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Rezension: „Ich war Hitlers Trauzeuge“

26.11.21
Quelle: Dirk Liedtke

„Wir laufen für den Führer“ ist 1945 die Losung für den gleichnamigen von Leni Riefenstahl zu drehendem Film, der die Unternehmung 1 000 Kilometer Etappenlauf von Berchtesgaden nach Berlin dokumentieren soll. Die Ankunft in Berlin ist auf den 20. April gelegt. Der Sieger darf dem Führer persönlich zum Geburtstag gratulieren.

Da ich selber Ausdauerläufer bin, erwartete ich bei dieser Ankündigung ein Läuferbuch. Nur ein Läuferbuch ist „Ich war Hitlers Trauzeuge“ nur in entferntem Sinn.  Zwar gibt der Etappenlauf den zeitlichen Hauptrahmen für das Buch vor und auch die laufenden Protagonisten kommen nicht zu kurz, aber trainingsspezifische Maßnahmen und Voraussetzungen für so einen Extremlauf greifen kaum, eigentlich greifen sie gar nicht. Vielmehr ist das Läuferfeld ein aus Deserteuren und gescheiterten Deutschen zusammengewürfelter Haufen, der gar nicht für so einen Lauf trainiert hat, von einer Handvoll Vorzeige-Nazis mal abgesehen.

 

 

Aber wenn man das geschluckt hat, lässt man sich gern auf das schelmisch erzählte und facettenreiche Romangeschehen ein. Hauptfigur ist der 25 Jahre alte Jude Harry Freudenthal, der seiner Erschießung entgeht, weil er als hübscher Blonder Leni Riefenstahl gut ins Bild passt und mitlaufen soll. Auf den 570 Taschenbuchseiten erzählt uns Harry, der seinen Namen mehrfach ändern musste und beim Lauf Paul Renner heißt, in ständigen Rückblenden sein bewegtes Leben. Als Jude in Deutschland und Österreich vor den Nazihäschern auf der Flucht, entging er mehrfach und oft in letzter Sekunde dem Tod. Und irgendwann erschließt sich ihm sein Schicksal. Er ist dafür bestimmt, den Lauf zu gewinnen, um Adolf Hitler gegenüberzutreten.

Für mich zeichnet sich der Roman durch zwei Wesenheiten aus. Da ist zum einen der schelmische Witz, mit dem über die doch grauenhafte und schwere Zeit in Deutschland kurz vor Kriegsende erzählt wird. Das kann man wohl schwarzen und/oder süddeutsch/österreichischen Humor nennen. Zum anderen lässt uns der Autor sehr vielschichtig und detailliert in diese Zeit und in die Handlungsorte eintauchen. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine nacherlebbare Reise durch das dem Untergang geweihte Dritte Reich, in dem neben einigen historisch überlieferten Persönlichkeiten auch die Amerikaner ordentlich mitmischen.

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ ist für mich ein originelles Roadmovie. Der österreichische Autor Peter Keglevic ist als gelernter Buchhändler und erfolgreicher Regisseur ein Fachmann. Für diesen seinen ersten Roman hat er über 20 Jahre recherchiert. Seine Liebe zum Buch ist erkennbar. Sein flüssiger Erzählstil kommt sehr gut rüber und die doch recht komplexe Handlung erschließt sich schlüssig. Und Keglevic beherrscht eine geniale Ausdruckskunst, denn beim Lesen weiß man manchmal nicht, ob man jetzt lieber lachen oder doch besser weinen soll.     

 

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