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Laufberichte

Dran, drauf, drüber!

 

Zugegeben: Der Schafberglauf, bei dem die Herausforderung Mensch gegen Lokomotive lautete (Bericht auf trailrunning.de) war der Auslöser für unseren gut einwöchigen Urlaub am österreichischen Wolfgangsee gewesen. Doch der Wolfgang wäre nicht er selber, führe er lediglich für einen 5,5 km-Lauf, und sei er auch noch so schön (er war es), über 700 km weit. Perfekt passend wird an Christi Himmelfahrt ein Marathon in passabler Entfernung angeboten. Und so macht sich der eilige Wolfgang aus dem Heiligen Wolfgang am Wolfgangsee auf nach Kirchdorf an der Krems.

Das viereinhalbtausend-Einwohner-Städtchen ist seit 20 Jahren in Fachkreisen berühmt durch seine Laufveranstaltungen. Kirchdorfer Stadtlauf für die Gattin, Über-Drüber-Marathon für den Gatten, da findet jeder sein Vergnügen. In unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungszentrum im Dorfzentrum haben wir auf der Hauptstraße eine Dreiviertelstunde vor dem Start die freie Wahl des Parkplatzes und das offenbart direkt das Dilemma: Die Ausrichter könnten eigentlich jeden Teilnehmer per Handschlag persönlich begrüßen. Warum das so ist, verstehen wir nicht und werden es nach den Läufen erst recht nicht begreifen.

Unsere Startunterlagen bekommen wir also im Rathaus in Sekundenschnelle und die individuelle Betreuung zahlt sich für mich direkt aus. „Sollen wir Deinen ChampionChip mal sicherheitshalber überprüfen?“ Sehr guter Ansatz, der Schreiberling ist mit seinem Ersatzzeitmesser angereist. Beim Umschauen finde ich kein mir bekanntes Gesicht, dafür einen bekannten Namen. Jetzt kenne ich auch endlich das dazugehörige Antlitz: Gerhard Wally, die Alpenausgabe unseres Mannes mit den meisten gelaufenen Marathons (Christian Hottas), gibt mir selbstlos den ultimativen Lauftipp für heute: „Am Anfang volles Rohr und dann das Tempo halten!“ Gerhard, wenn ich Dich nicht kennengelernt hätte!

 

 

Die vier Frauen und achtzehn Männer über die Marathondistanz drängen sich nicht wirklich an der Startlinie, werden allerdings durch siebenundfünfzig (ausgeschrieben wirken die Zahlen besser) Halbmarathoner verstärkt. Dann gilt es, ganz nach dem Schlachtruf deutscher Panzergrenadiere „Dran, drauf, drüber!“. Woran, worauf und worüber? Uns erwartet lt. Ausschreibung eine 21,1-km-Runde, die zu 80% Asphalt, den Rest unterschiedliche Untergründe, vor allem aber 650 Höhenmeter aufweist. Das zweimal rauf und runter ist durchaus nicht ohne. Der Moderator gibt tapfer die vermutlich letzten Hinweise für uns Läufer, die uns allerdings nicht erreichen, denn in Richtung Startaufstellung hat man keinen Lautsprecher aufgestellt.

Um Punkt 11 Uhr geht es unter dem Beifall des überschaubaren Publikums los. Elke schaut ein wenig bedröppelt drein, denn sie muss vier Stunden auf ihren Start warten und weiß nicht so richtig, wie sie die Zeit herumbringen soll. Durch das Zelt der späteren Zielverpflegung laufen wir zum Ende der Hauptstraße und nach kurzer Zeit aus Kirchdorf heraus nach Hausmanning. Dass die Strecke direkt so ordentlich ansteigt, hatte ich nicht erwartet, obwohl ich natürlich im Vorfeld alle verfügbaren Laufberichte studiert hatte. Auf dem Höhenprofil sah's jedenfalls nach weniger aus. Und es kommt direkt ordentlich: Zwischen knapp km 1 und gut km 2 nehmen wir direkt die ersten rund 100 Höhenmeter. Trotzdem funktioniert das Anlaufen gut. Not the distance, speed kills, wie der Lateiner zu sagen pflegt.

 

 

Ein Schild weist den folgenden Abschnitt als Panoramaweg aus, was einige wenige Minuten wirklich zutrifft: Der Blick ins Kremstal und auf den gegenüberliegenden Höhenrücken ist klasse, nachdem uns der Dauerregen der vergangenen beiden Tage rechtzeitig verlassen hat und auch der Dunst verschwunden ist. Bauernhof zur Linken, glückliche Hühner zur Rechten, so verlassen wir den Asphalt und biegen auf einen schönen, leider nur kurzen Waldpfad ein, dem sich ein feiner, allerdings sehr nasser Wiesenweg anschließt. Ich beglückwünsche mich jetzt schon zu meiner Entscheidung für GoreTex-Schuhe. Zum ersten Mal steht hier der Fotograf, der uns den ganzen Lauf begleiten wird, und dessen Produkte wir später kostenfrei von der Homepage der ausrichtenden LG Kirchdorf herunterladen dürfen. Ein feiner Zug von Euch!

Über einen breiten Waldweg kommen wir in die nächste Ortschaft, Schlierbach, in deren Mitte uns direkt zwei Kirchtürme begrüßen. Die Zisterzienserabtei ist, das sage ich als Kathole, erfreulicherweise noch aktiv. Seit dem Jahr 1355 ist die ehemalige Burg Steyrstein Kloster aktiv, 26 Mönche leben dort noch aktuell. Im Ort gibt’s die erste Verpflegung, man bietet uns Wasser, Iso, Cola und das eine oder andere zu knabbern an. Also mehr als bei so manchem sehr deutlich größeren Marathonlauf. Schlierbach geht nahtlos in Hofern über, die ersten 5 km sind absolviert und damit ist der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Allerdings natürlich nur höhentechnisch!

Über eine breite Asphaltstraße durchqueren wir eine Waldpassage. Und die wird steil und steiler. Klar, zwischen km 5 und 9,5 beglückt man uns mit einer durchschnittlich siebenprozentigen Steigung, die war hinreichend angekündigt und stellt das erste, ernsthafte „Drüber“ dar. Wie ein alter Diesel tuckere ich hoch, natürlich sind wir paar Hansel längst weit auseinandergezogen. Trotzdem bleibt Zeit und vor allem Luft für ein paar nette Gespräche und vor allem Ausblicke auf eine tolle Landschaft unterschiedlich grüner Hügel im Sonnenschein, wirklich schön. Gut, dass ich längst keine tollen Zeiten mehr erreichen kann, daher darf ich ohne schlechtes Gewissen und ohne jeden (selbstgemachten) Druck vor mich hintuckern. Ein zweites Mal gibt’s Atzung, dann wird’s richtig steil.

 

 

An Ablenkung mangelt es nach wie vor nicht, denn auf der linken Seite versuchen Opa, Vater und Enkel eine ausgebüxte Kuh auf der Wiese einzufangen. Zuletzt sah es nach Erfolg aus. Weiter und weiter schrauben wir uns nach oben, es wird merklich kühler. Dafür entschädigen die prächtigen Wiesen, die sich in einem wunderbar bunten Frühlingskleid präsentieren. Dahinter das Kremstal und schöne Berge, eine tolle Komposition. Längst schon bin ich sehr froh, hier zu sein. „Ein Fest für die Sinne“ ist eine Schautafel überschrieben, welche die verschiedenen Berge und Gipfel benennt, und exakt so ist es. Dritte Verpflegung und immer noch nicht ganz oben, aber bald. Die wissen, warum die VP-Dichte hier so hoch ist.

In leichtem Auf und Ab geht’s durch Habingerkreuz, an einem kleinen Kapellchen werden wir nach links eingewiesen. Knapp 13 km sind geschafft, da droht Ungemach. Ich bin vorbereitet, denn auf dem Logo dieses Marathons sind zwei Steigungen dargestellt, die erste hat man unterschlagen. Also steht die dritte zur Bezwingung an, knapp einen km erwartet uns jetzt eine rund fünfzehnprozentige Steigung. Eigentlich ein Klacks gegenüber den durchschnittlich 26 % des Schafberglaufs, aber der Untergrund! Zunächst noch auf Asphalt trippele ich optimistisch hoch, doch bald siegt der gesunde Menschenverstand und ich wechsele in einen flotten Gehschritt. Den habe ich am letzten Sonntag schließlich über gute fünf km üben können.

Dann geht der Trampelpfad los. Wunderbar anzusehen, beginnt der Straßenläufer in mir zu jammern: „Aber doch nicht in knöcheltiefem Schlamm!“. „Genau richtig!“, kontert der Trailer und der hat heute mal Recht. Überraschend schnell bin ich am Scheitelpunkt, dann geht die Chose bergab. Natürlich auf keinem anderen Untergrund. Ein ganz schönes Geeiere. Bald liegt der Trail hinter uns, dann weitet sich der Weg und öffnet den Blick wieder in Richtung Kremstal. Puh! Kurz verweilen kann ich an der nächsten Verpflegungsstelle, dann steht der lange Abstieg nach Kirchdorf an. Das vertraute Bild schöner Wiesen und Berge – Heidi, der Geißenpeter sowie der Alm-Öhi hätten ihre Freude – kehrt zurück, da erscheint zur Linken ein beeindruckendes Bauwerk am Himmel. Die rund 1.000 Jahre alte, gut erhaltene Burg Altpernstein wird heute von der katholischen Jugend Österreichs als Begegnungsstätte genutzt.

 

 

Weiter und weiter führt der Weg bergab, Micheldorf ist erreicht und bald darauf Kirchdorf in voller Breite und Ausdehnung. Ein letzter km der ersten Runde führt durch den Ort, dann bin ich auf der Hauptstraße und habe noch wenige hundert Meter der Hauptstraße vor mir. Da steht die Gattin vor dem Zielbogen und strahlt mit der Sonne um die Wette. 2:28 Stunden habe ich bis jetzt gebraucht. Damit ist klar, dass sich das mit den fünf Stunden nicht ausgehen wird, wie man hier zu sagen pflegt. Im VP-Zelt steht eine Halbmarathonia und hält mir ihr Finisherbier entgegen: „Mogst a Schluckerl?“ Kloar mog i, und dafür gibt’s a Busserl.

Dann beginnt das Drama von vorne. Nein, Quatsch, absolut kein Drama, denn es ist ein schöner, abwechslungsreicher, bei vernünftiger Einteilung gut zu schaffender und nie langweiliger Lauf. Allerdings muss ich jetzt höllisch aufpassen, keine Abzweigung zu verpassen, denn ein Orientierungswunder bin ich nicht. Doch wo die orangen Pfeile erforderlich sind, sind sie auch, und das meiste erkenne ich wieder. So bin ich frohgemut mit mir alleine, denn ich werde die nächsten gut zweieinhalb Stunden lediglich zwei Mitstreiter sehen. Ist „Grillkohle TAUSCH“ eine spezielle österreichische Geschäftsidee? Gebrauchte gegen neue? Das hätte für den Kunden ganz gewiss Charme, leider habe ich keine dabei.

 

 

Über solch tiefschürfende Gedanken komme ich zum vorletzten VP. „Wos mogst trinka?“. „Ihr hattet vorhin doch Bier im Angebot, das ich noch abgelehnt hatte?“ „Höis, Dunkels, alkoholfrei?“ „Bin ich ein Kerl oder ein Mädchen?“ Ein Genuss ist das Dunkle, da läuft es sich doch gleich viel beschwingter. Und das bis auf die Hauptstraße, auf der mich Elke als zufriedene Stadtlauf-Teilnehmerin beklatscht. Und dieses Mal gibt’s also für die eigene Gattin ein Busserl, was das restliche Volk erfreut. Leute, so viel Zeit muss sein. Nach knapp 5:04 Stunden ist es vollbracht und ich alles, nur nicht am Ende. Sehr gut. Dominik, Jahrgang 1993, auf den ich fast aufgelaufen war, liegt im Ziel völlig erledigt und ist froh, den Opa doch noch abgehängt zu haben.

Ich werde sehr nett persönlich vom Moderator begrüßt und mit einer schönen Keramikmedaille dekoriert. Das ist ja fast wie zuhause mit den Karnevalsorden vom Schmitze Willi! Leider beginnt man Minuten später mit dem Zielabbau, so muss der nächste Eintreffende, der Aigner Günther, sowie der Rest sehr unspektakulär einlaufen. Seinen 91. hat er heute gepackt und die Schlagzahl deutlich erhöht, denn bis zu seinem 60. Geburtstag im November 2020 soll der 100. erreicht sein. Daran besteht ja wohl kein Zweifel, Günther!

Unsere Vorberichterstatter Herbert, Markus und Anton (Reiter) hatten in ihren Bewertungen Einigkeit gezeigt: Eine tolle, mit viel Herzblut handgemachte Veranstaltung auf sehr schöner, abwechslungsreicher Strecke. Einziger Makel: Viel zu wenige Teilnehmer. Es würde mich freuen, wenn dieser Bericht dazu beitragen könnte, die Finisherzahlen im kommenden Jahr deutlich zu erhöhen. Der ausgeschriebene Ultralauf war auf den letzten Drücker wegen mangelnden Interesses schon abgesagt worden. Hoffentlich bleibt das dem Marathon erspart.

 

Streckenbeschreibung:
Zwei Runden mit jeweils 650 Höhenmetern auf sehr abwechslungsreicher Strecke mit drei teils knackigen Steigungen und Gefällen.

Startgebühr:
28 € (33 € bei Nachmeldung).

Leistungen/Auszeichnung:
Schöne Keramikmedaille, Urkunde.

Logistik:
Perfekt.

Verpflegung:
Wasser, Iso, Cola, Bier, Obst, Riegel.

Zuschauer:
An Start und Ziel einige.

 

Informationen: Über-Drüber-Marathon
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