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Laufberichte

Siegeszug der Hamburger

29.04.12
Autor: Joe Kelbel

Tatsächlich kamen die Hamburger aus Hamburg, denn die 13 Gründerstaaten der späteren USA hatten bis zur Annexíon der spanischen Gebiete (1803)  keine Rinderzucht.  Die Engländer konnten nur Kartoffeln und Schafe liefern, so kam das Rindfleisch aus der Hansestadt nach New York.  Dieses Fleisch hatte hervorragende Qualität.  „Hamburger“ wurde zur Qualitätsmarke.

Auch der Hamburger Marathon ist von hervorragender Qualität, nur in Frankfurt, meiner Heimatstadt, bin ich öfter gestartet.

Menschenmassen Richtung Heiliggeistfeld, die U-Bahn gefüllt wie in Tokio. Der gewaltige Flakbunker erinnert mich an den Film „Große Freiheit Nr 7“,  Hans Albers sang: „Hamburg, wie bist du stattlich anzuschauen“, dann brach er mit verbittertem Gesicht ab. Das war 1943. Heute würde er wieder lachen. Genau wie ich, als ich den Kleiderbeutel einfach über das Absperrgitter werfe und die wenigen Meter zu den Startblöcken gehe.

Ich bin laufgeil und am Tor zur Welt, Reeperbahn, Große Freiheit. Lasst mich laufen! 

Plötzlich geht es sehr schnell, nur 5 Minuten bis zur Startlinie, schon laufen wir im Heidenspeed über die Reeperbahn. Keine liebeshungrigen Seemänner, nur einige verschlafene Touristen hängen hier als  Zuschauer über den Absperrgittern.

„Am 13. Mai ist Muttertag!“ steht groß im Schaufenster des Strapse-Ladens. Rätselhafter war der Touriprospekt gestern auf der Sonnenterrasse beim Blockbräu: „Buchen Sie  ‚Deutschlands erfolgreichste Städtetour - die Hurentour!‘“  Für 28,50 Euro wird der Besuch eines „original nachgestellten Bordellzimmers“ geboten, ermäßigter Preis: 25,65 Euro.

Durch Altona, Ottensen bis nach Othmarschen bin ich in Gedanken über solche einmalige Schnäppchen und frage mich, ob Marathonis den ermäßigten Tarif bekommen. Die erste Verpflegungsstation weckt mich auf. Es läuft weniger panikartig ab, als gedacht.

Die Elbchaussee, die Prachtstraße, an der sich die hanseatischen Familien wie  Goddefroy, Sieveking, Voght und Jenisch niederliessen. Die Gärten ihrer Villen standen allen  Hamburger Bürgern offen, Baurs gaben sogar einen gedruckten Plan aus. Sonntags spazierten die Blankeneser auf dem Kirchweg mitten durch die Parks der Goddefroys und Parishs zur Kirche.

Dies war Teil der Hanseatischen Identität der Kaufmanns- und Reederdynastien, die neben Stiftungen an Kirchen und Gemeinden die Aufforstung und Wegverbesserungen vornahmen und eine einzigartige Kulturlandschaft schufen. Doch seitdem hat sich viel geändert. Die Erben bauen Mehrfamilienhäuser, sogenannte „Kaffeemühlen“ und die Stadt lässt die Strassen verkommen, die Bürgersteige bestehen aus einer Ackerfläche. Die Gärten sind nun öffentliche Parks. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es soviele öffentliche Parkanlagen wie hier, doch Geld für die Pflege ist nicht vorhanden.

Leider blühen die riesigen Rhododendren noch nicht, letztes Jahr war der Hamburg Marathon später. Damit hat sich die Kritik an Hamburg erledigt, denn wenn schon die hundertjährigen Büsche nicht blühen, so blühe ich auf.

Gegenüber der Containerhafen. Christian Hottas hat dort in Altenwerder seine Marathonserie „Lost Places“ veranstaltet. Davor, bei der Fähre Waltershof gibt es eine Lücke im Stacheldraht der Zollabfertigung. Du kommst so direkt unter die Containerbrücken und kannst das wunderbare Balett der Containerkräne hautnah erleben. Oder  Du rennst um dein Leben.

Das Freihafen-Privileg existiert seit 1881. Die Waren können hier lagern, ohne dass sie nach Deutschland eingeführt werden müssen. Das führte zur Ansiedlung vieler Industriebetriebe, die mit unverzollten Rohstoffen arbeiten konnten und erst die Fertigprodukte verzollen mussten. Damit ist ab 01.01.2013 Schluß, der Freihafen wird abgeschafft.

Die Elbchausse geht über in die Palmaille, eine der ältesten Strassen (1638). Es war eine flache Spielbahn für das italienische Ballspiel Palia a maglio, auf englisch Pall Mall. Unsere Laufstrecke ist mit dem zarten Grün der Allebäume überdacht. Imposant das Haus der Kaufmannsfamilie Baur (1801).

Jetzt geht es los, abwärts zum Fahnenmeer und zum Taumel in den Zuschauermassen am Fischmarkt.

Fünf Millionen Auswanderer stehen in den Hamburger Passagierlisten. Josef Kamp (1893 auf der Columbia)  ist der Urgroßvater von Angelina Jolie. Ihr denkt, das wäre nicht so marathon-interessant? Aber Brad Pitt läuft kaum so gut wie ich, denn ich bin jetzt ein Hamburger und wetze die Breite Strasse hinunter zum Fischmarkt.

Herrlich, wie sich die Läuferkolonne in der roten Fassade spiegelt, und davor wie jedes Jahr die bayerischen Fahnen. Ich war noch nie auf dem Hamburger Fischmarkt. Kein Wunder, ich schaffe es sonntagsmorgens einfach nicht.

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Informationen: Haspa Marathon Hamburg
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