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Laufberichte

Wein, Wein, Wein, das ist fein

06.05.12

Erste Kilometer

 

Es tröpfelt weiter, ich mache ein paar Bilder aus dem Startbereich und mich gleich auf die Socken. Doch dann, o Schreck, nach wenigen weiteren Bildern stellt mein Fotogerät den Dienst ein. Lieber hätte das Wasser von oben das Pulver im Schießgerät feucht werden lassen und eine Schusshemmung produziert. Ich fluche. Doch es nützt nichts.

Es geht auf der Badstraße Richtung Innenstadt, wo wir dann bei der Götzenturmbrücke den Neckar überqueren. Bevor wir nach rechts in den Uferweg abbiegen, sehen wir kurzzeitig den etwa 30 Meter hohen Götzenturm, der früher in die Stadtmauer integriert war.

Temperaturmäßig ist es fast optimal für schnelle Zeiten. Rund zehn Grad, kühl, zwar nasse Fahrbahn, aber in den früheren Jahren mussten die Sportler mit Hitze, teilweise mit mehr als 30 Grad fertig werden. Da könnte doch fast ein Streckenrekord herausspringen, zumindest für viele Läufer ein Hausrekord auf dieser Strecke.

Vor Kilometer 5 in Sontheim bietet ein Zuschauer frischen Hefezopf an, da fehlt nur noch etwas zum Hinunterspülen. Nur kurz später finden wir die erste Verpflegungsstelle, an der wir mit Mineralwasser, Iso, Apfelschorle und Obst versorgt werden. Gegen Ende wird Cola-Mix gereicht. Ja, eine Trollingerverkostung sah ich nicht auf der Teilnehmerinformation, aber geben muss es das schon, das werden sich die zahlreichen Kellereien nicht entgehen lassen: Ein Läufer am Wegesrand, der das Weinglas hebt und leert, während das Laufvolk vorbei hetzt und vorbei wetzt, das ist doch eine tolle Werbung für a guts Tröpfle.

Übrigens ist jeder Kilometer mit großen Schildern markiert. Und wer seine Birn aufgrund des fortdauernden Nieselns nicht hoch kriegt, eine knallrote Markierung ist auch am Boden zu sehen. Die schönen Sprüche zu jedem Kilometer sind allerdings nur auf den Schildern zu sehen. Einmal kann ich meinen Lieblingsspruch lesen, den ich meiner Kamera widme, die weiterhin unwillig ist. Was mache ich jetzt? Umdisponieren, und aus dem gemächlich geplanten Lauf einen schnellen geplagten machen? Würde noch gehen, da erst wenige Kilometer hinter mir liegen. Oder hoffen, dass das Ding doch geht. Oder drohen, das Gerät dem Umweltgedanken vorschriftswidrig in die nächste Tonne zu werfen.

Flein bei Kilometer 7,5 liegt an der Württemberger Weinstraße. Der Ort ist geprägt von der Evangelischen Kirche (erstmals erwähnt 1233), die dem St. Veit geweiht ist. Im Ortskern kann ich um die Wasserstelle eine gute Laune der Zuschauer feststellen. Hier hat nämlich einer sein Klavier schnurstracks ins Freie gestellt und unterhält uns mit seinem musikalischen Können. Der Weinbau wird hier (und wie in den anderen Orten) schon seit Jahrhunderten betrieben. Und wer noch seinen Beruf sucht, in Heilbronn bietet die Hochschule einen Studiengang für Weinbetriebswirtschaft an.

Wir haben Flein gerade verlassen, dann beginnt das steilste Stück des Kurses. Auf rund 1,5 Kilometer müssen wir uns 75 Höhenmeter nach oben erarbeiten. Die Laufmeute wird ruhiger, das Geschnatter weniger und das Schnaufen lauter. Lautstärker wird dann auf der Haigerner Höhe die Musik aus Lautsprecher und den Instrumenten. Ein Moderator unterhält uns und hilft uns über den Buckel hinweg. Denn nach der gleich folgenden Tankstelle geht es hinunter nach Talheim. Die hart erarbeiteten Höhenmeter erhalten wir in gleicher Intensität, sprich Gefälleprozenten zurück.

 

Talheim – Brackenheim

 

In Talheim wartet auf uns ein kurzes Auf und Nieder mit 30 Höhenmetern. Die evangelische Kiliansbrücke prägt den Ort genauso wie das Obere und Untere Schloss, alles Bauwerke aus den 11. bis 15. Jahrhundert. Wir bleiben auf der Württembergischen Weinstraße. Es wird jetzt aber Zeit, dass wir etwas von dem edlen Getränk erwischen. Bis jetzt blieb die Gurgel trocken.

Ja, hier ist es noch nicht so schlimm um die dörfliche Tradition. Überall gibt es Weinschenken und Besenwirtschaften. Da ist es bei uns in Bayern nicht mehr so gut bestellt. Mittlerweile hat in meiner Heimat rund jeder vierte Ort kein Wirtshaus mehr. Da tust dich schon hart, wennst an Schweinsbraten magst. Koa Stammtisch, koa Schafkopf und koa Zenzi, de 's Bier bringt. Schene Zeiten wern des.

Seit geraumer Zeit trage ich meine Kamera wieder in der Hand, in der Hoffnung, dass die Feuchtigkeit wieder aus dem Gerät verschwindet. Und in der Tat, als wir in Richtung eines Zementwerkes hinunterlaufen, öffnet sich die Blende. Supi.

Lauffen am Neckar heißt der Ort, wo wir den 15. Kilometer hinter uns bringen. Der Name kommt vom Wort laufen, hat aber nicht die Wurzel in unserem Tun, sondern aus der früheren Neckarstromschnelle, die hier einen Mäanderhals durchbrach.

Auf der anderen Neckarseite ist die Burg Lauffen (aus dem 11. Jahrhundert) zu sehen. Klasse, wie hier die Strecke geführt wird. Denn nach der Neckarüberquerung kriege ich den ersten Roten serviert und ich höre mich nicht nein sagen. Die Regiswindiskirche, wovon Teile aus dem achten Jahrhundert stammen, grüßt von oben das Läufervolk. Sprichwörtlich Wasser und (kein) Brot erhalten wir von den Roten (Parteigenossen) ein paar Meter später. Ich will mir den Weingeschmack in meinem Bauch nicht verwässern und laufe deshalb weiter.

Ein längeres Wegstück führt uns dann durch das Industriegebiet von Lauffen. Der Blick nach rechts fällt dann auf die Weinberge. Irgendwie schwant mir nichts Gutes, denn da müssen doch noch einige Steigungen warten. Ich habe nämlich in meiner Schusseligkeit  nicht die Laufstrecke auf dem Plan angeschaut. Wobei es manchmal interessant ist, von etwas unbekannten überrascht zu werden.

 

Brackenheim bis Kilometer 27

 

In Meimsheim feiern wir Bergfest, denn nicht nur die lange, nicht übermäßige Steigung endet, sondern wir haben die Hälfte unseres Weges hinter uns gebracht. Toll, wie trotz des kühlen Wetters die Musik die Zuschauer an der Strecke hält. Eine kurze Steigung wartet abermals am Dorfausgang Richtung Hausen.

Mittlerweile sind mir die Beine schwer geworden. Es ist nicht unzureichender Trainingszustand, Ursache für die muskuläre Insuffizienz sind allein die falschen Schuhe, die ich eingepackt habe. Ohne gescheite Dämpfung taugen die nur noch für die Gartenarbeit. Oder für den Mülleimer.

In Brackenheim gibt es wieder was zum Süffeln. Die Zuschauer lachen, als ich in ihre Richtung mit dem Läufer-Trunk in der Hand ein fröhliches „zum Wohl“ ausspreche. Habt ihr gewusst, dass der Ort die größte Weinbaugemeinde Württembergs ist? Und dass Bundespräsident Theodor Heuss von hier stammte? Jenseits Kilometer 25 verlassen wir den Ortsteil Dürrenzimmern auf der Landstraße mit leicht steigender Tendenz. 341 kumulierte Höhenmeter standen auf dem Höhendiagramm, da warten nicht wenige Steigungen und dieses sollte auch nicht unterschätzt werden.

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Informationen: Heilbronner Trollinger Marathon
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