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Laufberichte

Extrem gut gemeistert

28.07.12
Autor: Joe Kelbel

Abwärts bis km 10 Hofstetten, imposante Kirche, erster Checkpoint. Die persönliche Plastikkarte wird jedesmal “gezwickerlt” Ankunftszeit und Abmeldung beim CP wird festgehalten. “Zwick mi, I glaab I draam!” 

Die Tourismusindustrie vermarktet ein “Dirndltaler Lustbarkeitenpaket” mit “Genießerzimmer” und “Whirlwanne”, allerdings BYOwife. Wohl deswegen  wird in den Stornobedingungen eine Reiserücktrittsversicherung empfohlen.

Über Rabenstein (13.Jahrh) hinauf auf den Stierberg,  ein Kaidfeuerplatz, ein Platz von dem mittels Lichtsignalen und tagsüber mit Rauchsignalen  Nachrichten übermittelt wurden. So auch 1529, 1663 und 1682 als die Türken hier einfielen.  Rabenstein wurde nie erobert, doch 20.000 Türken unternahmen von allen Seiten schwere Raubzüge ins Dirndltal: “Was nicht flüchten konnte, wurde grausam niedergemetzelt.”

Nicht die Türken und nicht die Rauchfangsteuer zur Finanzierung der Türkenkriege zerstörten die Burgen, es war die Dachsteuer (1790), eine Vermögensteuer auf die Dachfläche. Viele Gebäude wurden aus finanziellen Gründen einfach abgedeckt.

Zwischen Rabenstein und  Kirchberg  (km 20,  2.CP) steht die Andreaskirche (1464), die Kirche ohne Turm und ohne Dorf. Großartiger Überblick über das Dirndltal bis zum mächtigen Massiv des Ötschers (alpenslavisch = Vater, 2000m) mit dem markanten Ostgrad (Schwierigkeitsstufe I).

Hinauf auf den Grüntalkogel, Gaststätte blöderweise geschlossen. Texingtal, Weißenbach Km 35,5  (CP 3).  Schwieriger Anstieg  zur Oberen Hofstatt  (900 m) einem Bergbauernhof, Zuflucht einiger Deutscher Desserteure, die zu Kriegsende tatsächlich vor den SS-Schergen flüchten konnten. 1945 eroberten die Sowjets das Tal, das dann britische Besatzungszone wurde. Die Kosten der 600.000 Besatzer trug jahrelang Österreich.

Bergwiesen, Dauerweiden und Streuobstwiesen und die “Tussies auf Tour” von der Orga verleihen der Landschaft ein liebliches Flair. Danke für das Bier aus dem Automaten!

Ich glaube, der Abstieg vom Oberen Hofstatt  war es. Der Abstieg, der länger dauert als der Aufstieg. Ich möchte nichts erzählen, es bleibt unbeschreiblich, ein grausames Geheimnis für nachfolgende Läufer.  Lasst Euch überraschen, Ihr werdet leiden. Und falls Ihr durchkommt, werdet Ihr alles vergessen wollen.

Hinunter nach Frankenfels (km 48, CP 4). Erste DNF-Kandidaten, es ist einfach zu heiß. Hier ist eine 1400 Meter tiefe Höhle mit 520 Stufen, die “Nixhöhle”. Jahrhundertelang holte man hier extrem leichte Steine heraus, die sie “Nix” nannten. Man behandelte damit Krankheiten bei Pferden. Es handelt sich um sogenannte Mondmilch, ein Calcit-Sintergemisch. Sagen wir mal so: Zumindest Kalziummangel wurde behoben, und Sodbrennen bekamen die Pferde auch nicht mehr.

Falkensteinmauer Frankenfels, ein Kletterparadies über dem Ort. Unterhalb der Hölzernen Kirche gibt es zwei Höhlen, eine nasse und eine trockene. Die trockene wurde trocken, weil ein mutiger Mann den Drachen, der hier hauste und immer Lust auf Menschenfleisch hatte, mit einem gewaltigen Feuer vernichtete.

Aufstieg zum Pichl.  Hier steht die Geistermühle. 1805 wurde ein französischer Offizier ermordet, der anscheinend immer noch keine Ruhe finden kann, wie die örtliche Presse letzte Woche wegen der Lichterscheinung berichtete. Eine Flasche Radler liegt im Brunnen.

Eine  Legende erzählt, dass der Esel, auf dem Maria mit dem Jesuskind nach Ägypten floh, hier eine Spur hinterlassen hat. Das nie versiegende Wasser im “Eselstritt” soll bei Augenleiden helfen.  Die einzigen Esel, die hier entlang stolpern,  sind wir. Ich habe schon viel erlebt, aber 34 Grad Lufttemperatur sind nichts im Vergleich zu den in der Sonne kochenden steilen Bergwiesen, die jederzeit Feuer fangen, schweißnasse Mützen explosiv zum Mond und Gedanken zum nahen Herztod befördern können.

Wo ein Kinderplanschbecken ist, gibt es auch Wasseranschluss. Eiskalte Dusche am Bauernhof.  Hinab nach Schwarzenbach/Pielach (km 58, CP 5). 45 Minuten  Pause im kühlen Wirtshaus, bevor ich meine Kontrollkarte ablochen lasse. Die Pielach biegt nun nach Süden zu ihrem Quellgebiet am Annaberg ab, und wir 800 glühende HM hinauf zum Eisenstein (1200 M).

Unter “Dirndlkuscheln” wird eine Flasche Birnentraum mit Dirndlschokolade verstanden, dazu gibt‘s ein eiskaltes Tauchbecken und den süßen Dirndlmond am Bankerl gratis dazu. Habe ich flimmernde Halluzinationen? Die Paulinenhöhle, mit 240 Metern ziemlich tief, lockt mit uralten Holzleitern und waschechten Fledermäusen. Beeindruckend marmoriert ist  die nahe Jungfrauenhöhle. Verwirrung der Gedanken?  Delirium? Fette Kaulquappen flitzen durch die Viehtränke, als ich meinen verschwitzen Schädel eintauche. Dann  lasse ich mich neben Manfred fallen, mache die Augen zu.  Er kommt aus Miami, Gespräch gibt s nicht, wir sind beide am Arsch. Ich glaube kaum, dass er das Ziel erreichen wird.

Ganz oben, wie in dem Film von Hitchcock, triumphiert verlockend die verrottende Läuferfalle, die  Julius-Seitner-Hütte. Km 67, CP 6. Kaum habe ich die Gemüsesuppe (im Startgeld incl.) vor mir, da fetzen mit unglaublicher Geschwindigkeit schwarze Wolken aus dem Tal hinauf.  5 Blitztote gab in den letzten 2 Wochen allein in Niederösterreich. Hätte ich es nicht gesehen, wäre ich jetzt der ungläubige Thomas.  Alpine Wettergewalt erzeugt Glauben und tiefen Respekt.

 
 

Informationen: Dirndltal Extrem Ultramarathon
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