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Laufberichte

Too much Matsch

 

Ausgebremst

 

Auf herrlichen Naturwegen geht es in der Höhe weiter. Kalt, nass und zugig ist es, aber innerlich aufgewärmt und äußerlich geschützt tut das dem Trailspaß keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil. Bergwald und Almlandschaft wechseln einander ab. Auch wenn ab und an eine Abwärtspassage eingestreut ist, so windet sich der Pfad tendenziell weiter nach oben. Obwohl der Regen immer heftiger wird und die Wolken uns immer mehr einschnüren, so geben sie immer noch beeindruckende Einblicke in das Söller Tal frei. Wir passieren einen exponiert am Hang liegenden kleinen Bergsee. Fast schon geisterhaft taucht er aus dem Nebel auf. Dann ist es allerdings gänzlich aus mit der Sicht. Maximal einen Radius von 50 Metern können wir überblicken.

Eine Schleife zwischen km 28 und 29 bringt uns zur Tanzbodenalm. Wie aus dem Off tönen uns durch die Wolkenwand schon aus der Ferne Kuhglockengebimmel und Anfeuerungsrufe entgegen. Kurz darauf werde ich höchstpersönlich von den Stimmungskanonen per La Ola Welle auf Trab gebracht. Mitten über die Terrasse der rustikalen Almhütte führt unser Kurs und freudig-erstaunt darf ich feststellen, dass außer den Gaudiburschen auch noch ein paar andere Zaungäste den widrigen Wetterverhältnissen im Freien trotzen.

Über die nächsten Kilometer gibt es wenig zu berichten, schon weil es witterungsbedingt wenig zu sehen gibt: Kein Kaisergebirge und schon gar keine Hohe Salve. Im eisigen Wind und Regen werden meine Finger immer klammer. Und so ist der heiße Tee, den es an der geschützten Verpflegungsstelle am Jochstub'n See (1.670 m üNN) gibt, eine wahre Wohltat. Erst nach dem dritten Becher kann ich mich zum Weiterlaufen aufraffen.

Auf breiten Forstwegen über Almen und durch Bergwald geht es in langgezogenen Serpentinen nunmehr durchweg bergab und damit auch wieder in relativ wärmere Gefilde. Auch wenn es flott dahin geht, ist dies für die Oberschenkelmuskeln eine echte Herausforderung. Schon wieder richtig erfreulich ist die Sicht nach 35 km am Filzalmsee (1.320 m üNN). Weniger erfreulich ist allerdings, was uns ein Helfer am Verpflegungsposten kurz zuruft: Rennabbruch ab dem Hexenwasser. Was? Ich kann es kaum glauben. Kein Schnee, kein Sturm, kein Gewitter und auch sonst kann ich mir gar nicht recht vorstellen, was diesen Abbruch provozieren könnte.

Mäßig motiviert trabe ich die nächsten Kilometer durch Wald und Wiesen weiter bergab. Laute Musik und die jeden Ankömmling willkommen heißende Stimme eines Zielmoderators schallt mir schon entgegen, als ich bei km 38,5 in eine weite Almlandschaft hinaus trete. Das Hexenwasser ist erreicht. Hinter dem Namen verbirgt sich - weniger geheimnisvoll als er vermuten lässt - eine Art alpiner Freizeitpark mit großem Spielgelände und Themenpfaden für Groß und Klein, ergänzt durch diverse bewirtschaftete Hütten und Liftstationen. Und mittendrin signalisiert schon ein kleiner roter Bogen: Hier muss ich noch durch.

Eher frustriert als beglückt laufe ich ein. Knapp 700 Höhenmeter wären auf den berühmt-berüchtigten letzten drei Kilometern bis zum Gipfel der Hohen Salve (1.829 m üNN) noch zu überwinden gewesen. Zugegebenermaßen verpasse ich angesichts der wenig oberhalb des Hexenwassers beginnenden undurchdringlichen Wolkendecke heute optisch ohnehin nichts. Und von den unwirtlichen Bedingungen einschließlich eisigen Temperaturen am Gipfel darf ich mich auch noch persönlich überzeugen, als ich mit der Gondel nach oben fahrend mein dort deponiertes Gepäck abhole.

Zu hohes Gefahrenpotenzial durch Schlamm im Steilhang ist die offizielle Begründung des Veranstalters, die diesen dazu bewogen hat, die Läufer, die nach 13:30 Uhr am Hexenwasser eintreffen, nicht mehr auf die finale Passage zu lassen. Gut die Hälfte des Läuferfeldes ist betroffen. Auf den Gondelfahrten hinauf zum Gipfel und später hinunter ins Tal ist der Abbruch das zentrale Thema und steht die Frage im Raum: Hat das wirklich sein müssen? Andererseits: Den Veranstalter trifft bei einer solchen besonderen Veranstaltung eben auch eine besondere Verantwortung. Er allein kennt wirklich den Kurs und seine Tücken und er allein muss beurteilen und entscheiden, wie lange er bereit ist, ein unerwartetes zusätzliches Risiko mitzutragen. Und wenn er sich entscheidet – und man kann davon ausgehen, dass er sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat – das Risiko nicht mehr tragen zu können und abzubrechen, dann muss man diese Entscheidung einfach respektieren.

Für mich bleibt vor allem eine Erkenntnis: Ich muss eben einfach wieder herkommen und hoffen, beim dritten Anlauf die Hohe Salve endlich einmal bei eitel Sonnenschein erleben zu dürfen.

Auch wenn der Marathon läuferisch abgeschlossen ist, so wird er doch erst abends im Festzelt  offiziell beendet. Denn hier werden die Gesamt- und Altersklassensieger geehrt. Äußerst spannend war der Rennverlauf an der Spitze. Lange hatte der Kenianer Kemboi dominiert. Doch just am Hexenwasser zog der Südtiroler Gerd Frick locker vorbei und nahm dem Kenianer zehn Minuten bis zum Ziel am Gipfel ab. Unangefochten siegte er in hervorragenden 3:15:50. Nicht genug: Kemboi wurde förmlich durchgereicht und letztlich nur Fünfter. Als Zweitplatzierter wurde Adam Kovacs seiner Mitfavoritenrolle gerecht. Nicht ganz so gut lief es für Vorjahressieger Patrick Wieser. Er wurde zwar "nur" Achter, aber die Art und Weise, wie sich der Charming Boy vor dem Publikum präsentierte, machte ihn, dem Beifall nach zu beurteilen, zum Sieger der Herzen. Auch bei den Frauen gab es eine Überraschung: Die Schweizerin Kathrin Götz verwies mit 4:03:37 die hoch favorisierte Simona Staicu auf Platz zwei. So durfte man sehr gespannt sein, was der finale Halbmarathon bringt.

 

Der Halbe zum Finale

 

Der die Tour am Sonntag abschließende Halbmarathon startet ausschlaffreundlich erst um 13 Uhr.

„Das Finale“ wird der Tour-Abschluss schlicht genannt. Auf sieben äußerst flachen Runden von je drei Kilometern mit je nur sechs Höhenmetern in und um Söll kann man noch einmal richtig Gas geben. Vorausgesetzt, die marathongebeutelte Beinmuskulatur spielt mit.

Was heute vor allem aber mitspielt ist das Wetter. Kräftig brennt die Sonne mittags zwischen den Wolken hindurch. Wie riesige weiße Wattebäusche hüllen die Wolken die umliegenden Berggipfel einschließlich des Wilden Kaiser ein, nur sind es im Gegensatz zu gestern keine Regenwolken. Eine herrliche Szenerie. 

Schon richtig vertraut ist das bunte Getümmel im Start-Ziel-Bereich, die Musik, die Moderation, der Countdown. Es ist immer wieder ein erhebendes Gefühl, dabei zu sein. Ja, die Tour-Veranstalter wissen, wie man so etwas emotionsgeladen gestaltet. Startband los, heißt es um 13 Uhr. Und schon stürmt die Läuferschar, als sei in den letzten beiden Tagen nichts gewesen, von dannen.

Auf einer langen Geraden geht es zunächst aus Söll heraus gen Süden und dann in einem weiten Bogen mit einigen Schlenkern im Uhrzeigersinn um Söll herum. Unser Weg führt abwechselnd an saftigen Wiesen und hübschen Dorfhäusern vorbei, mal auf Straßen und Asphaltwegen, dann auch wieder auf schmalen Naturpfaden. Und immer wieder im Blick: Sölls Barockkirche St. Peter und Paul. Höhepunkt jeder Runde ist der Einlauf in den Ortskern, wo sich heute scheinbar das ganze Dorf am Streckenrand eingefunden hat. Jedenfalls verspricht die Stimmung Gänsehautfeeling. Im Zielbereich lautstark und weithin vernehmbar mitkommentiert wird der Wettkampfverlauf der Topläufer. Und da ist abermals richtig Spannung angesagt.

Wie den Zehner kann Henry Kemboi auch den Halbmarathon in 1:08:43 locker für sich entscheiden. Doch das reicht „nur“ für den zweiten Platz im Gesamttourklassement. Dafür genügt Adam Kovacs ein dritter Platz im Halbmarathon, um nach 2011 bei der Tour de Tirol erneut ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen. Überraschungsdritter wird der Österreicher Robert Gruber. Und Gerd Frick? Tja, der hatte ganz allein auf den Marathon gesetzt und ist daher bei der Gesamttour nicht dabei. Bei den Frauen gelingt es Simona Staicu, die Marathonssiegerin Kathrin Götz zeitlich einzuholen und die Gesamttour letztlich souverän für sich zu entscheiden.

Erneut hat sich gezeigt: Das Konzept und der Charakter der „Tour de Tirol“ ist einmalig. Und doch wird sich ab nächstem Jahr etwas ändern. Martin Kaindl hat etwas Neues erdacht: Ab 2014 soll der finale Halbmarathon durch einen 23 km Traillauf um den Großen Pölven mit Start und Ziel in Söll ersetzt werden. Damit vereinigt die Tour dann alle drei gängigen Streckentypen: Straße, Berg und Gelände. Man darf gespannt sein. Aber ich ich mir sicher: Auch dieses Konzept wird viele Fans finden. 

 

Ein Tipp zum Schluss

 

Eine wichtige Frage bei jeder Laufveranstaltung ist: Wo bette ich mich davor bzw. danach? Und noch wichtiger ist dies bei einer Mehrtagesveranstaltung wie der Tour de Tirol. Hier kann ich die Pension Raffeiner, Dorf 116, mitten im Ort empfehlen. Gemütliche Zimmer, leckeres Frühstück - und das zu einem wirklich günstigen Preis. Überaus freundlich und hilfsbereit sind die Gastgeber. Und das Beste: Zum Start bzw. Ziel sind es gerade einmal hundert Meter Fußweg und am letzten Tour-Tag kann man das Zimmer bis nach dem Lauf behalten.

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Informationen: Kaisermarathon / Tour de Tirol
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