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Laufberichte

Extrem gut gemeistert

28.07.12
Autor: Joe Kelbel

Rums-Blitz-Zack! Hellwach. Verfluchter  Elektrozaun. Lehm, Kuhscheiße und Stirnlampe am Arsch. Zwei Sachen gelernt: Elektrozäune werden nachts nicht abgestellt und Ersatzbatterien helfen nicht, wenn die Stirnlampe bei widrigen Verhältnissen  DNF macht. 

Was dann folgt, wird uns 30 Finishern immer in Erinnerung bleiben: der Aufstieg über irgendeine steil-geile Wiese im glitschig-perversen Schlamm und in strömendem Regen. Du greifst in der Dunkelheit nach allem  Sichtbaren, reißt Botanik samt Wurzeln aus, greifst in dornige Voralpen-Vegetation und fliegst doch minütlich ermüdet auf die Fresse, als würde dir dein Lateinlehrer permanent von hinten auf die Birne schlagen, dein perverser Sportlehrer deine Stinksocken ergrapschen, damit du jämmerlich im Schlamm röchelnd von der gesamten Schulklasse ausgelacht wirst und Mitschüler deine Unterhose an den Fahnenmast hängen.  Es ist unmenschlich, du kriechst durch den Dirndltaler Dreck, während dir die endlose Reihe dieser blöden Knicklichter grün-lachend vor Hohn die Ewigkeit deines endlosen Dramas vergegenwärtigt. 

Oh wie schön ist Panama, doch hier legen dir  300 Grundstücksbesitzer  Stacheldraht, Weidegitter und alle erdenklichen haushohen Zaunkletterhindernisse in den Schritt, mal drunter, mal drüber. Die Fantasie der Kuhhirten hat hier im dunklen, rutschigen Grauen der nassen, von Kühen gedüngten Landschaft ihren Höhepunkt erreicht. Und ich mein Limit, als ich fluchend vom xten Trittbrett abrutsche. Diese stacheldrahtbewehrte Fantasie der Ureinwohner, Förderer der  Hosenindustrie und Befürworter der Beschneidung.

Kammerhof km 102,5 (CP 10) ist eigentlich nur ein Bahnhof im Nichts. Angelegt, für eine Pause der Reisegäste der Marienzellerbahn. Versuch mal nach 20 Stunden Lauf deine Stirnlampe zu motivieren! Thea gibt mir ihre und bleibt mit einer Mückenlichtlampe im Dunkeln zurück. 

Immer noch perfekte Wegemarkierung mit Leuchtstäben. Aber mittlerweile leuchtet hier alles: über mir ein sternenklarer Himmel, an dem Weltraumschrott mit unglaublichen Zick-Zack-Rauchschwaden verglüht. Darunter Kontrolllichter der Gülleentfernungskontrolllichter ellenlanger Kuhställe mit im Schlafe furzender Milchproduzenten, die uns ins Tal schicken, obwohl es oben weitergeht. Merke: nicht alles, was grün leuchte,  ist eine Wegmarkierung, könnte auch eine Methanflamme sein. 

 

Sonntag

 

3:37 Sonntagmorgens. Bin im Ziel. Ist halt so.

Nach einem gequälten Bier  liege ich oben im ESV-Heim, bin tot, kann nicht schlafen, höre wie im Stundenabstand die nachfolgenden acht Läufer eintreffen.

8 Uhr Frühstück: “Morgen Männer! Seid  ihr fit, ihr Luschen?”  Boah, die sind alle total entspannt und happy. Habe noch nie so ein glückliches Finisher- (30)  und DNF (10 ) - Feld auf wunden Fußsohlen erlebt.  

10 Uhr Siegerehrung. 1 Platz 200 Euro, dann 100 und 50. Noch nie wurde ein Veranstalter so gelobt, noch nie gab es so viele feuchte Finisheraugen und noch selten gab es eine so gute Premiere eines Weltklasselaufes. 

Shirts, Preise und Medallien sind Nebensache. Gerhard hat uns sicher und souverän durch die Vorhölle geschickt. Extrem und total gut gemeistert! Ein Lauf, auf den die Menschheit gewartet hat. Alle Hochachtung und Danke im Namen aller Läufer.

Willi und Petra fahren mich zum Flughafen, 1000 Kilometer haben sie in dieser Nacht zurückgelegt. Besenwagen, Rotation der Verpflegungsstationen, alles haben sie mitgemacht.  Und nun liege ich platt hinten im Auto, schlafend zucke ich zusammen, als die Bilder vom nächtlichen Wetterleuchten hochkommen, die steilen Abgründe, die grausamen Aufstiege, die glühenden Augen zwischen den Welten, die unendlichen, unfassbaren 111 Kilometer dieses  unglaublichen Rundkurses, den  ich  nie vom Flugzeug aus überblicken werde: 

"Wir danken ihnen, dass sie mit uns geflogen sind!”     

 
 

Informationen: Dirndltal Extrem Ultramarathon
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