiträumen gesehen, kommt so etwas sehr häufig vor“, meinte ein Geologe dazu. Auf seinem Gebiet wird allerdings in tausenden von Jahren gerechnet. Ich denke, das können wir riskieren.

Unten im Ladiderer Tal hängt eine riesige schneeweiße Wolkenbank. Faszinierend beobachte ich, wie sie sich nach oben ausbreitet. Binnen weniger Minuten hat sie den Beginn der Felswände erreicht. Puuh, Glück gehabt, genau als ich das Gebiet verlasse. Erinnert mich irgendwie an die Szene aus „The Fog – Nebel des Grauens“, als der Nebel alles verschlang und dann Unheimliches passierte.

Schmierig, nass und steil ist der Weg runter in die Eng. Wer von den Wanderern die verkürzte Variante mit 35 km bevorzugt, oder das Zeitlimit um 14 Uhr überschreitet, für den ist in an der Engalm finish. An der Labe gibt es eine sensationelle Gemüsesuppe. Ich genehmige mir gar drei Becher davon und obendrauf noch die köstliche Heidelbeersuppe. Besser geht’s kaum. Gels habe ich zwar auch im Rucksack, bei den angebotenen Leckerbissen bleiben sie heute unangetastet.

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Informationen: Karwendelmarsch
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