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Laufberichte

Auf den Schwingen des Adlers

27.08.11

Tom und Dieter drängen zum Aufbruch. So schön es war, ich lasse sie ganz gerne davonziehen, sie sind nicht meine Kragenweite, haben ein wesentlich höheres Leistungsvermögen, was mich wahrscheinlich eher ins Verderben führen würde. Zudem ist der Ultra der Vorwoche bei mir auch noch deutlich spürbar. Bergab rauschen sie davon. Auf rustikalen Wegen geht es serpentinenartig runter zum Kleinen Ahornboden. Auf dem Almboden gibt es Bestände mit einzelnen bis zu 600 Jahre alten knorrigen Bergahornbäumen. Über Jahrhunderte waren das Tal in jedem Frühjahr überschwemmt. In Verbindung mit dem mageren Boden der Hochtäler wurden die Tannen und Fichten zurückgedrängt und der Bergahorn nutzte die Chance sich hier anzusiedeln. Selbst im Regen ist das Tal wunderschön anzusehen.

An der dort postierten Jausenstation drängen sich gerade viele Läufer unter das Zelt, da wieder ein anständiger Duscher vom Himmel kommt. Einer schnorrt sich ein paar Gummihandschuhe von den Helfern um seine Finger wenigstens etwas vor der Kälte zu schützen. Selbst dabei hat er, außer dem spärlichen Gewand das er an hat, nichts. Es hilft nix, ich muss weiter. Auf meine Kameralinse installiere ich ab hier den Wasserfilter, um auch möglichst authentische Bilder unserer Umstände liefern zu können …ha ha ha. Unmittelbar danach passiere ich das Denkmal des wilden Freiherrn Hermann von Barth, der in einem einzigen Sommer 88 Gipfel des Karwendel im Alleingang bestieg. Insgesamt kommt man ungefähr auf eine Zahl von 200 Spitzen, die teils skurrile Namen wie Hinterödkopf, Krapfenkarspitze, Fleischbank, Stierjoch oder Luderwände tragen.

Nach einem langgezogenen Schotterfeld geht es wieder auffi. Erst noch relativ komfortabel durch lichte Wälder, aber nach der urigen Ladizalm wird es richtig steil. Eine Gruppe Berliner Jungs muss ihren Kameraden schon mächtig motivieren, damit er überhaupt noch weiter geht. Die letzten 300 Hm hinauf zur Falkenhütte haben es wirklich in sich. Normalerweise würden wir ja zur Entschädigung mit einem atemberaubenden Panorama auf die vor uns liegenden Ladiderer Wände belohnt, aber da ist heute leider Fehlanzeige, sie sind vollkommen in Wolken gehüllt. Dafür hat es aber wenigsten seit einiger Zeit mal wieder aufgehört zu regnen.

Unterhalb der Falkenhütte können wir uns wieder stärken. Das Verpflegungszelt steht zwar an sehr exponierter Stelle wo es zieht wie Hechtsuppe, aber die Brotzeit ist wieder allererste Sahne. Alles was wir heute an den Stationen serviert bekommen ist ausschließlich BIO. Alle Produkte kommen von Bio-Bauernhöfen aus der Region und wurden teilweise extra für den Karwendelmarsch hergestellt. Im gerade vorliegenden Fall muss ich besonders die extra dicke Hafersuppe löblich erwähnen, ist mal wirklich was anderes wie die pappsüßen Energygels. Die warmen Speisen und Getränke finden bei dem jetzigen Schmuddelwetter nicht nur bei mir am meisten Anklang. Am allerbesten schmecken mir aber die selbstgemachten Riegel. Sie sehen aus wie kleine Florentiner und schmecken beinahe auch so, nur nicht ganz so süß.  Am liebsten würde ich mir den Rucksack voll einpacken, sie gibt es aber noch an diversen Stationen zum durchfuttern.

Kurz nach mir treffen meine Fotoreporter-Kollegen Günter Kromer und Wolfram Brunnmeier ein, wir haben uns seit dem Start aus den Augen verloren. Der Wolfram hat sich mittlerweile ganz schick in einen edlen Müllsack gezwängt. Steht ihm ganz gut, vielleicht nicht optimal figurbetonend, aber was macht man nicht alles um sich vor Nässe zu schützen. Als Paparazzi-Trio machen wir uns gemeinsam auf den weiteren Weg. Direkt unterhalb den furchterregenden Laliderer Wänden geht es für uns weiter. Die Kette aufeinanderfolgender, fast senkrechter Felswände ist eines der bekanntesten Klettergebiete der Nördlichen Alpen. Die Wände sind etwa 900 Meter hoch und reichen bis knapp unter die Gipfelbereiche von Laliderer Spitze (2.588 m) und Grubenkarspitze (2.663 m). Aber so weit nach oben können wir heute leider nicht sehen.

Nach einem kurzen Aufstieg verlieren wir bis runter zur Engalm 550 Höhenmeter auf größtenteils winkligen kleinen Trails. Die Eng ist der Zugang für die Münchner in die Karwendelberge weil sie praktisch direkt vor ihrer Haustüre liegt. Flächenmäßig gehören den Tirolern 727 km2 des Karwendel und den Bayern knapp 200 km2. Der wesentlich größere Teil befindet sich also auf österreichischem Gebiet.

Für Wanderer und Nordic Walker ist an der Engalm die kürzere 35 Kilometer-Variante des Karwendelmarsches beendet. Nach dem Zieleinlaufbogen ist wieder eine große Labestation errichtet. Besondere Schmankerl sind der warme Gemüsefond und die kalte Heidelbeersuppe, dazu kann man sich noch einen Joghurt einverleiben.

Schon beim Abstieg wurde der Regen am Schluss immer stärker, aber jetzt fängt es richtig zu schütten an, außerdem sind erste Donner am Himmel zu vernehmen.

Nach einer ausgiebigen Stärkung nehme ich mit Günter und Wolfram im strömenden Regen den dritten und letzten Aufstieg in Angriff. Mit 650 Hm auf den nächsten 6 km ist er auch der steilste und schwierigste des ganzen Kurses. Um uns blitzt und donnert es in einer Tour. Die Feuchtigkeit dringt jetzt selbst durch meine Regenjacke mit einer Wassersäule von 10.000 mm und meine Hose ist vollkommen durchnässt, angenehm ist das nimmer. Weitere zusätzliche Wechselkleidung habe ich selbst am Start nicht für nötig gehalten.

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Informationen: Karwendelmarsch
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