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Laufberichte

Schmuddelwetter – na und?

26.09.10

Die die Donau vor dem Gellérthügel überspannende Elisabeth-Brücke ist wie die Kettenbrücke eine Hängebrücke und doch ganz anders. Über hundert Jahre ist auch sie alt, wirkt aber mit ihren weiß angestrichenen schlanken Pfeilern und Seilen, ohne Brückenfuß im Fluss auskommend, gegenüber der massigen Kettenbrücke geradezu leicht und chic.  

Die nächste Brücke, die Szabadság híd (Freiheitsbrücke), ist ein echtes Unikum. Als verspielt filigrane, in den Pfeilern geradezu himmelstürmende Eisenkonstruktion überspannt sie die Donau. Franz-Joseph-Brücke hieß sie zu Kaiserzeiten und etwas kaiserlich Erhabenes hat sie auch heute noch. Vor allem in der Nacht, wenn die Scheinwerfer die grüne Lackierung erstrahlen lassen, entfaltet sie ihre fast schon unwirkliche Schönheit. 

Umso profaner wirkt die als nächstes folgende klobige Petöfi Brücke, über die dichter Autoverkehr rauscht. Interessanter ist da schon der Blick auf den Campus der TU Budapests, den wir auf dem Weg dorthin passieren. Auch die letzte Brücke unserer Brückentour, die neuzeitliche Lágymányosi-Brücke, ist trotz ihrer leuchtend roten Tragepfeiler ein eher nüchterner Zweckbau. Modern gestaltete neue Wohnblöcke und Industriekomplexe säumen das jenseitige Donauufer und wirken fast schon wie Wegweiser für Budapests Zukunft. Nicht zu verschweigen ist aber, dass es auch eine andere städtebauliche Seite gibt: Die der monotonen, graue Plattenbauwohnblöcke aus der Zeit vor der politischen Wende, von denen wir entlang unserer Strecke aber nur nahe der Arpad-Brücke einen kleinen Eindruck bekommen.

Hinter der Lágymányosi-Brücke macht die Strecke einen Knick und führt flussabgewandt einen knappen Kilometer durch ein brachliegendes, reizarmes, aber zumindest begrüntes Gewerbegebiet – bis zum abschließenden Wendepunkt.

Zurück an der Donau bleiben wir am Westufer, doch führt uns der Rückweg nun auf höher gelegenen Straßen in Richtung Innenstadt.

Die Freiheitsbrücke ist es schließlich, die als Eintrittstor für unsere Rückkehr zur anderen Donauseite vorgesehen ist. Vor dem Brückenaufgang haben wir Gelegenheit, zumindest von außen einen Blick auf das wohl berühmteste der Budapester Bäder, das Gellért-Bad, zu werfen. Das Bad wurde nach dem Vorbild antiker römischer Thermenanlagen errichtet, ist im Übrigen aber in seinem Erscheinungsbild ganz dem Jugendstil verhaftet. Opulent und fantasievoll ist auch in seinen Innenräumen jedes Detail, seien es Kacheln, Mosaiken, Säulen oder Figuren, in dieser Stilrichtung umgesetzt. 

 

Über die Freiheitsbrücke zurück nach Pest

 

Ein schönes Gefühl ist es, über das kunstvolle Brückenkonstrukt der Freiheitsbrücke zu traben und nicht nur einmal lege ich einen Fotostopp ein. Am anderen Donauufer stoßen wir direkt auf die Große Markthalle, einen in seinem Inneren luftigen, kathedralengroßen Bau aus Stahl und bunten Klinkersteinen, dessen überbordendes Warenangebot - vor allem Obst, Gemüse, Wurstspezialitäten und Kunsthandwerk - ein echter Augenschmaus ist. Ein kleiner persönlicher Tipp am Rande: Die ofenwarmen Strudel, die man an einem kleinen Stand am Hauptgang in der Hallenmitte essen kann, sind eine echte Sensation. Heute ist die Halle aber geschlossen und letztlich nur eine Momentaufnahme auf unserem Run durch die Stadt.

Wir folgen dem Pester Donauufer ein weiteres Mal gen Norden. Die Elisabeth- und die Kettenbrücke, das Parlament und schließlich die Margarethenbrücke ziehen noch einmal an uns vorbei. Etwa auf halber Höhe der Margaretheninsel bei km 36 erwartet uns der Wendepunkt, der letzte für heute.

Das Band der Läufer ist mittlerweile schon recht dünn geworden, gleichzeitig nimmt aber die Dichte der Versorgungsstationen zu - eine gute Idee, die sich besonders bei wärmerer Witterung auszahlen würde. Heute hält sich der Flüssigkeitsverlust aber in Grenzen. Ganz im Gegenteil: Auf den letzten 10 km werde ich quasi von oben dauerberieselt und ein garstiger Gegenwind bringt mehr als nötig Kühlung. Große Pfützen haben sich gebildet und nicht immer gelingt es mir, ihnen rechtzeitig auszuweichen. Irgendwann gebe ich es auf und ergebe mich dem Schicksal, die letzten Kilometer in wasserdurchtränkten Schuhen hinter mich bringen zu müssen.

Zum vierten und letzten Mal dürfen wir auf dem Rückweg am Parlament vorbei laufen. Am rückseitig gelegenden Kossuth Lajos Platz heißt es dann endgültig Abschied zu nehmen vom Fluss, der uns über so viele Kilometer ein treuer und vertrauter Begleiter war.

Unser Laufkurs zweigt nach Osten ab und strebt in einem weiten Bogen langsam, aber sicher dem Ziel im Stadtwäldchen entgegen. Prachtvolle Bürgerhäuser säumen die Straße, die sich schließlich bei km 39 über eine Hochbrücke über das Häusermeer schwingt. Guten Mutes nehme ich auch diese Hürde und werde mit einem tollen Ausblick auf den Westbahnhof belohnt. Bereits Ende des 19. Jh. wurde dieser von der Firma Eiffel als mächtige Halle aus Glas und Stahl gestaltet. Gleich dahinter schließt sich mit dem Westend City Center ein Monument der Neuzeit an, das im Vergleich zum Bahnhof aber nur wie ein ungehobelter Klotz wirkt. 400 Geschäfte beherbergt dieses größte Einkaufszentrum Budapests.

Auf den mittleren, abgesperrten Fahrbahnen der vielspurigen Váci út setzen wir den Lauf fort. Die linke und die rechte Außenspur ist für den Verkehr geöffnet. Während wir jede Menge Freiraum haben, quälen sich die Autos langsam über ihre Spur. Ein eigenartiges Gefühl ist dies, zumal die Läufer nur vereinzelt dahin tröpfeln. Aber irgendwie genieße ich auch dieses Privileg. Wenig später zweigen wir polizeigesichert in ruhigere Seitenstraßen ab. Allzu viel nehme ich von dem, was um mich herum vorgeht, nun nicht mehr wahr. Genug des Laufens, genug des Regens - ich will nur noch eines: ins Ziel. Aus meiner Lethargie erwache ich erst wieder, als vor mir endlich der Heldenplatz auftaucht. Eine letzte Kurve drehen wir noch durch das Stadtwäldchen, dann geht es auf der Zielgeraden dem Zielbogen auf dem Felvonulasi-Platz entgegen.

 

Zieleinlauf im Park

 

Mit Namen wird jeder Ankömmling vom Zielmoderator begrüßt. Zuschauer feuern die Läufer auf den letzten Metern an. Ein schönes Finale wird uns bereitet.

2.644 Läufer/innen sind es letztlich, die 2010 innerhalb der Sollzeit von 5.30 Std. die Ziellinie überqueren. Nur einmal in 25 Jahren waren es mehr. Die Zeit des Siegers von 2:23:13 ist zwar keine, die international besonders auffällt, doch leicht erklärbar, denn Startgelder und Siegprämien werden ganz bewusst nicht gezahlt, sodass Profiläufer erst gar nicht antreten. Die Siegerzeit sollte auch nicht darüber hinweg täuschen, dass der Budapester Kurs ein extrem schneller ist und für jemanden, der „PB“-Ambitionen hat, schon aus diesem Grund ein besonders lohnenswertes Ziel darstellt.

Jenseits des Zieleinlaufbogens verteilen sich die Finisher medaillenbehängt und mit Schutzfolie und spezieller Verpflegungstüte ausgerüstet schnell im weiten Zielgelände. Bei sonnigem Wetter wäre die umgebende Natur geradezu ideal, sich entspannt in die Wiese zu legen und alle Viere von sich zu strecken. Heute hält sich dieses Verlangen angesichts des regendurchtränkten matschigen Bodens aber in Grenzen. Zumindest bieten die großen Zelte eine wärmende und vor allem trockene Zuflucht. 

Eine alternative Entspannungsmöglichkeit hält gerade bei diesem garstigen Wetter das nahe Széchenyi-Thermalbad bereit. Die Bäder dieses größten, 1881 in Betrieb genommenen Budapester Thermalbads werden aus einem 976 m tiefen Brunnen gespeist. In 20 verschieden temperierten Becken kann man dem gepflegten Nichtstun frönen oder in einer der zahlreichen Saunen oder Dampfbäder schwitzen. Der größte Andrang herrscht allerdings in den großen Außenbecken. Und dort ist es auch am schönsten. Beim Anblick der die Becken umschließenden gelbgetünchten alten Gemäuer fühlt man sich wie in eine überdimensionale toskanische Landvilla versetzt. Auf alle Fälle ist es einfach göttlich, im warmen Wasser liegend die geschundenen Beine baumeln und sich von den Wasserdüsen massieren zu lassen.

Der Budapest Marathon ist ohne Zweifel ein besonderer Marathon. Aufgrund seines rein durch Stadtgebiet führenden Kurses ist er einerseits eindeutig den „City-Marathons“ zuzuordnen. Durch die permanente Nähe zur Donau ist er andererseits wie kaum ein anderer Lauf dieser Kategorie landschaftsgeprägt. Wer ein Faible für lange Flussläufe hat, der wird in Budapest eine läuferische Offenbarung erleben. Dabei kommt das Sightseeing aber keinesfalls zu kurz. Ansonsten gehört der Lauf in Budapest - was die Organisation und die freundlich-herzliche Betreuung anbetrifft – zur europäischen Spitzenklasse. Zu hoffen ist, dass sich das auch in der deutschen Marathonszene noch etwas stärker herum spricht.

 
 

Informationen: Budapest Marathon
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