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Laufberichte

Das 24 Stunden-Experiment

 

Der Nacht entgegen


Läuferisch locker und leicht fallen die ersten Runden. Der Weg ist nicht zu verfehlen. Mit Gittern und Trassierbändern, Kreidestrichen und Kegeln ist der Laufparcours bestens markiert und von den dem gemeinen Besuchervolk zugänglichen Teil der öffentlichen Wege abgegrenzt. Angesichts der Wetterverhältnisse sind wir allerdings weitgehend unter uns. An neuralgischen Punkten, insbesondere dort, wo man so ganz aus Versehen eine Abkürzung nehmen könnte, trotzen Ordner freundlich lächelnd der ungemütlichen Witterung.  

 


Leider verhindert die dichte Wolkendecke einen anständigen Sonnenuntergang. So merkt man die heranziehende Nacht nur daran, dass das helle Grau zu einem immer dunkleren Grau mutiert. Licht und stimmungsvoll ist es jedoch stets an einem Punkt: Im Start-/Zielbereich. Peppige Musik, ein launig die Ankömmlinge begrüßender und das Geschehen kommentierender Peter Maisenbacher, auf Ablösung wartende Staffelläufer und sonstige Mitglieder der Läufercrews säumen diese Passage und feuern uns an. Viel bekomme ich anfangs nicht mit, denn ich trabe nach Queren der Zeiterfassungsmatte einfach nur vorbei und lasse zunächst auch die Verpflegungsstelle links liegen.

Die Phase des Einheitsgraus währt aber nur kurz. Dann kommen sie, die Lichter der Nacht. Erst kaum zu merken, dann immer ausgeprägter. Die sich im Stau dicht gedrängt den Mittleren Ring entlang wälzenden Autokolonnen machen den Anfang. Sie werden zum leuchtenden Wurm, weißgelb in der einen, feuerrot in der anderen Richtung. Innenbeleuchtung und Außenstrahler verleihen den BMW-Bauten ein ganz neues Außenbild. Die ohnehin schon futuristische BMW-Welt scheint durch die teils farbige Lichtinszenierung  gänzlich in die Welt des Science Fiction entrückt. Die für mich eindrucksvollste Metamorphose erleben jedoch die Plexiglasdächer über den Sportstätten. Im gleißenden Licht starker Strahler heben sich ihre geschwungenen Konturen und geometrischen Strukturen immer prägnanter vom sich verdüsternden Himmel ab und verdeutlichen die Einzigartigkeit dieser architektonischen Dachkomposition.

Auch unser Weg ist gut ausgeleuchtet und dort, wo Laternen nicht dicht an dicht stehen, erlaubt auch das indirekte Umgebungslicht ausreichende Bodensicht. Stirnlampen sind zwar obligatorisch, doch eine Mehrheit der Läufer übt sich in Renitenz und ignoriert das, vielleicht auch, weil es sich ohne tanzenden Lichtkegel einfach angenehmer laufen lässt.  

Nach ein paar Runden merke ich dann doch, dass meine Haut nicht nur regen-, sondern auch schweißnass ist. Höchste Zeit ist es den Einkehrschwung zu nehmen und einen Becher Isotonisches aus dem großen Fass zu zapfen. Das opulente Läuferbuffet macht gleich Lust auf mehr: Bananen- und Apfelhappen finde ich da neben Gurkenscheiben, Käse- und Nutellabrotplatten wechseln mit überbackenen Brezen, diverse Kuchen gibt es und natürlich Kaffee dazu. Wem der Sinn nach kräftig-deftigem steht will, hat die Wahl zwischen Kartoffeln mit Salz oder Quarkdip und heißer Bouillon. Energy-Fastfoodkonzentrat in Form von Riegeln, Pülverchen und Gels steht auch bereit, aber das ist nur etwas für die ganz Eiligen. Und das sind dann doch die wenigsten.   

 

Zeit der Stille


Durch die Kühle und Stille der Nacht zu laufen hat seinen ganz eigenen Charme. Sehr viel selektiver nimmt man die wenigen Geräusche und optische Reize wahr. Die Welt scheint irgend still zu stehen, nur selbst ist man in Bewegung. Man ist ganz bei sich und wenn der „Laufmotor“ gut läuft, ist das läuferische Hochgefühl kaum zu toppen. Wer nicht läuft, kann sich das kaum vorstellen und so kommt immer wieder die Frage: Ist das nicht langweilig? Nein, das ist es ganz und gar nicht. Und schon gar nicht, wenn man durch eine so mystische Szenerie wie die des Olympiaparks bei Nacht läuft.

 



Der Genuss der nächtlichen Runden durch den Olympiapark trübt sich für mich nur dadurch  ein, dass meine Füße Probleme bereiten. Der Regen hat zwar aufgehört, aber Schuhe und Socken sind durchnässt und als ich mich viel zu spät nach 30 km endlich zu einem Zeltstopp aufraffe und beides wechsele, ist die Bescherung in Form dicker Blasen schon perfekt. Na, das kann ja noch lustig werden. Notdürftig verpflastert laufe ich weiter.

Längst habe ich jede Ambition oder Hochrechnung über Bord geworfen. An der Lichtoase des Verpflegungsstands werde ich immer mehr zum Stammgast. Das heißt: Ich komme immer öfter und bleibe dafür umso länger. Da ist auch Zeit, ein Schwätzchen mit dem nimmermüden Nachtmoderator Peter Maisenbacher zu halten oder der Triathlon- und Laufladen-Ikone Klaus Ruscher zu lauschen, der pünktlich um Mitternacht seine Gitarre packt und auf der Bühne ein kleines Konzert gibt.

Verhindern kann dies allerdings eines nicht: Ich werde müde, verdammt müde. Ich gähne nur noch und laufe wie benebelt vor mich hin. Um halb zwei ist der Stimmungstiefpunkt erreicht. Ich mag nicht mehr. Fest nehme ich mir vor: Jetzt schläfst du erst einmal eine Runde. 24 Stunden laufen, was für eine absurde Idee! Als Absacker gönne ich mir in der Kühle der Nacht nur noch einen halben Becher süßen, heißen Kaffee. Mensch, tut das gut.

Es gehört zu meinen Erfahrungen beim Laufen, dass manchmal nichts mehr geht, und dann doch auf einmal wieder alles. Es genügt ein kleiner Schalter, um das zu bewirken, nur muss man ihn finden. Und heute habe ich ihn gefunden. Wie verflogen ist auf einmal die Müdigkeit und ebenso die Schlafplanung. 24 Stunden laufen, was für eine irre Idee!

Hellwach drehe ich kurz darauf wieder langsam, aber beständig meine Runden. Mit der Kamera versuche ich ein paar stimmungsvolle Szenen einzufangen. Wundervoll ist diese Nacht und leises Bedauern erfasst mich, als schon um 4:30 Uhr ein erster heller Schimmer am Horizont deren Ende ankündigt.   

 

Morgenerwachen

 


Mehr noch als der Übergang zur Nacht zaubert die Morgendämmerung eine ungemein reizvolle Stimmung in der Parklandschaft. Die ersten Vögel zwitschern, Karnickel hoppeln erschreckt über den Weg, dagegen machen es sich Entenfamilien ganz ungeniert direkt am Wegesrand bequem. Eine ungemeine Ruhe und Friedfertigkeit liegt über allem, selbst im Zielbereich plätschert nur leise softe Musik. Erst nur schemenhaft, dann immer deutlicher geben die Wolkenbänke den blanken Himmel frei. In immer neuen Nuancen schimmert das Blau herab. Und ganz langsam kehren die Konturen der Landschaft zurück. Ein fantastisches, nur leider schnell vergängliches Bild.

Mit der zunehmenden Helligkeit verschwinden die Mystik und die Lichter der Nacht. Aber immerhin weiß ich: Auch die Sonne wird uns an diesem Morgen noch begrüßen.   

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Informationen: 24 Stundenlauf München
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