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Laufberichte

Wer ist hier Patient?

03.02.13
Autor: Joe Kelbel

Das Wochenende ist perfekt geplant. Treffen mit Günter am Bahnhof Passau, dann zunächst Besichtigung der Andorfer Brauerei, danach das Rundumprogramm beim Thermen-Marathon: Symposium mit dem Extrembergsteiger Kammerlander, Thermenbesuch, Pastaparty all you can eat, Haslinger Hof, Mararthönchen und wieder Thermenbesuch.

Bis auf den Brauereibesuch ist alles und für alle im Startpreis von 26 Euro inbegriffen. Deswegen haben der 10 km-Lauf, Halbmarathon und Marathon auch denselben Preis haben. Aber das lohnt sich für jeden Läufer. Der Thermen-Marathon steht bei mir auf Platz eins der Marathonläufe.

Und dann steht Günter am Bahnhof: “Dia Brauerei hoat gschlossa, foahn ma gleich zum Bums´n!”  Ich denke, meine Fremdsprachenkenntnis lassen mich im Stich und ich überlege mir schon die Überschrift zu diesem Artikel. Aber da dieses Programm wohl zu einer Kurbehandlung gehört, bin ich sofort einverstanden, frage aber trotzdem nochmals nach, ob dieser Tagesordnungspunkt länger dauert. Ich will ja schließlich noch zum Symposium mit Hans Kammerlander. Immerhin hat der 12 der 14 Achtausender bestiegen und hätte bestimmt mehr zu erzählen, als ich nach diesem ersten Progammpunkt.

“Dauert net lang, ma foahn nur noch Schärding!”

“Oh! Schärding ist schön!” sagt Maren. Maren hat mich im Bordbistro angesprochen. Ich bin immer im Bordbistro, weil man da ganz gut Dehnübungen machen kann. Nun läuft Maren in der W60 und mir wird gleich klar, dass der geplante Programmpunkt dann wohl doch länger dauern wird. Anscheinend ist dieses Kurprogramm auf der anderen Seite des Inns auch schon Maren bekannt, die Schönheiten Österreichs haben wohl starke, touristische Anziehungskraft.

Schärding ist tatsächlich schön. Die barocke Silberzeile auf dem oberen Dorfplatz mit den bunten Häusern ist schon der Hit, aber ich dränge nun auf Erfüllung von  Programmpunkt eins.

 
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Schließlich sind Maren, Günter und ich beim Bums´n. Das Plakat: “Weiberoasen beim Bums´n”  hört sich vielversprechend an. Wir betreten das urige Wirtshaus, wo unerwartet, direkt hinter der Eingangstür, die Treppen hinunter zu einem schiefen Bretterboden führen. Beinahe wäre ich hin gebumst. Der Name des Gasthauses stammt aus einer Zeit, als die Bierfässer noch mit der Kutsche angeliefert wurden. Man ließ die Fässer einfach hinunterrollen und nur der Tresen konnte die schweren Dinger stoppen, als sie dort “anbumsten”.

Von hier bis nach Bad Füssing könnte man laufen, aber Programmpunkt zwei und drei sind schon ausgefallen, also schnell ins Restaurant der Therme zur Pastaparty, wo ich sogleich angesprochen werde: “Joe, ich bin schon gespannt auf deinen Bericht!”

Was für ein Bericht, wenn ich wesentliche Programmpunkt ausfallen lassen muss?  Nun hat der Typ mir gegenüber etwa 20 Starterbeutel abgeholt. Quälend lange 10 Minuten brauche ich, um ihn zu überzeugen, dass seine mutmaßliche Klasse 7 b der Mädchenschule keine Verwendung für die Getränkegutscheine hat. Dann wird’s lustig. Es ist das groteske Aufeinandertreffen von Sportlern und Patienten im Restaurant. Mir ist nicht klar, wer hier wen begafft. Wir überdrehte Läufer die Patienten mit ihren Gehhilfen, oder die Kriegsversehrten in Bademänteln, die unsere geilen Finisher-Shirts bestaunen? Der Hit ist aber die Symbiose aus beidem: Der Typ mit Krücken, der das Finishershirt von morgen trägt. Alle sind sie sehr therapiebedürftig!

Jedenfalls bin ich beeindruckt, dass neben den Thermalquellen so ne Art Schirmständer aufgestellt ist, wo man seine Gehhilfen auch deponieren kann. Ich bekomme handgeschriebene Zettelchen zugesteckt, leider keine Telefonnummern, sondern Termine. Lauftermine, als könnte ich mir nichts mehr merken.

“Der Salat ist beim Menü dabei!” Mir doch egal, ich will nur Fleischsoße, ohne Nudeln.  Die bekomme ich jedes Wochenende und Salat ist fürs Nilpferd, nicht für den Geparden!

Der Haslinger Hof sollte in den 70ern ein Schweinstall werden, aber die Stadt hatte das wegen potentieller Geruchsbelästigung nicht genehmigt, weswegen Peter Haslinger “Urlaub auf dem Bauernhof” kreierte. Nun nennt sich das ganze “Erlebnis-Hof” und lockt Patienten barrierefrei mit geschätzten 20 Tanzlokalen zum Schwofen.

Auch Maren findet sich (wie jedes Jahr) mit ihrer Frauencombo dort ein, zwecks Marktwertbestimmung, wie sie mir erzählt. Hier beim Haslinger verbergen Frauen mit Hochfrisur, in Kleidern aus Schwimmreifen in den Farben der Saison und Männer mit karierten Hemden und Cordhosen ihre Gehhilfen hinter der Theke. Den Schlüssel für den Wickelraum muss man sich allerdings an der Rezeption anholen.

Entweder mein Marktwert oder meine Redekunst ist nicht besonders, jedenfalls sind meine Versuche, unsere Sitzecke im Jägerstübchen ein bisschen zu mischen, nicht von Erfolg gekrönt. Ohnehin ist die Auswahl unter Kassenpatientinnen nicht besonders groß.

Gerüchteweise haben in dieser Nacht um 4 Uhr30 muskelbepackte Männer aus dem östlichen Mittelmeerraum den Laden zugeschlossen. Jedenfalls ist der Kaffee kalt, “wegen Umbaumaßnahmen” wie mir die tschechische Kellnerin beim Frühstück sagt. „Eigentlich wollten wir draußen im Zelt servieren”, aber der Neuschnee scheint Mitleid erregt zu haben.

 
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Glücklicherweise kann man sich in der Johannesbad-Therme lauffertig machen, sofern man einen Euro für den Kleiderspint und eine kleine Tasche hat. Aber auch das Kleiderbeutel-Abgabezelt ist beheizt, meine Riesentasche wird auch dort bewacht.

Dann stiefel ich los, schieße Fotos und….naja, ich denke, es ist der Startschuss zum Halbmarathon. Ist er ja auch, aber auch der für die Marathonläufer. Habe ich dann auch gemerkt.

 
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Eigentlich wäre der Marathonlauf jetzt nur Nebensache - nicht aber in Bad Füssing. Zwar langweile ich mich in der ersten Runde etwas, kann aber so meine Telefonate für die nächste Woche erledigen und kann noch mal die Story über die seinerzeitige „Zwick-Affäre“ rekapitulieren:

Den Johannes, den heutigen Chef vom Ganzen, hatte man inhaftiert, weil sein Vater, der Eduard, Steuerschulden hatte; das Finanzamt erkannte seine Auslandsverluste nicht an. Nun sollte der Sohn die 74 Millionen zahlen. Grund war eine spezielle Gesetzesauslegung des Finanzamtes: Man unterstellte dem Johannes Beihilfe und damit müsse er die Schuld seines Vaters übernehmen, also kam er hinter Gitter und der Vater konnte sich überlegen, ob er zahlen will, um seinen Sohn freizubekommen. Es gab dann ein verzwicktes Durcheinander, auch weil der Franz Josef dem Eduard was vom Haftbefehl gesteckt hatte. Dann gab es Rücktritte und viel Ärger.

Nebenbei schieße ich noch ein paar Fotos, und Walter erklärt mir, dass das Arrangement aus Jägermeister-Fläschchen schon gestern hier lag. Ich muss  nachdenken - demnach ist der schnellste Briefträger Deutschlands schon gestern die Runde gelaufen, während ich mich unter die Patienten gemischt hatte.

Und dann ist irgendwann die erste Runde beendet. Auf der zweiten Runde wird es dann einsam.

 
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Das Schild am Golfplatz lässt mich wieder grübeln: Lebensgefahr! Wenn Golfbälle fliegen, sollte man darauf achten, ob jemand “FORE!” ruft. Golfspielen ist ja schon sehr bekloppt, aber nun stelle ich mir vor, wie so einer in karierter, kurzer Hose mir einen Ball an die Birne donnert und dabei überlegt wie das Wort heißt, das er nun rufen soll. Ehe dem das einfällt, bin ich vielleicht schon tot.

Dem an der Verpflegungsstation brülle ich entgegen, dass es hier unheimlich stinkt.  “Wo stinkt es?” - “Bei euch!“ Der scheint nix mehr zu riechen, sagt dann aber doch, dies müsse der Schweinstall nebenan sein. „Das haben wir extra so gemacht, damit der Lauf härter wird!” Stimmt, wir befinden uns im Ortsteil Hart. Ich versuche ihm klar zu machen, dass dieser Geruch einen bitteren Geschmack hinterlässt. Da habe ich auch schon einen Becher mit natürlichem Bittergeschmack in der Hand. Das nenne ich Service.

 
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Eigentlich wartet jeder Verpflegungsposten auf den Pumuckl, der wegen der globalen Erwärmung auch mal in Bad Füssing barfuß laufen kann. Aber ich halte mich einige Kilometer vor Dietmar, damit wir uns verpflegungstechnisch nicht auf die blanken Füße treten.

Dann wieder das Schild am Golfplatz mit der Erklärung, bei welchem Tee man anfangen muss. Aber mit Tees habe ich keine Probleme, ich würde niemals beim ersten Tee anfangen, der Sahnelikör am nächsten VP bedingt keinen Platzverweis und  gute Musik gibt’s dazu.

Ganz angenehm ist es jetzt, dass keine Autos unsere flache Laufstrecke benutzen. Entweder die haben hier keine Autos, oder die sind alle beim Bums´n in Schärding.

Auf der Ziellinie, ich lasse mich gerade von Petra ziehen, steht so ein Patient am Streckenrand. Es ist Frank. Er brüllt mir entgegen: “Endlich bekomme ich ein Foto  mit dem Joe!” Ich sag, dass ich jetzt keine Zeit hab und laufe stur weiter. Da brüllt der  Kerl: “Du kannst dich gar nicht wehren, ich habe hier auf dich gewartet. Wir laufen zusammen über die Ziellinie, dann gibt es automatisch Fotos mit uns beiden!”

Und da steht dann auch unser Klaus. Da muss ich herzlich lachen. So kommt es zu dem Finisherbild mit Petra, Frank und mir.

Das Kuchenbuffet in der Zielverpflegung ist der Hammer und da meine Zielzeit nicht gepardenmäßig ist, greife ich herzhaft zu. Wirklich frisch und lecker.

Lecker ist es nicht, wie Gerhard, der alte Spartaner, sich ins Themalbecken platschen lässt und so einige Manatees und Seeminen vertreibt. Aber recht hat er. Wir alle sind Patienten, ob mit Startnummer oder ohne.

 

Informationen: Johannesbad Thermen-Marathon
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