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Laufberichte

Standard Chartered Nairobi Marathon

30.10.11

Mzungu auf dem Läuferolymp

 

+++ Deutscher glänzt bei Nairobi-Marathon +++ Versägt jede Menge Kenianer +++ Vermutlich Sportler des Jahres +++ Kenianische Ehren-Staatsbürgerschaft nicht ausgeschlossen +++

Jetzt dreht er völlig durch, mag der eine oder andere von Euch glauben, aber noch ist es nicht ganz so weit. Noch nicht. Was reitet mich, nach Kenia zum Marathonlaufen zu fliegen? Das bedarf einiger Erklärung (Ihr müsst Euch also bei Interesse heute noch etwas mehr Zeit als üblich nehmen) und hat weniger mit Marathon zu tun. Eigentlich aber doch.


Die Vorgeschichte


Vor drei Jahren fiel mir, der ich gerne und viel, insbesondere über unseren Sport, lese, ein Buch in die Hände: „Mein langer Lauf ins Licht“ über einen kenianischen Sportler, und zwar einen ganz besonderen. 1974 in Kikuyu/Kenia, geboren, erblindete Henry Wanyoike am 1. Mai 1995 über Nacht nach einem Schlaganfall und fiel in eine abgrundtiefe psychische Krise, die so tief war, daß er sich an die ersten Wochen nach der Erblindung noch heute nicht erinnern kann.

Doch er hatte Glück, Riesenglück, und kam in den zu dieser Zeit seltenen Genuß einer Rehabilitation inkl. Berufsausbildung zum Strickmeister. Henry Wanyoike gab sich nicht auf und ist inzwischen mehrfacher Weltrekordhalter und Paralympicssieger.

Nach der Reha wurde Henry bekannt, als er im Jahr 2000 erstmals bei den Paralympics in Sydney antrat. Blinde Läufer laufen stets mit einem sehenden Zugläufer und sind mit diesem durch ein Band verbunden. In Sydney konnte sein Zugläufer das Tempo Wanyoikes nicht mithalten und erlitt kurz vor dem Ziel einen Schwächeanfall, weil er ihm (er sah es als DIE Chance an, einmal im Leben aus Kenia herauszukommen) seine Malaria-Erkrankung verschwiegen hatte. Von den Zuschauern frenetisch unterstützt, zog Wanyoike seinen Zugläufer ins Ziel und gewann den Lauf trotz dieser Verzögerung.

Er ist aktueller Weltrekordhalter über 5000 Meter (gelaufen in Athen 2004 in einer Zeit von 15:11:07 min.), über 10.000 Meter (31:37:25 min., gelaufen ebenfalls in Athen 2004) sowie im Halbmarathon (gelaufen in Hongkong 2004 in einer Zeit von 1:10:26 h). Bis zum 17. September 2008 hielt Henry Wanyoike mit einer Zeit von 2:31:31 h (gelaufen in Hamburg 2005) auch die Weltbestzeit im Marathon.

Aber wie das so ist, kaum war das Buch gelesen, wanderte es in den Bücherschrank, wurde aber nicht vergessen. Im April 2009 meldete ich mich zum Marathon in Bonn an und bekam in der Vorwoche mit, daß Henry dort Halbmarathon laufen würde und darüber hinaus bei der Eröffnung der Marathonmesse Autogramme gäbe. Signierte Bücher finde ich klasse und daher war es keine Frage für mich, mit dem Buch unter dem Arm mittags auf der Messe zu erscheinen. In der Erwartung, dort einen Stand vorzufinden, suchte ich nach einem von einer Menschentraube umringten Kenianer. Davon jedoch keine Spur und auch Fragen bei einigen Ständen halfen nicht weiter. Keiner wußte etwas. Das war schade, half im Moment aber nicht weiter.

Den Zieleinlauf der ersten Halbmarathoner konnte ich vor meinem eigenen Start noch beobachten und hatte so das Glück, ihn und seinen Freund und Guide Joseph Kibunja live zu erleben und im Bild festzuhalten. Mein Laufbericht auf m4y wurde vom Autor des Buches (der ihn als guter Freund zugleich in Deutschland „managte“) gelesen und schon am nächsten Morgen empfing ich eine E-Mail vom Journalisten Bengt Pflughaupt. Er entschuldigte sich bei mir, seinem „Kollegen“, wegen des verpassten Treffens auf der Messe. Henry war nur von Stand zu Stand gezogen und so sind wir aneinander vorbeigelaufen. Hier begann ich zu verstehen, daß Henry im Vergleich zu sehenden Spitzenläufern ein im wahrsten Sinne des Wortes armer Kerl ist. Ein Blinder ist, selbst als mehrfacher Paralympicssieger und Weltrekordinhaber, nicht erfolgreich zu vermarkten.

Bengt teilte mir aber mit, daß Henry noch länger in Deutschland wäre und sich bei Interesse bestimmt irgendwann und -wo ein Treffen organisieren lasse. Um es abzukürzen: In einer Blutsturzaktion wurde ein Treffen in Waldbreitbach organisiert und knapp zwei Wochen später saßen neben Bengt ein leibhaftiger Paralympicssieger und mehrfacher Weltrekordhalter mit seinem Freund in meinem Wohnzimmer am Kaffeetisch. Ich sage es Euch, eine halbe Stunde genügte, mich diesem Mann verfallen zu lassen. So etwas von freundlich, aufgeschlossen, authentisch und herzlich hatte ich selten erlebt, und das von einem Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis.

Am Nachmittag stand ein kleiner gemeinsamer Lauf mit unserem Lauftreff an und am Abend hielt er einen hochinteressanten Vortrag, bei dem nicht er sich in den Mittelpunkt stellte, sondern die von ihm initiierten Projekte. Henry versucht nämlich, das Gute, das ihm widerfahren ist, an seine bedürftigen Landsleute zurück- bzw. weiterzugeben. An Blinde und Sehbehinderte durch Vermittlung und Finanzierung von Augenoperationen über Berufsausbildungen für Blinde, gemeinsam mit der Christoffel Blindenmission (CBM), bis hin zur Realisierung einer Kombination von Kindergarten und Schule für kleine Kinder aus seinem Slum, um denen ein Mindestmaß an Bildung und eine tägliche warme Mahlzeit zukommen lassen zu können. Der Abend erbrachte eine Spende von 300 €. Ich nenne die Summe zur Verdeutlichung: Dieses Geld, so konnten wir lernen, ist sehr viel für ihn und wurde beim gemeinsamen Abendessen mit Freude angenommen.

Weitere Informationen auf Henrys Internetseite (auch auf Deutsch!): www.henry4gold.com

Am nächsten Tag hatte ich das Glück, mit beiden alleine eine Stunde durchs Gelände und ordentlich hinauf zu unserem Malberg laufen zu können, ein prägendes Erlebnis für mich. Joseph führte ihn mit so traumwandlerischer Sicherheit durch die Pampas, nicht ein einziges Mal ist Henry über eine Wurzel oder einen Stein gestrauchelt. Wir versprachen, uns wiedersehen zu wollen und haben das in Deutschland inzwischen auch drei Mal getan. Mittlerweile hat nicht nur ein Paket den Weg dorthin (er wohnt 20 km von Nairobi entfernt) gefunden, sondern auch die eine oder andere finanzielle Unterstützung. Es gibt mir ein gutes Gefühl zu wissen, daß die Spenden in voller Höhe und ohne Abzug unmittelbar in konkrete Projekte gehen. Und das wollte ich mal mit eigenen Augen gesehen haben.

Weit zu reisen ohne an einem Laufwettbewerb teilzunehmen, geht natürlich gar nicht. Insofern hatte ich schon mal die internationalen Laufkalender durchforstet und für Kenia vier Treffer erzielt: Den Ende Juni in einem Wildschutzgebiet nördlich des Mount Kenya stattfindenden Lewa-Marathon, den Mombasa- und einen weiteren Marathon an der Küste, sowie den Nairobi-Marathon Ende Oktober. Henry lebt 20 km von Nairobi entfernt und ich verspürte zudem wenig Neigung, im Lewa-Park schneller als die hungrigen Löwen laufen zu müssen. So fiel die Wahl nicht schwer.

Was ist es doch herrlich, Freunde vor Ort zu haben! Beide nehmen sich nämlich eine Woche Zeit für mich, besitzen glücklicherweise Autos und Joseph steht als Fahrer (Linksverkehr!) zur Verfügung. Wir planen neben ausgiebigen Rundgängen in Henrys Wirkungsbereich, dem Kanjeru-Slum in Kikuyu, auch das Rift Valley in einer Privatsafari unsicher zu machen, den ebenfalls unweit von Nairobi in Ngong wohnenden neuen Marathon-Weltrekordler Patrick Makau zu besuchen und zum Abschluss werde ich den Marathon laufen.

Flüge buche ich über das Emirat Katar, Unterkunft in einem Motel unweit von Henrys Zuhause. Vorsichtige Erkundigungen bei Ortskundigen, u.a. beim Journalisten Jörg-Henning Meyer aus Kapstadt, der dort eine deutschen Online-Zeitung betreibt und ihn in Afrika „managt“, hatten, wie vermutet ergeben, daß beide gar keinen Platz gehabt hätten, mich unterzubringen. Außerdem will ich sie nicht rund um die Uhr beschäftigen, beide haben Familien, und auch Nutztiere zu versorgen. Am Sonntag fliege ich spätabends von Frankfurt (Gate 42, wie könnte es für einen Marathoner auch anders sein) mit Qatar Airways über Doha nach Nairobi, Direktflüge von Deutschland nach Kenia  gibt es nicht (mehr).

 
 

 

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