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Laufberichte

Pusztahitze im Oktober

 

Ich frage einen von zwei vor mir laufenden Running Ambassadors aus Rotterdam, welche Message sie überbringen. „Die gute Laune“, antwortet der Mann. Laufen macht Spaß, ich glaube ihm. Wir nähern uns der Donau (Duna), dank der vielen Zuflüsse auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer zu einem 300 m breiten Strom gewachsen, und kommen zur Margaretenbrücke (Margit híd), eine von neun erhaltenen Donaubrücken in Budapest. Sie verläuft über die Südspitze der Margareteninsel (Margit-sziget), auf die der Marathonkurs bei Kilometer7 auf der Brücke abzweigt. Die Insel ist 2,5 km lang und hat eine Fläche von 0,965 km². Dank der ausgedehnten Parkanlagen ist sie sowohl bei Touristen als auch bei der Budapester Bevölkerung als Erholungsort beliebt. Nur Taxis, Busse und Rikscha-ähnliche Fahrräder sind auf der Insel erlaubt.

Nach ca. 8 ½ km folgt auf der Margareteninsel die 2. Labestelle, an der es Wasser, Iso, Bananen und Traubenzucker in Tablettenform gibt. Das Anfangsgedränge wie bei jedem größeren Marathon mit einigen tausend Startern, wenn die meisten zum ersten Tisch hinrennen, umgeht man am besten so, dass man gleich einige Meter weiterläuft oder die Seite wechselt. Bisher ist der Marathonkurs auf teilweise gut erhaltenen Asphalt verlaufen.

Wir verlassen die Insel über einen leichten Anstieg zur Arpádbrücke (Arpád híd), die über die Donau wieder zurück nach Pest führt. Auf der Brücke befindet sich die 10 km-Markierung, bis jetzt bin ich  65 Minuten netto unterwegs. Eine Überlegung ist ja, mich für morgen in Graz zu schonen. Der Marathonkurs führt nun nach der Brückenüberquerung am tieferliegenden Donaukai stromabwärts bis zum Szent István Park.

Ich komme mit einem Australier von der Gold Coast ins Gespräch. Er erzählt, dass der Budapest Marathon die letzte Etappe einer mehrwöchigen Europatour ist, während der er an insgesamt drei Marathons teilnahm. Auf welche Ideen die Kollegen kommen – die gleichen Vorhaben habe ich im Herbst 2009 in den USA mit fünf in fünf Wochen und heuer auf der 100tägigen Weltreise mit einem Kreuzfahrtschiff mit sieben Marathons auch umgesetzt.

Bei Kilometer 12,195 passieren wir den Startpunkt für die 30km-Läufer, deren Lauf um 11.45 begann und die nur die ganz schnellen Marathonläufer beim Start gesichtet haben. Dass viele dann zurückfallen und wieder eingeholt werden, ist nicht ungewöhnlich. Auf der Höhe der Margaretenbrücke knapp nach Kilometer 13 folgt die nächste, inzwischen 3. Versorgungsstelle. Von hinten kommend überholt  mich István Kocza, den ich bisher bei jedem Budapest Marathon mit angeschnalltem Rubik- Zauberwürfel im Läuferfeld antraf. István ist schon fast so bekannt wie der Erfinder des Würfels. Der ungarische Designer Ernö Rubik erfand den Würfel 1974. Anfang der 80iger Jahre wurden etwa 100 Millionen Cubes in aller Welt verkauft, bis heute sind es fast 400 Millionen Stück. Rubik selbst wurde damit allerdings nicht reich, wie er in Interviews gerne betont, sondern die den Würfel produzierenden Firmen.

Führende Mathematiker auf der Welt haben sich mit dem Rubik-Würfel beschäftigt. Sie sind auf der Jagd nach der „God's Number“, den kürzesten Weg zur Lösung des Würfels von allen 43 Billionen möglichen Würfelkonstellationen. Die Gotteszahl liegt aktuell bei 22 Zügen, die man mit viel Rechenpower am Computer ermitteln kann. Otto Normalverbraucher dreht den Würfel dreimal und findet nie mehr zum Ausgangspunkt zurück.

Die Marathonstrecke führt weiter zum Kossuth Lajos Platz und nach ca. 14 km auf der Rückseite des ungarischen Parlaments (Országház) vorbei. Das im neogotischen Stil in den Jahren 1885 bis 1904 errichtete 268 m lange Gebäude mit einer 96m hohen Kuppel liegt direkt am Donauufer und ist eines der Wahrzeichen Budapests. Als architektonisches Vorbild diente der Palace of Westminster, der Sitz des britischen Parlaments in London. In der Kuppelhalle wird die Stephanskrone als Nationalheiligtum Ungarns aufbewahrt. 

Bei Kilometer 15 wird ein Höhepunkt des 29. Budapester Marathons erreicht. Der Kurs führt über die berühmte Kettenbrücke (Széchenyi lánchíd) wieder auf die andere Donauuferseite nach Buda. Diese Hängebrücke wurde in der Zeit von 1839 bis 1849 auf Anregung des ungarischen Reformers Graf István Széchenyi erbaut. Das klassizistische Bauwerk wird von zwei triumphbogenartigen Stützpfeilern getragen, durch die die eisernen Ketten des 375 Meter langen Brückenkörpers verlaufen. Sie verbindet den István-Széchenyi-Platz (Széchenyi István tér, früher Roosevelt tér), der den Abschluss der Pester Innenstadt bildet, mit dem Adam-Clark-Platz (Clark Ádám tér) vor dem Budaer Burgberg. Die Pfeilertore haben eine Durchgangsbreite von 6,50 Meter, das Gewicht der Eisenkonstruktion wird mit 2.000 Tonnen angegeben. Viele Läufer bleiben kurz stehen und machen mit dem mitgeführten Smartphone einen Schnappschuss. Einer bietet sich an, auch von mir ein Foto mit meiner Digicam zu machen. So bin auch ich wieder einmal auf einer Laufstrecke im Bild.

Auf der gegenüberliegenden Budaer Seite überragt der Burgberg die Landschaft. Der Burgpalast (Budavári palota) im Burgviertel ist das größte und bekannteste Gebäude Es nimmt den gesamten Südteil des Burgbergs ein. Die Geschichte des Burgpalastes reicht bis in die Anfänge des 13. Jahrhunderts zurück, als König Béla IV. hier eine Burg errichten ließ. In den Jahrhunderten danach hinterließ jede Herrscher- und Stilepoche ihre Spuren an dem Gebäudekomplex. Heute wird der Burgpalast überwiegend von Museen genutzt, aber auch für repräsentative Anlässe der ungarischen Regierungen.

Die 4.Labestelle befindet sich gleich nach der Brücke, in einer Schleife führt der Kurs nun am tieferliegenden Budaer-Kai stromabwärts vorbei an der Elisabeth-Brücke (Erzsébet híd), der am 4. Oktober 1896 eröffneten Freiheits-Brücke (Szabadság-híd), der Petőfi-híd und Rákóczi-Brücke (Rákóczi híd), die die jüngste aller neun Donaubrücken ist.

Knapp danach folgt die 5. Versorgungsstation. Ich öffne ein Sponser-Gelpäckchen und spüle es mit einem Mix aus Wasser, Iso und Cola hinunter. Nach 2 Stunden Laufzeit und knapp 20 km spüre ich, dass heute meine Kondition zu wünschen übrig lässt. Auf der ganzen Strecke findet sich keine schattige Passage. Einige Läufer pressen sich an die Kaibetonwand an, um der westlich stehenden Sonne abschnittsweise auszuweichen. Ich blicke über die Schulter zurück, der 4:30er-Pacemaker nähert sich mit zwei Dutzend Läufern im Gefolge. Die Gruppe zieht an mir bei der 21 km-Wende vorbei.

Es geht nun wieder auf der zum Kai überhöhten Straße donauaufwärts. Von unten kann man schon seit gut einem Kilometer die oben entgegenkommenden Läufer erblicken. Labestation Nr. 6 folgt knapp hinter Kilometer 23, viele marschieren schon jetzt. Rettungsfahrzeuge sind um 13 Uhr im Dauereinsatz. Die Hitze wird aber noch stärker erst auf der anderen Seite der Donau nach der Überquerung der Freiheitsbrücke zu spüren sein.

Beim Fővám tér gleich nach der Freiheitsbrücke auf der Pester-Seite bei Kilometer 25 verläuft der Marathonkurs die Közraktár utca wieder einen Kilometer stromabwärts. Dann wird gewendet und es geht auf der gleichen Straße der Sonne entgegen, die unerbittlich von Südwesten einstrahlt. Die Strecke über mehrere Kilometer am Kai entlang ist zwar flach und bietet ein tolles Panorama, aber es hat laut einem Sanitäter 28 Grad C. Man sieht Läufer auf der Kaimauer sitzen, andere haben sich einfach auf die Straße gelegt, einen Bewusstlosen erblicke ich auch, der Notarzt kümmert sich um ihn.

Wieder passieren wir wie auf der gegenüberliegenden Budaer-Seite die schon aufgezählten Brücken, diesmal sehen wir das Parlament  zwischen Kilometer 28 und 29 auch von vorne. Ich bin heuer schon etliche Hitzemarathons gelaufen, auch bei den Trails auf den Bergen hatte es oft an die 30 Grad, nur so schlapp war ich schon lange nicht mehr. Wenn man bei Kilometer 30 schon 3:30 unterwegs ist, geht sich eine sub 5-Stunden Zeit nur schwer aus: Dessen bin ich mir bewusst und überlege, ob ich mich für morgen in Graz schonen oder die Reserven mobilisieren soll. Bei der Labestelle Nr.7 schlucke ich erneut ein Gelpäcken, nur bleibt die erhoffte Wirkung aus. Die Musikkappelle wird von den müden Läufern nicht beachtet. Abgesehen vom Startbereich ist das Publikumsinteresse entlang des Kurses eher gering, nur an den Stellen für die Staffelübergabe haben sich Zuschauer und Angehörige von Läufern eingefunden und feuern die Teilnehmer an. 

Bei Kilometer 31 erblicke ich vor mir einen müden István, der ohne Rubik-Würfel sicher viel schneller  laufen könnte. Ich sage zu ihm „szervusz“ und bemühe mich voranzukommen. Bei Kilometer 32 erreichen wir wieder die Árpád-Brücke, die die Margareteninsel im oberen Teil begrenzt. Der Marathonkurs führt auf der gleichen Parkstraße zurück, auf der wir ab Kilometer7,5 bis ca. 10 erstmals gelaufen sind. Hier auf der Insel ist dank hoher Bäume für 2,5 km Schatten, man fühlt sich gleich wohler. Einige Läufer wachen aus der Lethargie auf und ändern ihr Trabtempo auf beneidenswerte 6 min/km. Über die Margaretenbrücke am unteren Ende der Insel geht es zurück auf das andere Ufer in den Stadtteil Pest. Einen knappen Kilometer verläuft der Marathonkurs noch entlang der Donau stromabwärts mit Blickrichtung Parlament, dann biegt er bei Kilometer 36 in nordöstliche Richtung zur Innenstadt ab. Die Labestelle Nr. 10 von insgesamt 12 wird bei Kilometer 37 passiert. Ich rechne mir aus, ob ich die sub 5-Stunden vielleicht doch noch schaffe. Bei meinen früheren Marathons in Budapest einschließlich der Halbdistanz empfand ich die ab Kilometer 38 nach einer Schleife zu erklimmende Hochbrücke, auf deren linken Seite der Westbahnhof von Budapest liegt, als Kriterium. Die wenigsten laufen da noch, fast alle gehen, das kostet Minuten.

Ich blicke auf die Uhr, 15 Minuten für 3 km, das geht sich nicht mehr aus. So bleibe ich bei der Labestation Nr. 11 stehen und atme durch. Temperaturen an die 30 Grad scheint man im Herbst anders zu empfinden als im Sommer. Jetzt kommen etliche ausgeruhte Staffelläufer und schreien Juhu, eine etwas übergewichtig wirkende Läuferin blickt mitleidsvoll über die Schulter auf meine Startnummer. Die werde ich nicht ziehen lassen. So geschieht es, der letzte Kilometer verläuft im Schatten des Stadtwäldchens, in Zielnähe lege ich noch einen Sprint hin und überlaufe die Gruppe. Aber mit 5:05:27 bleibe ich deutlich über meinen Erwartungen.

Wie immer bekommt man in Budapest neben der Medaille ein Post-Marathon-Paket mit allerlei Utensilien – Wasser, Iso, Schoko, Gutscheinen usw.. Für den Fall, dass einem kalt ist, auch eine Folie.

Ich mache mich auf den Weg zu den Duschen in der Petöfi-Halle, wo ich auch meinen Kleidersack deponiert habe. Das Heißwasser ist längst verbraucht, eine frische Dusche nach der Hitze tut aber gut. Ich setze mich auf eine leichte Anhöhe im Park des Stadtwäldchens und lasse den 29. Budapest Marathon Revue passieren. Die Strecke weist zwar jedes Jahr kleine Änderungen auf, bleibt aber im Kern erhalten. Schwerpunkt sind die langen Passagen auf beiden Seiten entlang der Donau, wodurch man in beiden Stadtteilen läuferisch unterwegs ist. Bei strahlend schönem Wetter ist die Sicht auf die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke und die jeweilige andere Donauseite grandios. Der Kurs ist insgesamt flach, die oftmaligen Brückenüberquerungen können aber zu Kriterien werden, wenn es um eine persönliche Bestzeit geht.  Die Versorgung ist bestens, man bemüht sich auch sonst um die Läufer und deren Angehörigen sehr.

Die Ungarn sind ein freundliches und liebenswertes Volk. Ich kann den Marathon in Budapest nur weiterempfehlen und möchte, wenn alles passt, auch beim 30. Jubiläum am 11. Oktober 2015 wieder dabei sein.

 

Sieger bei den Männern:


1. János Tamás Nagy (HUN): 02:27:14
2. János Kovács (HUN) 2:27:24
3. Gergő Deli (HUN): 2:32:02


Reihenfolge bei den Damen:


1. Simona Juhász-Staicu (HUN): 2:51:08
2. Zsuzsa Laluska (HUN): 3:05:09
3. Ladányi Tímea (HUN): 3:07:01


4347 Finisher

 

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Informationen: Budapest Marathon
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