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Laufberichte

Niemand hat die Absicht 100 Meilen zu laufen

21.08.11
Autor: Joe Kelbel

Die Graffitisprüher und Mauermaler der 80er Jahre sind dann diejenigen gewesen, die die unsichtbare Grenze vor der Mauer entschärft hatten. Die „Künstler“ entstammten aus der Hausbesetzerszene der 80er Jahre, bemalten aus Protest die Mauer, obwohl die auf DDR Territorium stand. Sie waren oft schneller als die DDR Grenzer, die über Leitern oder durch Türchen in der Mauer dem Treiben Einhalt gebieten wollten. Irgendwann gaben die DDR-Grenzer das Katz und Maus Spiel auf.

5 Freunden erging es 1986 anders. Sie waren aus der DDR „abgeschoben“ worden und mahlten aus Protest gegen das grelle Graffiti einen 6 Kilometer langen Strich auf die westliche Seite der Mauer, bis sich plötzlich eine unscheinbare kleine Tür in der Mauer öffnete und drei Grenzsoldaten einen von ihnen wieder in die DDR zogen.

Linker Hand unter Gras und Gestrüpp ein Stück der alten Avus Autobahn Richtung Magdeburg. Der DDR-Führung passte es nicht, dass die Autobahn so nah an der Grenze verlief und ließ eine neue weiter südlich bauen. Auf diesem Stück wurde die Serie „Alarm für Cobra 11“ in den 90er Jahren gedreht.

Km 62, Bahnhof Griebnitzsee, VP 7. Depot für Wechselsachen. Cut Off Zeit 10,5 Std.

Ehemaliger Bahnübergang für Transitreisende. Von hier führt ein Stichweg in die West-Berliner Exklave Steinstücken (200 Bewohner), gehörte zum amerikanischen Sektor, lag aber im DDR-Gebiet. Die US Armee hatte hier symbolisch drei Soldaten stationiert, Kontakt und Versorgung der 200 Bewohner  hielt man per Hubschrauber. 1972 wurde eine 800 Meter lange Verbindungsstraße von West-Berlin gegen harte Devisen gebaut. Zwei weitere Exklaven lagen hier: Eine in Potsdam-Drewitz, welche ungenutzt blieb, und eine sogenannte  Wüste Mark, die von einem West-Berliner Bauern bewirtschaftet wurde. Der musste mit seinem Traktor über den Grenzübergang Dreilinden und dann über die Autobahn zu seinem Acker fahren. Die Wüste Mark war nicht eingezäunt, lediglich Grenzgebietsschilder wiesen auf die Exklave hin.

Exklaven enstanden 1920 im Zuge der Gebietsreform bzw. durch Pacht/Kauf von Ländereien Berliner Besitzer auf brandenburgischem Boden.

Jetzt schöne Landschaft, Naturschutzgebiet, Grasfrösche laufen über den Weg.
Der Offiziersschüler  Peter Böhme wollte flüchten. Er und der Gefreite Jörgen Schmidtchen, der als Postenführer der Grenztruppen die Flucht verhindern wollte,  starben bei einem Feuergefecht.

Die Grenze verlief in der Mitte des Griebnitz-Sees. Die Sperranlagen waren am südlichen Ufer, man hatte die DDR-Bürger dafür einfach enteignet. Jetzt wird von den Seeanwohnern um ihr Recht gestritten, da der Kolonnenweg nunmehr als öffentlicher Weg gilt. Schöne Häuser, Schilder „Freier Uferweg“.

Über die Parkbrücke gelangen wir nun in eine DDR-Exklave, Klein Glienicke. Die Exklave auf West Berliner Gebiet war mit einer eigenen Mauer umgeben, einziger Zugang war über die streng bewachte Brücke. Bewohner von Klein Glienicke hatten einen Registriervermerk im Personalausweis. Die Exklave galt laut „Grenzsicherungsplan“ als „nicht tunnelgefährdetes Gebiet“, doch hatte die Stasi nicht mit der extremen Hitzeperiode von 1973 gerechnet. Mit einer kleinen Kinderschaufel und einem abgebrochenen Spatenblatt gruben sich zwei Familien über 19 Meter in die Freiheit.

Die Glienicker Brücke ,die „Agentenbrücke“, erlangte 1962 Berühmtheit durch den Austausch des KGB Agenten Rudolf Abel gegen den amerikanischen Pilot Francis Power, der über der Sowjetunion abgeschossen worden war. 1985 und 1986 gab es weitere Tauschaktionen.

Potsdam, Brandenburg. Wir müssen jetzt das Grenzgebiet in einem 12 km weiten Bogen verlassen, denn die ehemalige Grenze nimmt eine Abkürzung durch die Havel, während wir weit nach Westen laufen müssen. Zwischen Glieniker Lake und Havel gab es Unterwassersperren, zusätzlich zu den zwei Mauern, dem Grenzstreifen und den Wachtürmen.

Potsdamer Parklandschaft. Sonne, weiße Segelboote, viel nackte Haut, auch weibliche.  Als Entschädigung für den Umweg um den Jungfernsee, Lehnitzsee und Krampnitzsee, die auf ehemaligem DDR Territorium liegen, erhalten wir beim VP 8 (km 68) Freibier beim Brauhaus Meierei. Hier ist die schöne Seite Berlins, prächtige Häuser, Segelboote, schönes Leben auf der Sonnenseite.

Km 74 VP Grossförsterei Krampnitz. Mir geht‘s schlecht, es ist  elend heiß. Entlang am Lebnitzsee und Jungfernsee, sehr schöne Strecke. Eine Kleinfamilie hat mit dem großen Segelboot angelegt, badet im glasklaren Wasser. Die Mutter  spielt mit dem kleinen Kind. Es ist so alt wie damals Holger H.

Kurz vor km 80 sind wir wieder an der Grenze, die hier mitten im Wannsees verläuft. Die Pfaueninsel ist sichtbar. Am 29. April 1945 schlugen sich  zwei Soldatentrupps vom Führerbunker aus bis zur Pfaueninsel durch, um Dokumente und das Testament Hilters per Flugzeug aus der Stadt zu schaffen. Russischer Beschuss ließ das Unternehmen scheitern.

Mitten durch Die Heilandskirche in Sacrow verlief die Grenzanlage. Der Glockenturm war Teil der Mauer, das Kirchenschiff stand im Niemandsland, also zwischen der politischen Grenze und dem Todesstreifen. Die Kirche war weder von Potsdam noch von Berlin aus zugänglich.

Carsten ist wieder da! Mit Bier, eiskalt. In der Hitze eine Wohltat. Danke, Mann! Zwischenstand: Pumuckl ist eine halbe Std vor mir, Werner Selch im Biergarten. Das Läuferfeld noch relativ eng beisammen. Die Entscheidung über 3 oder 4 Stunden Endzeit mehr oder weniger wird erst in der nächsten Nacht fallen.
Km 82 VP Kladower Straße.

Am Groß Glienicker See, wir befinden uns immer noch auf ehemaligem DDR Gebiet, steht ein kleiner Mauerrest( 2,5 Meter). Hier sind auch noch Reste des Ritterguts Groß Glienicke aus dem späten Mittelalter zu sehen. Die Grenze führte mitten hindurch. Das „Potsdamer Tor“ des Gutes wurde restauriert. Sehr schöne Gegend, verdammt schön.

Wir überqueren den Ritterfelddamm und laufen auf der Potsdamer Chaussee, die hier die Grenze zu Brandenburg bildet, zu VP 11 Kuckucksstraße (km 85). Depotstelle für Wechselsachen. Werner hat sich umgezogen. Ich fülle meinen Rucksack auf: Redbull, Gels, Trockenfleisch.

Ein Radfahrer fragt mich nach dem Mauerweg, er sucht einen Bekannten, der heute mitläuft. Ich sage: „Heb den Kopf - dort oben in Höhe der ehemaligen Mauer steht es: Mauerweg“. Er war ein Staatsfeind der DDR, saß mehrfach im Knast. Sein Staatsfeindname: „Der Läufer“. Er begleitet mich ein Stück. Das sind die Begegnungen, die ich liebe. Viel konnte ich mir nicht merken, man kann nicht schreiben, wenn man läuft. Kurzer Gruß. Es ist eine unglaubliche Story, doch ich bin geschwächt.

Flugplatz Gatow, Start-und Landeplatz der Rosinenbomber 1948/49.

Bei km 93 VP 12, Gartenlaube. Werner kommt gerade raus. Ich sag: „Gebt mir, was der Transeuropaläufer gerade hatte!“ Zupp, steht das eiskalte Weizenbier auf dem Tisch. Ganz großen Dank !

Richtungswechsel nach Nordwesten. Am Fort Hahneberg vorbei, welches 1888 zum Schutz des Rüstungszentrums Spandau gebaut wurde. Bis zum Mauerfall 1989 befand sich das Fort im Bereich der Sperranlage der Grenzübergangsstelle Heerstraße.

 
 

Informationen: 100 Meilen Berlin
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