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Laufberichte

Phönix oder Basilisk?

12.09.10

 

km 10 bis zur Hälfte

 

 

Wenig später führt die Strecke unter den Gleisanlagen des Badischen Bahnhofs durch. Es könnte auch Chicago, Berlin oder New York sein. Ein Blick auf den Boden und die entlang der Straße geparkten Autos lässt mich das Tempo erhöhen. Taubenalarm. Den Biestern will ich keinen Treffer zugestehen. Den Namen Maulbeerstraße trägt diese Straße nicht unbedingt zu Recht. Nur wenig Grün ist von der Straße aus zu sehen. Da hoffe ich für die Mieter, dass alle Wohnungen auch Blick auf die bewachsenen Hinterhöfe haben.

Zwei scharfe Biegungen später ist schon der Messeplatz in Sicht. Beim Messeturm gibt es wieder Wasser. Während wir Wasser bekommen, hat die eigene Familie diesem seit 2003 höchsten Gebäude der Schweiz das Wasser abgegraben. Die Firma für Immobilienanlagen, zu deren Portfolio dieser Prestigebau gehört, errichtet derzeit in Zürich den Primetower, der noch höher ist. Ausgerechnet in Zürich…

Eine Band nach meinem Geschmack spielt auf dem Messeplatz vor der großen Uhr. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich nicht eine Konzertpause einschalten soll. Einerseits wegen dem Lied, welches sie eben angestimmt haben, andererseits auch, damit sie nicht den Status einer Randerscheinung haben. Das Läuferherz obsiegt, denn auf der Strecke läuft es mir viel besser als ich nach all den Ultras und Trails erwarten konnte.

Auf der folgenden Geraden komme ich mir fast ein bisschen verloren vor. Die Clarastraße ist ordentlich breit und gesperrt, obwohl sie für den Tramverkehr nicht unwichtig ist; doch das Feld ist schon so auseinandergezogen, dass sich gegen vorne und hinten ein großer Abstand auftut, der einzig bei meinen Fotostopps dann und wann von hinten geschlossen wird. Einen solchen Halt lege ich ein, um am Claraplatz den Spalier von Schaufensterfiguren zu fotografieren, die einer der Sponsoren entlang eines roten Teppichs aufgereiht hat. Wobei die beiden vordersten echt sind. Die eine verrät sich dadurch, dass sie verschämt ihr Jäckchen übers Oberteil zupft, wie meine Kamera sie ins Visier nimmt. Dass ein Verrückter noch verrückter sein kann und den Marathon mit Kamera bewaffnet läuft, hatte sie wohl nicht vorgesehen.

Am Warenhaus des Titelsponsors  vorbei geht es auf die Mittlere Brücke zu. Noch ist es ein paar unbedeutende Kilometer zu früh, um auf der Brücke zum Endspurt anzusetzen. Zuerst geht es mal scharf rechts zum Kasernenareal. Hinter der Rasenfläche des Kasernenplatzes findet in Anlehnung an das Edinburgh Military Tattoo vor dieser stimmigen Kulisse seit 2006 jeweils im Sommer das Basel Tattoo statt. Mit Tätowierungen hat dieses Tattoo nichts zu tun, sondern mit Tattoo, dem englischen Begriff für Zapfenstreich. Von Tattoo ist heute aber nichts zu hören, dafür zu sehen. Gut, es sind nicht echte Tätowierungen, wenigstens nicht die mit dem Run to the Beat-Logo, welche bei der Startnummernausgabe verteilt und auf zahlreiche Oberarme gepeppt wurden. Von einem Zapfenstreich will ich nichts hören, denn schließlich ist auf dem erneuten Weg hinunter zum Rheinweg erst die Drittelsmarke passiert.

Einen Kilometer weiter geht es diesmal nicht unter der Dreirosenbrücke hindurch.  Scharf nach rechts ab- und in einer Spitzkehre auf die Brücke einbiegen, so sieht es der Streckenplan vor, womit schon wieder einige der insgesamt 200 Höhenmeter überwunden sind.

Bald nach dem Wechsel hinüber nach in Großbasel und ein paar zackigen Richtungswechseln führt die Strecke durch den St. Johanns-Park und an dem schon von weitem gut sichtbaren St. Johanns-Tor vorbei, dem zweiten der drei verbliebenen Stadttore, und zurück ans Ufer auf den diesseitigen Rheinweg. Nun gibt es die andere Gesichtshälfe der Basilea zu bewundern. Obwohl die Sonne mittlerweile ganz ordentlich wärmt, habe ich keinen Anlass, das am Ufer vertäute Feuerlöschschiff  für andere, egoistische Hydrationszwecke zu entern. Die Abstände zwischen den einzelnen Verpflegungsstellen sind zu kurz, als dass ich zwischendrin nach Flüssigem lechzen müsste.

Mit einem kurzen heftigen Anstieg geht es in Richtung Altstadt. Hinauf zur St.Peterskiche, beim Kollegiengebäude der Uni Basel am Petersplatz vorbei, einem der Standorte der seit über 500 Jahren durchgeführten Herbstmesse, einem der größten Jahrmärkte weitherum. Am Botanischen Garten der Universität vorbei kommen wir hoch zum Spalentor, dem dritten und eindrücklichsten der Stadttore.

Nach der Spalenvorstadt geht es wieder in den Kern der Altstadt hinein, dort, wo auf diesem Stadtmarathon sogar Bergmarathongefühle aufkommen. Statt steil den Spalenberg hinunter geht es sanft den Heuberg hoch, an der Abzweigung zum Gemsberg vorbei. An diesem befindet sich ein Brunnen, auf welchem eine Gämse thront – sofern sie im Gegensatz zum Straßennamen die Rechtschreibereform mitgemacht hat.

Zum Abschluss dieser Bergetappe geht es hinunter zum Barfüßerplatz, vorbei am Gymnasium Leonhard. Damals, als ich in Basel  aufs Realgymnasium ging, hieß es noch Gymnasium am Kohlenberg, und wir Lateiner nannten die Wirkungsstätte der Neusprachler leicht despektierlich Gymkohlium am Nasenberg. Neidlos anerkennen mussten wir, dass ihre alte Aula im Gegensatz zu unserem Architektenflop für echtes  Theater taugte. Da sich die Animositäten nicht auf Rektorenebene abspielten, erhielten wir zuweilen sogar Gastrecht für unsere Aufführungen.

Ohne Theater und Show geht es weiter auf der Marathonstrecke. Da und dort sind zwar eine Musikanlage und ein paar  Lautsprecher aufgestellt, damit hat es sich aber. Ich habe mir von den Musicspots etwas anderes erwartet, doch erstens bin ich diesbezüglich von Freiburg und St. Wendel mit den unzähligen Musikgruppen, neudeutsch Live Acts, verwöhnt, zweitens stört es mich nicht, dass es so ist. Also laufe ich weiter und genieße es, auf der mit großem Aufwand für uns abgesperrten Strecke nach Jahren wieder einmal Basels Ecken zu erkunden. Auf einer Schlaufe durch ein einladendes Wohnviertel hindurch kommen wir zum Zoo, den wir in der Folge praktisch umrunden. Tiere bekomme ich keine zu Gesicht, nur Gehege; doch meine Nase nimmt ihre unmittelbare Nähe eindeutig wahr. Natur pur, mitten in der Stadt.

 
 

Informationen: Basel Marathon
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