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Laufberichte

Auf den Spuren des Weinhansl

 

Der 19. Dreiburgenland-Marathon führt über 2x 21,1 Kilometer durch den südlichen Bayerischen Wald, natürlich mit allerlei Höhenmetern. Ausgangspunkt ist der nette Ort Thurmansbang,  zwischen Deggendorf und Passau gelegen. Dreh- und Angelpunkt ist auch in der 19. Auflage das Vital- und Wellnesshotel Schürger, vor dessen Türen sich der Start- und Zielbereich befindet und dessen Inhaber selbst passionierter Marathonläufer ist.

Parkplätze gibt es trotz vieler Anmeldungen genug. SUV-Besitzer können direkt neben dem Startbogen auf der nassen Wiese parken. Mit dem Wetter haben wir nach den kalten Tagen der letzten Woche eigentlich viel Glück. Der Nieselregen wird bald aufhören und es ist angenehm mild.

Aus Österreich sind auch einige Teilnehmer da. Sie sind am Vortag nach Deutschland eingereist, da sie ab 0:00 Uhr ein aktuelles, negatives Covid-Testergebnis hätten vorlegen müssen.

Viele Läuferinnen und Läufer finden sich erst kurz vor 10:00 Uhr bei der Startaufstellung ein, alle mit Maske und dem notwendigen Abstand, mit Ausnahme von Läufern, die auch sonst zusammen trainieren. Der Sprecher erklärt nochmals die Covid-Regelungen für den Start und bittet uns, auf den steilen Bergabpassagen aufzupassen, da

 

 

 

10 Uhr, Los geht‘s. Ich befinde mich im hinteren Teil des Feldes, da kann ich besser Abstand halten. Vielleicht sind die anderen aber auch einfach zu schnell für mich. Thurmansbang putzt sich gerade heraus. viele Straßen im Zentrum sind hübsch saniert. Der Edeka-Laden hat offen, klar, es ist ja Samstag. Kurz danach der erste Anstieg. Auf einer Runde erwarten uns über 400 Höhenmeter.  Recht viele davon auf den ersten zwei Kilometern, dann sympathisch verteilt, am Ende des „Halben“ auch noch ein bisschen mehr. Es ist noch recht regnerisch und am ersten schwungvollen Abstieg ist für mich Vorsicht angesagt: Meine GTX-Schuhe sind zwar wasserdicht, aber die Sohle ist glatt. Fast wäre ich vor dem Start schon hingefallen.

Später dann ein Forstweg. Der Untergrund ist jetzt griffiger, dafür muss man auf unter dem Laub versteckte Steine achten. Erster VP bei km 5, nch brauche ich nichts. Dann gleich nach links ins Unterholz. Die „Prager Schikane“ wartet auf uns, ein steiler und unwegsamer Trail, benannt nicht etwa nach der „Goldenen Stadt“ im benachbarten Tschechien, sondern nach einem Sportler namens Prager, der hier vor Jahren einen spektakulären, aber folgenlosen Sturz hingelegt hat. Zum Glück handelt es sich nur um einen kurzen Abschnitt. Irgendwie ist es schön in diesem farbigen Herbstmischwald, mit stattlichen alten Bäumen. Aber ich bevorzuge ja auch das Sightseeing außerhalb des grünen Dschungels.Dann Szenenwechsel, wir verlassen den Wald. Schadham, Kilometer 7. An einem Neubau wird fleißig gewerkelt. Hügel, Einfamilienhäuser. Viele Kilometer bleiben wir nun auf Teer. Hügelig geht es hinauf und hinunter. Auf diesen Straßen herrscht kaum Autoverkehr. Für reibungsloses Queren sorgen die Damen und Herren der freiwilligen Feuerwehr. Zudem machen unzählige Hinweisschilder die Autofahrer auf uns aufmerksam.

Ich unterhalte mich mit Herbert aus Linz. Er ist schon ein paar Mal hier gewesen. Wir passieren ein weitläufiges Areal, auf dem sich eine Autoverwertung befindet. Da könnte ich vielleicht ein Ersatzteil für meinen alten Ford Mondeo finden. Aber das ist schon das einzige an Industrie, was wir heute sehen.

 

 

So geht es schön dahin, ich versuche Judith wieder einzuholen. Wir drehen auf eine kleinere Straße, Kollnberg, Thurmannsdorf, immer rauf und runter. Eine Scheune mit alten Pferdewagen entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Teil des Museumsdorfs Bayerischer Wald, wo  Bauernhäuser verschiedener Epochen und Landstriche im Original wieder aufgebaut wurden. Am Sonntag werden wir dem noch einen Besuch abstatten, am letzten Öffnungstag des Jahres. Lohnt sich wirklich. Mich beeindruckt, in welchen Verhältnissen die Leute hier bis in die 1970er Jahre hinein noch gewohnt haben. Viele ehemalige Inhäuser, also Häuser für arme Hilfsarbeiter, dienten nach dem 2. Weltkrieg als Quartier für Flüchtlinge. Von geselligen Stunden kündet das Haus des „Weinhansls“. Der gelernte Maurer Johann Feldmeier arbeitete von 1898 bis 1910 in Mainkofen. Die 30 Kilometer von seinem Heimatdorf Meidendorf bis Mainkofen ging er jede Woche zu Fuß. Als leidenschaftlicher Obstbauer kelterte er Wein aus Trauben und Obst. Während des zweiten Weltkriegs machte er damit die besten Geschäfte. Es waren billige Räusche: 1/2 Liter Wein kostete 30 Pfennig und nach dem Krieg 10 Pfennig, bis in die 1960er Jahre 60 Pfennig. Zur Unterhaltung der Gäste spielte der Weinhansl in seiner Stube auf der Zither.

Wir verschwinden in einer Fußgängerunterführung, Treppe hoch und dann sind wir am schönen Dreiburgensee, den wir umrunden. Gegenüber ist ein weißer Sandstrand mit Verpflegungspunkt. Ein Rotkreuz-Quad kommt uns entgegen. Der Sprecher hatte uns beim Start gebeten, die leeren Flaschen doch bitte wieder an einem VP abzugeben. Einige Teilnehmer kennen wenigstens den Brauch, seinen Abfall neben KM-Schildern zu postieren. Da muss nach Ende der Veranstaltung sowieso jemand stoppen, um die Schilder wieder einzusammeln, und kann dann gleich den Müll mitnehmen. Andererseits dürften Flaschen mit Einwegpfand nicht lange in der Landschaft herumliegen.

Einige Mitstreiter sind kurz vor uns. Ein Drittel des Marathons haben wir jetzt absolviert, mal sehen, ob Judith und ich uns noch vorarbeiten können. Man kennt schon seine Begleiter. Ein Läufer wird von uns immer mal wieder eingeholt, um dann bergab rasend schnell davonzuspurten. Bis zum nächsten Anstieg haben wir ihn wieder eingeholt.

 

 

Ein kurzes Stück laufen wir an der Staatsstraße 2128 entlang. Hier wird schnell gefahren, wir dürfen neben der Leitplanke einen Feldweg mit spitzen Steinen hoch japsen. Nach der Kuppe geht es auf einem schönen Wiesenweg bergab. Die Wallfahrtskapelle Maria Bründl im Ortsteil Goben der Gemeinde Saldenburg, eingeweiht anno 1482, wartet mit Verpflegungsstelle bei km 16,5 auf uns. Das Heilwasser aus der Quelle bei dem Kirchlein soll sehr gute Qualität haben und vor allem gegen Augenleiden wirken. Für uns gibt es wie immer Wasser aus der 0,5-l-Flasche. Es folgen zwei Kilometer durch ein liebliches Wiesental. Einige Spaziergänger feuern uns an. Am nächsten Anstieg überholen uns zwei Halbmarathonis, die eine Stunde nach uns gestartet sind. Noch ein welliger Kilometer durch Thurmansbang, dann geht es für uns auf die zweite Runde.

Die offenbart viel Neues, da inzwischen die Sonne herausgekommen ist und man nun auch Fernblicke genießen kann. Aber zunächst sind wieder die sechs Kilometer Waldpassage zu absolvieren. Am ersten VP machen wir diesmal halt, der Tisch biegt sich noch vor Wasserflaschen und abgepackten Bananen und Äpfeln. Mit einem Apfel im Mund stürze ich mich die Prager Schikane hinunter. Ich fühle mich an ein Erlebnis beim Bluetrail auf Teneriffa erinnert: ein im Grunde harmloser Weg, aber furchtbar glitschig. Jetzt bloß nicht hinfallen.

 

 

Der Blick schweift weit über die Hügel des Bayerischen Waldes. Während ich sinniere, ob man die drei Burgen, nach denen die Gegend benannt ist, wohl auch zu Gesicht bekommt, taucht auf einer Erhebung ein Dach auf. Später dann zwei Hinweisschilder auf die beiden Schlösser Fürstenstein und Englburg. Während ein Ritter auf den Kreuzzügen im Heiligen Land kämpfte, unterstützte seine Gattin daheim engelsgleich alle Armen. „Willkommen auf der Burg, auf der ein Engel wohnt", riefen die Leute dem Ritter bei seiner Rückkehr zu, "ab heute soll die Burg Englburg heißen". Das dritte namengebende Bauwerk, die Saldenburg, sehen wir von der Strecke aus nicht.

Immer mal wieder hat der Veranstalter informative Schilder aufgestellt. Idyllisch wohnen die Leute hier. Judith und ich nehmen uns kurz Zeit, zwei Lamas auf einem Bauernhof neben der Straße zuzusehen. Die jungen Leute der freiwilligen Feuerwehr sind weiter für uns da. Der Tunnel unter der 2128 beim Dreiburgensee ist von uns wohl nur als „Schikane“ zu durchlaufen. Der wird wahrscheinlich nur beim Marathon benutzt, denn die Straße oben wirkt nicht wie eine wichtige Verkehrsader. Die hätte man ruckzuck überquert.

Judith gibt wieder mal richtig Gas. Wir wissen, dass wir den Lauf unter fünf Stunden beenden werden, perfekt bei über 840 Höhenmetern. Gefühlt sind die Anstiege hier auf den letzten fünf Kilometern recht anstrengend. Zusammen ergeben sich hier aber nur mehr 100 Höhenmeter. Ein bisschen ärgert es mich, dass wir niemanden mehr einholen können. Bei 45 Finishern ist das Leistungsniveau recht hoch.

 

 

Zum Zieleinlauf geht es durch einen engen Durchlass. Handzeitnahme. Es hat wieder zu nieseln begonnen. Wir nehmen unsere Flasche „bleifreies“ Zielbier und warten auf die Verfolger. Eigentlich sind wir angehalten, schnellstmöglich von hier zu verschwinden, aber es ist nichts mehr los.

Martin, der bergab so schnelle Salzburger, hatte für seinen ersten Marathon eigentlich Athen ins Auge gefasst. Da der Lauf an historischer Stätte aber wie so viele andere Großveranstaltungen 2020 abgesagt wurde, erfolgte die Premiere jetzt eben im Dreiburgenland. Gratulation.

Kurz danach rauscht Herbert heran. Unterstützt von seiner Fangruppe überquert er mit Startnummer 200 zum 200. Mal die Ziellinie eines Marathons. Dem Oberösterreicher mit den meisten Marathonteilnahmen fällt auf, dass er seinen 50., 100., 150 und eben den 200. stets zusammen mit Judith und mir und immer in Bayern absolviert hat. Zufälle gibt es!

Wer möchte, kann im Wellnessbereich des Hotels duschen. Natürlich mit dem eindringlichen Hinweis, auf Abstand zu achten.

Der Marathon hat mir gut gefallen. Die Strecke war sehr abwechslungsreich und perfekt mit Pfeilen und Bändern markiert. Die Verpflegung bestand aus Wasser in Flaschen, Bananen, Äpfeln und einmal sogar Gel. Man kann dem Veranstalter und den Helfern nur dafür danken, dass sie die Veranstaltung trotz dunkelroter Corona-Ampel noch durchgezogen haben.

Judith und ich bleiben noch eine Nacht im Hotel Schürger und erklimmen am Sonntag bei schönstem Sonnenschein den über 1000 Meter hohen Brotjacklriegel.

 

Der 20. Dreiburgenland Marathon soll am 24. April 2021 stattfinden.

                                              

Halbmarathon

Herren: (48 Finisher)

  1. Simon Simmet (Laufwölfe Fürsteneck) 1:16:17
  2. Thomas Hess (ohne Verein) 1:17:05
  3. Luca Bauer (Tristar Regensburg) 1:21:15

Frauen: (17 Teilnehmerinnen)

  1. Tina Fischl (WSV Otterskirchen) 1:30:38
  2. Teresa Escherisch (TSV Wegscheid) 1:39:30
  3. Andrea Bartsch (ohne Verein) 1:46:12

 

Marathon

Herren: (41 Finisher)

  1. Niklas Kröhn (Kelag Energy) 2:54:00
  2. Michael Müller (WSV-DJK Rastbüchl) 2:55:16
  3. Christian Jakob (SV Schwindegg) 3:01:43

Frauen: (fünf Teilnehmerinnen)

  1. Lena Lees-Bussemas (Verl) 3:58:23
  2. Petra Stiegler (ULG/TV Fein) 4:05:45
  3. Anissa Witter (Eisenhüttenstadt) 4:21:57

 


 

 

 

 

Informationen: Dreiburgenland-Marathon
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