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Laufberichte

Tragisches Finale

 

Endlich ist der höchste Punkt erreicht, zwei Kontrollposten notieren sich die Startnummer. Ich scherze, wohl eine hintere Nummer zu haben, aber heute nicht der Letzte im Felde zu sein. Einer meint, dass man erst einmal soweit bei einem Marathon kommen müsse – doch de facto sind erst 17 oder 18 km gelaufen. Das Bergpanorama ist wunderschön.

Es geht nun über einen steilen, teilweise felsigen Weg zügig abwärts mit vielen Geländestufen, die  Übergänge bzw. Tiefen von einem halben Meter und mehr aufweisen. Auf so einem Terrain riskiere ich lieber nichts, es lohnt sich nicht zu stürzen und sich ein Bein zu brechen. Das Pärchen im Apotherdress folgt dicht hinter mir.  Wir drei erreichen wohlbehalten die Wallfahrtskirche Maria Schnee am Gleinalmschutzhaus in 1550 m Seehöhe, wo sich die vierte Labestation befindet. In der Kirche werden jedes Jahr im Sommer Bergmessen abgehalten. Für den 24. August wird die St. Bartholomäus- Haltermesse angekündigt: Halter, Senner und Sennerinnen kommen von den umliegenden Almen um Danke für einen guten Sommer zu sagen.

Jetzt sieht das Apothekerpärchen den besten Zeitpunkt, sich ihre Position wieder zurückzuerobern und stürmt los. Ich folge ihnen auf einem steinigen, aber relativ flachen Kursabschnitt zunächst bis zur 20 km Anzeige, lasse sie dann ziehen. Statt wie erhofft unter 3:15 Stunden, bin ich nun auch schon fast 3:30 Stunden unterwegs, 24 km stehen noch bevor.

Obwohl wieder ein sehr heißer Tag mit Temperaturen um 38 Grad im Osten Österreichs und wohl auch über 30 in der Gegend Kainach angekündigt wird, ist es am Berg längst nicht so warm. Dazu kommt, dass gerade um die Mittagszeit weite Teile der Strecke im Schatten von Nadel- und auch Laubbäumen verlaufen. Das kommt uns Läufern zugute, macht den Marathon erträglicher.

Der Untergrund der Laufstrecke wechselt ständig, auf Wiesenpfaden  und Waldwegen folgen  Abschnitte mit Geröll, auf Abwärtspassgen folgen steile Gegenanstiege. Auf der Homepage des TUS Kainach kann die Höhenprofilkarte genau studiert werden. Ich hatte vor allem letztes Jahr das Gefühl, dass sich der Marathon hinzieht.  

Die Apotheker können sich absetzen, so wie ich mich bei der Zeißmannhütte von den Verfolgern. Ich sehe sie noch, doch der Abstand wird größer. Auf der grünen Almwiese haben es sich zwei Frauen bequem gemacht. Ich habe sie zunächst von weitem für Drachenflieger gehalten, doch die nach vorne gebückte Haltung ist auf die fehlende größere Unterlage zum Sonnenbaden zurückzuführen. Sie haben sogar kleine Klappsessel dabei.

Die nächste Labestation ist in Sicht, davor steht ein Feuerwehrauto.  Ich blicke zurück, einer aus der ursprünglichen Verfolgergruppe hat Boden gut gemacht. Der Kollege trägt einen Trailrucksack und eine weiße Mütze. Mit der Startnummer 79 dürfte er sich gleich hinter mir registriert haben. Ich verweile nur kurz an der Labe. Ein Mann von der Feuerwehr ruft mir nach, die Trinkbecher mitzunehmen und nicht irgendwo im Wald wegzuwerfen. Ich gelobe mehr im Scherz als im Ernst, die beiden Becher sichtbar zu deponieren, damit mich nicht der steirische Umweltschutzbeauftragte belangen kann.

Der Kollege mit der weißen Mütze bleibt ca. 200 m hinter mir, über die Hügelkuppe hinweg erblicke ich auch noch zwei andere Läufer. Bei den Abwärtspassagen lege ich zu. Ein älteres Wandererpärchen freut sich, als ich die beiden im Vorbeilaufen knipse. Ich sage zu ihnen: „Darf ich, doch es ist es schon passiert“. Rings um mich herum weiden Kühe. Bis zur 25 km-Anzeige sollte es nicht mehr weit sein, nach zwei Teilnahmen in Kanaich kenne ich mich schon etwas aus. Voriges Jahr habe ich auf M4Y den Lauf meine Stimme als schönster österreichischer  Bergmarathon gegeben.

Die 25 km erreiche ich nach 4:08 Stunden, für weitere 19 km mit etlichen Steigungen sind 2:22 Stunden kein Polster, d.h. ich muss mich mehr anstrengen, wenn ich die selbst auferlegten sub-7 Stunden schaffen will.

Ich komme zu der alten Lärche bei einer Abzweigung. Der gelbe Pfeil weist nach rechts bzw. weiter talwärts. Ich laufe 200 m, doch die Schotterstraße ist plötzlich mit einem rot-weißen Band gesperrt. Der auf einem flachen Stein aufgemalte gelbe Pfeil zeigt in die Richtung zurück, aus der ich gekommen bin. Einige Spuren im Gras führen an der Absperrung vorbei, enden aber im Wald. Was also tun? Ich bin unschlüssig, gehe zurück, warte, einige Verfolger sind inzwischen herangekommen. Bisher habe ich gut 5 Minuten verloren, das entspricht beim flotten Abwärtslaufen einen Kilometer.

Niemand weiß einen Rat, daher  steige ich als Erster über das Band, die anderen folgen. Nach nur 100 m ist der Weg frei. Die Bodenmarkierung wird wieder sichtbar, der Pfeil zeigt geradeaus. Hat sich jemand einen dummen Scherz erlaubt und die Absperrung angebracht, sowie den Stein umgedreht? Wie dem auch sei, ich trachte, mich so schnell wie möglich von der Gruppe zu lösen.

Die Labestation Krautwasch ca. bei Kilometer 28 in 1140 m Seehöhe erreiche ich nach 20 Minuten. Der Untergrund, auf dem wir nun in praller Sonne gelaufen sind, ist eine Schotterstraße.  Ich würde gerne zulegen, um einen Kollegen vielleicht abzuschütteln, aber dieser gibt nicht nach. Als ich bei einem Bach stehenbleibe um zu trinken, kommt er heran. Knapp vor Kilometer 30 nutzt er die Gelegenheit und geht in Führung. Hintereinander laufen wir auf einen steilen Waldsteig talabwärts bis zu nächsten Labestation Heiliges Wasser auf 910 m Seehöhe rund zwei Kilometer weiter. Dort verweile ich etwas länger und trinke etwas Bier – auch Gerstensaft genannt. Die anderen Verfolger sind nicht zu sehen.

Kurz auf Asphalt, dann über eine Wiese steil bergab geht der Marathonkurs Richtung Kainach weiter. Wie die Leute wohl diese Hänge mähen, frage ich mich. Vielleicht sogar mit der Sense, denn ein Traktor kann hier kaum mehr fahren. Der riesige Raiffeisenwerbebanner entlang des Kurses macht deutlich, dass der Konzern im ländlichen Raum bestens präsent ist.

Als ich endlich die 35 km-Anzeige erreiche, sind schon 5:42 Stunden seit dem Start vergangen. Die verbliebenen 9 km müsste ich doch in einer Stunde schaffen. Warten wir’s ab, auch Abwärtslaufen mit Gegenanstiegen kann mühsam sein. Es gibt eigentlich keinen Druck bei diesem Marathon, Cut-off-Zeiten sind nicht festgesetzt, die 7 Stunden sind als reine Richtzeit gedacht. Voriges Jahr haben einzelne Läufer mit 8:20 und mehr gefinisht und scheinen in der Ergebnisliste auf. An der vorletzten Labe halte ich mich erst gar nicht auf, sondern nehme zwei Becher gespritztes Mineralwasser mit. Abschnittsweise ist der Kurs eine reine Trailstrecke wie aus dem Lehrbuch. Ob man will oder nicht, man muss auf einzelnen Pfaden im Wald mit den Schuhen durch den Gatsch.

Nun setzt mir aber die Hitze zu. Knapp vor Kilometer 40 geht es auf Asphalt abwärts in Richtung Kainach, normal laufe ich hier mit 12km/h, heute geht das nicht.  Lange bevor ich die Labe erreiche, klatschen die Betreuer, als ob sie in Sichtweite den kommenden Sieger vor sich haben. Davon kann keine Rede sein, obwohl noch 10-15 Läufer hinter mir sind – einige werden vielleicht schon aufgegeben haben.

Knapp nach der Labe erreiche ich die 40 km-Anzeige, der Ort ist noch so weit weg unten im Tal. Man bedenke, bis ins Ziel sind es nun nochmals vier Kilometer. Warum machen die Kainacher den Marathon um 2 Kilometer länger als sonst üblich?

Als ich endlich nach einigen Gehpausen die Ortstafel erreiche, zeigt die Uhr 6:49. Zwei Kilometer kann ich nicht in 10 Minuten schaffen, daher werde ich über 7 Stunden brauchen. Bei dem gefürchteten letzten Anstieg nahe dem Friedhof blicke ich mich um, eine Verfolgerin hat mächtig aufgeholt, einholen kann sich mich aber nicht mehr. Leider gibt es auch heuer keine Finishermedaille.

Das erste, was ich nun mache, ist zum Auto zu gehen und mir das Duschzeug zu holen. Mit Manfred und Werner, dem Lehrer, plaudere ich im Duschraum. Manfred finishte mit 6:55, Werner bleibt zwei Minuten hinter mir. Ich gehe zurück zum Dorfplatz, wo die Siegerehrung für die Staffeln gerade stattfindet. Als ich auf den Ergebnisliste blicke, registriere ich meinen dritten Platz (wie letztes Jahr) unter M-60. Die Leistung im Jahr 2014 mit 7:22 war aber wegen des Marathons am Vortag in Rajec höher einzustufen. Trotzdem bleibe ich und gönne mir eine gespritzten Schilcher.

Poldi ist inzwischen auch eingetroffen, mit 8:06 hat er heute doch etwas Verspätung. Wir plaudern und er will wissen, ob mir der Marathon in Kosice vor zwei Jahren zugesagt hat. Die Stadt wurde mit EU-Geldern renoviert, die Laufstrecke ist schnell.  

Als ich gegen 17 Uhr das Festgelände mit einer Glasplakette für den dritten Platz verlasse, dürfte die Welt noch in Ordnung gewesen sein. Heute lese ich auf dem Portal der kleinen Zeitung, dass der Gewinner in der Kategorie M-50, ein 49-Jähriger bestens trainierter Mann, der mit 4:36 finishte, auf dem Weg zu seinem geparkten Auto einen Herzstillstand erlitt und verstarb. Solche Mitteilungen machen nachdenklich. Man muss sich fragen, ob es beim Laufen ein kalkuliertes Risiko gibt.

Der Marathon in Kainach wird weiterbestehen, keine Frage.

Nach drei Teilnahmen komme ich zur folgenden Einschätzung:

Wer Bergmarathons liebt, kommt in Kainach auf einer Strecke, die zu 80% als Trail zu bezeichnen ist, voll auf seine Rechnung. Es gibt einige risikoreiche Abschnitte auf Geröll und Felsen, doch die muss man mit Bedacht angehen, um Stürze zu vermeiden. Die langgezogenen Passagen über den Bergkamm und die Flachstücke auf Almwiesen und Waldwegen lassen auch schnellere Laufzeiten zu. Die herrlichen Ausblicke in die Ferne in die umliegenden Täler der Region bleiben dauerhaft in Erinnerung. Nicht immer trifft man die weidenden Lipizzaner an, diese Mal hatten wir Glück.

Ein hochalpiner Trail ist der Kainbacher Bergmarathon aber nicht, daher sind die 1800 Höhenmeter auch nicht über zu bewerten. Als Manko empfinde ich, dass der Veranstalter hartnäckig daran festhält, den Finishern keine Medaille auszuhändigen – vor allem die Teilnehmer aus anderen Ländern und wie letztes Jahr aus Übersee wären darüber sehr erfreut gewesen.  

Sieger bei den Herren:

1.    Gabor Muhari (HUN): 3:33:40
2.    Stefan Schriebl (AUT): 3:35: 26
3.    Andreas Sturm (AUT): 3:50:25

Damenwertung:

1.    Reka Kovacs (HUN): 4:36:27
2.    Maria Frei (AUT): 4:42:06
3.    Karin Augustin (AUT): 5:23:18

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Informationen: Kainacher Bergmarathon
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