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Laufberichte

Too much Matsch

 

 

Kaisermarathon

 

Der Kaisermarathon ist das Herzstück der Tour. Namenspate ist der Gebirgsstock des Wilden Kaiser, der zumindest optisch die Szenerie auf weiten Teilen der Strecke bestimmt, auch wenn diese stets in mehr oder minder respektvollem Abstand verläuft. Wer ausgesetzte Wander- und Kletterpfade durch wildromatisches Alpenpanorama liebt und nach der Tour noch Kräfte mobilisieren kann, sollte sich einen Abstecher in den Wilden Kaiser jedoch nicht entgehen lassen. Wer sich nurmehr fußkrank fühlt, dem sei zumindest ein kulinarischer Ausflug mit dem Auto zur Wochenbrunner Alm ans Herz gelegt.

Es sind die eher läuferfreundlichen, weil flacheren Ausläufer der Kitzbüheler Alpen, gekrönt von der hohen Salve, die wir läuferisch bewältigen müssen, aber auch da kommen insgesamt 2.160 positive Höhenmeter zusammen - so zumindest hat es der Veranstalter errechnet. Betrachtet man das Streckenprofil, gibt es übrigens interessante Parallelen zum Jungfrau Marathon: Hier wie dort ist die erste Hälfte relativ flach, erst auf der zweiten mutiert der Kurs zum “echten” Berglauf.

 

Start in Söll

 

Am Samstag Morgen ist die dörfliche Beschaulichkeit in Söll schnell dahin. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Läufer durch die Gassen und sammeln sich im und um das Zeltdorf. Die Sonne blinzelt zwischen den Nebelfetzen hindurch, doch lassen dicke Wolken am westlichen Horizont wenig Gutes vermuten. Noch hält sie der Föhn im Zaum. Den Läufern scheint es einerlei zu sein, im Hier und Jetzt lässt sich keiner die Stimmung trüben. Fetzige Musik begleitet uns bis zum Start und lässt die Vorfreude steigen. Zu Bombast-Sound ertönt wie schon gestern der Countdown. Um Punkt 9.30 Uhr heißt es: Beine Marsch, Luftballons ab gen Himmel.

Den Auftakt des Kaisermarathons bildet traditionell eine Schleife gen Westen, die uns nach 7,5 km wieder nach Söll zurück führt. Meist auf Asphalt-, zum Teil auf Naturwegen, in stetigem leichten Auf und Ab geht es dahin, ideal zum Warmlaufen und Einstimmen für größere Aufgaben. Zuerst einmal dürfen wir uns von den zahlreichen Zuschauern im Ortszentrum Sölls beim Auszug in unser Laufabenteuer feiern lassen, ehe wir über die Wiesen, unter Obstbäumen und neugierig von Kühen beäugt durch die Landschaft tingeln. Richtig knackig wird es erstmals am Wendepunkt bei bei km 3. Eine kräftige Steigung führt hinauf zum Alpenschlössl, einem großen Wellnesshotel mit „Schlössl“-Ambiente. Am Hotel erwartet uns bereits die erste von elf Versorgungsstationen entlang der Strecke.

Traumhafte Ausblicke auf das nebelumwaberte Massiv des Wilden Kaiser begleiten uns auf dem Rückweg. Aber immer nur für kurze Zeit. Denn zumeist werden wir auf blickdichte Waldpfade gelotst, die schließlich in den Naturpfad führen, den wir schon vom gestrigen Zehner kennen.

Ein großer Empfang wird uns erneut im Zentrum Sölls bereitet. Fast schon Volksfeststimmung ist das, und das bei einem Bergmarathon ….

 

Über Scheffau nach Ellmau

 

Einsamkeit und Ruhe holen uns aber schnell wieder ein. Jenseits der hübschen alten Holzhäuser Sölls mit ihren blumenbeladenen Balkonen tauchen wir ein in ein enges Nebental und folgen dem Wildbach der Weissache durch den herbstlich gefärbten Laubwald. Überaus locker, weil meist flach dahin gehend sind die folgenden Kilometer. Hinter km 10 wechselt die Szenerie. Denn nun schlängelt sich unser Weg als schmales Asphaltband durch weite Wiesen im nunmehr breiten Haupttal. Das bedeutet einmal mehr: Kaiserpanorama. Langsam rückt sie näher, die graue Wand. 

Die Kilometer fließen nur so dahin, und jeder einzelne ist entlang der Strecke ausgeschildert. Das für sich allein wäre noch nichts Bemerkenswertes, wohl aber, dass es zudem eine Ausschilderung gibt, die ganzjährig und fest installiert ist. Somit kann man jederzeit, ggf. auch mit Dokumentation per Stempelbuch, seine höchstpersönliche Tour unternehmen.

Ein kurzer Anstieg durch einen Wald, dann sehe ich noch ganz klein unter der mächtigen kaiserlichen Felswand einen schlanken spitzen Kirchturm, dem wir uns direttissma annähern. Es ist das Dorf Scheffau, das er überragt. In einem lauschigen großen Garten am Ortsrand bei km 14,5 mache ich gerne Verpflegungspause.

Unser Kurs schwenkt nun nach rechts, von der einen Talseite zur anderen, dort wo auch die Hauptdurchgangsstraße durch das Tal verläuft. Stets unweit dieser Straße setzt sich unser Weg durch das Tal in Richtung Ellmau fort. Auch das Rauschen eines Bachs kann die Nähe der Straße nicht verbergen. Es sind für mich eher weniger inspirierende Kilometer, aber sie lassen sich zumindest ohne größere Anstrengung belaufen. Endlich driften wir wieder in den Wald ab und erreichen die ersten Ausläufer Ellmaus. Weiter in das Dorf hinein kommen wir nicht, denn wir werden direkt zur Talstation der Hartkaiser-Bergbahn geleitet.

 

Der Berg ruft

 

Die Talstation, direkt am 21 km-Schild gelegen, signalisiert nicht nur die Streckenhalbzeit. Denn hier und jetzt, exakt zur Streckenhälfte wandelt sich das Streckenprofil. Ein Straßenläufer würde sagen: Jetzt ist “Schuss mit lustig”. Wer läuferisch die Berge liebt, der wird dagegen “na endlich” seufzen.

Der Weg führt uns zunächst noch über Almen, mit schönem Rückblick auf Ellmau und das Kaisergebirge. Dann tauchen wir ein in dichten Nadelwald. Der zunächst noch relativ bequeme Naturweg mutiert zum wurzeligen Pfad, der, immer wieder von Stufen unterbrochen, steil bergan führt. Die Läuferkette wandelt sich kollektiv zur keuchend-schweigenden Walkertruppe. Immerhin 700 Höhenmeter sind auf den nächsten fünf Kilometern zu überwinden.

Unterwegs dürfen wir immer mal wieder einen Blick auf das interessante Konstrukt der auf den Hartkaiser führenden Standseilbahn werfen. Sie verläuft auf Schienen, die sich jeglicher Anpassung an den natürlichen Verlauf des Berghangs verweigern und schnurgerade gen Gipfel streben. Über diese wird per Seil jeweils eine große Fahrgastkabine hinauf gezogen und eine andere im Gegenlauf hinab gelassen. Schon von Weitem hört man es durch den Wald rattern, wenn mal wieder eine Kabine heran naht. 

Vorbei an Skipisten geht es schließlich wieder auf einem breiten Wanderweg durch den zunehmend feuchtnebeligen Wald. Die Rübezahlalm bei km 23 ist der nächste Spot im Tourprogramm. Die Bilderbuch-Berghütte mit Traumblick auf den Wilden Kaiser hat sich zu einem beliebten Treffpunkt der “Bussi”-Gesellschaft mit hohem Promi-Faktor und als Kamerakulisse in der Volksmusikszene etabliert. Jedenfalls ist die auch im Internet veröffentlichte Besucherliste durchaus beeindruckend. Mit dem Traumblick ist es allerdings heute so eine Sache: Denn dichtes Wolkengebälk hat die Gipfel mittlerweile in Beschlag genommen.

Nichtsdestotrotz: Besonders schön gelegen ist die erhöht über der Hütte platzierte Labestation. Mit zunehmendem Streckenverlauf immer reichhaltiger wird das Programm. Mittlerweile sind neben Energy-Riegeln und Gels und Red Bull Shots zu haben. Und Cola, zumindest für mich der Lieblingsenergizer nach vielen Kilometern in den Beinen. 

Eine nette Abwechslung bieten ab hier auf den folgenden drei Kilometern die insgesamt 22 am Wegesrand in gebührlichem Abstand postieren Holzstelen, ausdrucksstarke Werke der “Motorsägenschnitzkunst” Gerhard Salvenmosers, seines Zeichens im Hauptberuf Wirt der Rübezahlalm. Über den künstlerischen Wert der aus Holzstämmen geschnittenen Konterfeis von Kobolden, Hexen und sonstigen Waldfabelwesen lässt sich sicher streiten. Tatsache ist aber: So etwas mit so grobem Werkzeug wie einer Motorsäge zu schaffen, bedarf schon besonderer Fertigkeiten.

Weiter geht es durch triefend grünen Wald. Nieselregen setzt ein, als wir in die Wolken eindringen. Entsprechend präsentiert sich das Panorama, als sich der Wald übergangslos und urplötzlich bei km 24 öffnet und wir auf luftigen vegetationsarmen Wanderwegen unseren Anstieg fortsetzen. Aber noch ist die wabernde Wolkenwand nicht kompakt, sodass sich immer wieder faszinierende Ausblicke in die Tiefe und hin zu den umliegenden Bergen bieten. Vorbei am runden Hartkaisersee, hinter dem sich die Gleise der Hartkaiserbahn in geradezu irrwitzige Höhen zur Bergstation erheben, erklimmen wir bei km 26 das Gipfelplateau des 1.555 m hohen Hartkaiser.

Es ist allerdings nicht unbedingt Gipfelromantik, was uns oben erwartet. Das große Panoramarestaurant Bergkaiser, diverse Nebenbauten und Liftanlagen füllen den Gipfel. Grandios soll die Aussicht hinüber zum Kaisergebirge sein, aber wettertechnisch hat sich das heute erledigt. Der Föhn hat sich gegen Mittag verabschiedet, sodass die regenschweren Wolken freie Bahn haben. Der Veranstalter reagiert prompt und gibt am Verpflegungsstopp auf dem Hartkaiser Kunststoffponchos an diejenigen aus, die zu luftig gekleidet sind.

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Informationen: Kaisermarathon / Tour de Tirol
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