Mehr als 35 Jahre Laufen und ich habe es in meiner Laufbahn nicht fertiggebracht, den Münster Marathon zu laufen. Dieses Jahr ergibt sich die Möglichkeit. Nur, einen Halben gibt es dort nicht und der 28 Kilometer-Lauf ist ausgebucht. Es steht dann nur noch der Marathon im Angebot. Also den vollen. Wobei mein letzter Marathon in Regensburg mehr als zwei Jahren zurückliegt und es mir dort am Ende hin gar nicht gut ging, will ich in Münster ein Comeback versuchen. Falls mein Plan scheitern sollte, könnte ich mich mit hoch erhobenen Haupt aus der Marathon-Community zurückziehen.
Lange Einheiten, das notwendige „Futter“ für die 42,195 Kilometer, gab es in den letzten beiden Jahren keine, lediglich ein paar Halbmarathons, die auch trotz Quälerei Spaß machten, gingen sich gut aus. Tangermünde, Görlitz, Fürth oder auch in Bad Füssing, davon konntet ihr hier etwas von mir lesen. Was die Kondition betrifft, ich bin immer wieder mit den Stecken als Walker unterwegs und im Sommerhalbjahr auch viel mit dem Bike. Aber diese Ausdauer, hilft die beim Marathon? Ich weiß es nicht, zumal sich auf meinem Äquator um die Leibesmitte etwa fünf Kilogramm träge Masse versammelt hat. Entsprechend Muffensausen entwickelt sich, je näher der Termin des Münster Marathon rückt.
Dann steht das Wochenende vor der Tür. Es geht mit der Bahn über Nacht nach Westfalen, und nach einem Kurztrip zum Uerdinger Stadtpark parkrun in Krefeld stehe ich am Hauptbahnhof in Münster, mit dem Koffer in der Hand und latsche in die Unterkunft gleich nebenan. Schön warm ist der Samstag und entsprechend viele Leute sind in der Innenstadt von Münster unterwegs und belagern die Cafés und Lokale. Bei meinem Weg zur Gesamtschule Münster-Mitte am Rand der Altstadt besichtige ich auch die touristischen Ziele. Schaut euch einfach die Bilder an oder noch besser, kommt zu einem Besuch in die westfälische Großstadt. Es lohnt sich.
An der Schule wartet eine kleine Läufermesse und die Startnummern. Trotz einer Rekordbeteiligung gibt es keine Wartezeiten, dann hast du deine Startnummer und einen Kleiderbeutel in der Hand. Eine Nudelparty steht nicht im Programm, da kann sich dann jeder nach seinem Gusto versorgen.
In der Nacht kann ich wegen meiner Nervosität kaum schlafen, trotz einem Einschlafbier (ohne Alk). Am nächsten Morgen hat es deutlich abgekühlt. Der Wetterfrosch sagt trockenen Beginn an, es soll dann gegen Mittag leichten Niederschlag geben. Doch als ich um 08.00 Uhr aus der Unterkunft gehe, sind die Straßen nass und es nieselt leicht vor sich hin. Temperaturmäßig ist es aber ein idealer Lauftag.
An der Gesamtschule läuft mir „Keule“ Klaus Neumann über den Weg. Fit schaut er aus, der Klaus, kein Wunder, hat er doch vor einiger Wochen, wie jedes Jahr, den Comrades Marathon über 90 Kilometer in Südafrika gefinisht. Er meint dazu ganz trocken: „Dafür muss ich trainieren und von dem Umfang kann ich noch einige Zeit danach zehren, daher laufe ich heute Marathon in Münster.“ Mir dagegen geht der Arsch auf Grundeis! Wieder im Freien, hat es nun etwas stärker zu regnen begonnen. Ich gebe den Kleiderrucksack durch ein Fenster ab. Klasse ist das gelöst, denn man vermeidet dann Läuferströme innerhalb des Gebäudes.
Danach mache ich mich auf den Weg zum Schlossplatz, vor mir der Pulk der zahlreichen Pacemaker. Die haben sich noch auf dem Schulhof versammelt und ich kann sie auf den Chip bannen. Ja, wer eine bestimmte Zeit laufen will, kann sich dahinterklemmen. Es werden Zeiten von 3.00 Stunden im Abstand von 15 Minuten bis 4.30 Stunden angeboten plus 5.00, 5.30 und 6.00 Stunden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich gleich bei einem der langsamsten Pacer einordnen soll. Und bin glücklich, dass ich dann den fröhlichen Franzosen Michel Descombes sehe, der wie so oft mit seiner Verkleidung neben Läufern auch die Zuschauer unterhalten wird. Sein Motto „Haltet durch“ will ich befolgen.
Kurz vor 09.00 Uhr stelle ich mich in das Startfeld, ziemlich weit hinten. Und dann geht es mit einer Verzögerung von etwa drei Minuten auch los. Übrigens kein Malus, denn die Zeiten werden für alle „netto“ gemessen. Ich starte meine App und dann geht es schon über die Startlinie auf dem Schlossplatz. Der Blick auf der Seite geht dann zu dem barocken Schloss aus dem 18. Jahrhundert. Heute wird das Bauwerk von der Universität Münster genutzt. Unzählige Zuschauer stehen an der Strecke und machen eine tolle Stimmung, mich kann das jetzt (noch) nicht in Wallung bringen und ich bin mir total unsicher. Wie wird es mit ergehen in zwei Stunden oder bei Kilometer 21?
Wir laufen nach Süden bis zum Aegiditor, dort biegen wir in die Innenstadt ab. Dann stehen Trommler am Rand, die mit ihren Sticks rhythmisch die verschiedenfarbigen Mülltonnen bearbeiten. So langsam berührt mich das nun schon. Am Aegidimarkt wartet wieder einer der zehn Power Points mit einem Bühnenprogramm. Entsprechend viele Zuschauer stehen trotz des nassen Wetters am Streckenrand. Kilometer zwei, wir kommen an der Überwasserkirche vorbei, auch Liebfrauenkirche genannt. Ein katholisches Gotteshaus mit Wurzeln zurück bis ins das 11. Jahrhundert. Ich sehe einen Pfarrer im Ornat am Rand der Strecke und ich lasse ihm ein bayerisches „Grüß Gott“ zukommen. Scheinbar etwas irritiert von meiner Grußformel erwidert der Gottesmann: „Einen guten Morgen und viel Erfolg“.
Kurz danach überqueren wir die Münstersche Aa und bekommen einen ersten Eindruck von der Promenade, dem früheren Befestigungsring um die Stadt. Heute ist der autofrei, für Spaziergänger und Radfahrer optimal, die Altstadt auf 4,5 Kilometer zu umrunden. Die Promenade ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, und sie ist von Linden gesäumt. Für mich ist aufgrund des wenigen Lichtes schwer, brauchbares Fotomaterial zu sammeln.
Kurz nach Kilometer 4 können wir uns schon an der ersten Getränkestelle mit Wasser erfrischen. Ab nun kommen alle 2,5 Kilometer im Wechsel Getränke- und Verpflegungsstellen. An den letzteren wird Iso, Wasser, Cola und Obst gereicht. Hungern und dursten braucht in Münster keiner. Mittlerweile sind wir im Kreuzviertel angekommen. Ich kann fast keinen Unterschied zur Innenstadt erkennen. Auch hier stehen viele Zuschauer am Rand und machen Mords Stimmung. Nur kurz dauert der Ausflug in das Kreuzviertel. Wir sind an der Aa zurück und laufen nun in den anderen Teil der Promenade in Richtung Ludgeriplatz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Gleich nebenan steht St. Ludgeri, eine der ältesten Sakralbauten in Münster.
Fast parallel zur Promenade geht es nun auf der Klosterstraße zurück bis zum Servatikirchplatz mit der Servatikirche, auch ein sehr altes Gotteshaus. Nach ein paar Kurven kann ich schon in Richtung Prinzipalmarkt gucken. Doch nicht rechts ab geht es, sondern wir werden nach links geleitet und erreichen dann schon den 10. Kilometer. Dort steht am Rand eine Uhr, die mir eine Laufzeit von 1.08 Stunden signalisiert. Die drei Minuten Verzögerung am Start abgezogen, würde netto eine 1.05 bedeuten. Ich bin nun etwas optimistischer geworden, obwohl das beim Marathon nur ein wenig mehr als „Warm-Up“ bedeutet.
Gleich danach wechseln die Staffeln, die dazu auf eine parallele Straße ausgeleitet werden und ich kann nur kurz vor der Trennung erkennen, wohin ich als Solist laufen muss. Erschrocken halte ich mich rechts und sehe dann im Fortgang auf dem Modersohnweg rechterhand den Aasee. Mittlerweile haben die Staffeln gewechselt und rollen das Feld von hinten auf. Ja keinen Fehler machen und sich bei denen hinten reinhängen, das ist der Rat der Stunde. „Es lebe der Zentralfriedhof“, wer kennt nicht das Lied von Wolfgang Ambros. Wie ich jetzt darauf komme? Nun, wir laufen gerade um den Münsteraner Zentralfriedhof.
Dann sehe ich zwei Pacerflaggen mit 4.45 Stunden und muss genau darauf schauen, ob das auch so stimmt. Ich hätte mich weiter hinten gesehen. Die Laufapp hat ihre Arbeit gar nicht aufgenommen und so renne ich (fast) zeitlos dahin. Wer ist das in regenbogenbunten Stutzen? Ex-Laufkollege Markus Pitz hat sich als Laufbegleitung zwei Mädels in Gestalt der beiden Pacerinnen ausgesucht. Wir sind erfreut, uns nach einigen Jahren wieder über den Weg zu laufen und tauschen uns für ein paar Minuten aus. Kurz nach der Verpflegungsstelle bei Kilometer 15 trennen sich wieder unsere Wege, Ich laufe langsam nach vorne.
Aus dem städtischen Bereich wird ein ländlicher: Gievenbeck gehört auch noch zur Stadt Münster, aber das aufgelockerte Wohngebiet rund um den dortigen Sportpark deutet schon darauf hin, dass wir nun viele Kilometer im Randbereich der Großstadt sammeln werden. Mittlerweile hat der Regen nachgelassen und hört später ganz auf. Zwei Straßenüberquerungen über die B54 und die A1 mit leichten Anstiegen kommen nun auf uns zu. Einige wechseln in den Gehrhythmus. Ich kann immer noch laufen.
Gleich danach folgt die Halbmarathonmarke, dort zeigt die offizielle Uhr 2.21 Stunden brutto. Ich habe noch einigermaßen lockere Beine. Selbst wenn ein Einbruch kommt und ich nicht mehr laufen kann, wäre es möglich, ins Ziel zu kommen, ohne die Sollzeit von sechs Stunden zu reißen. So meine Rechnung. Die Staffeln wechseln wieder und bringen etwas Unruhe ins Feld. Eine Sambaband treibt uns weiter, klasse. „We are lazy, you are crazy“ hält einer als Schild den Läufern entgegen. Die einen sind faul und die anderen verrückt! Viele Tafeln mit lustigen und kreativen Sprüchen werden den Läufern entgegengehalten.
Nienberge, ebenfalls ein Stadtteil zu Münster gehörend, wartet auf die Marathonis. Auch hier eine tolle Stimmung am Streckenrand. Eine kleine Gruppe wartet auf Abnehmer ihres Spezialgetränks. Ich lese „Spritz to go“! Naja, für ein Bierchen wäre ich eingekehrt. Von hinten höre ich ein Martinshorn aufheulen und mache meine Mitläufer aufmerksam, links zu laufen. Hoffentlich ist nichts Schlimmes geschehen, so mein Gedanke. Auch hier wieder ein Hot Spot mit Musik und Gardemädchen.
Kilometer 25. „Sind wir auf einer Baustelle oder warum sind hier so viele Maschinen“, steht auf einem Schild geschrieben. Ja, das ist schon richtig, denn die 42 Kilometer kann man nur gebetsmühlenartig absolvieren. Es geht über Land, nur einzelne Häuser, und ich frage mich, wo kommen immer wieder die zahlreichen Zuschauer her. Wie wäre die Stimmung erst, wenn es trocken und sonnig wäre?
Kilometer 29, wir laufen in den Stadtteil Roxel hinein. Tanzende Girls, Musik und viele Leute feuern uns an. Ich sage mal, alleine wegen der Stimmung braucht man nicht nach Berlin oder Hamburg fahren, das kann man auch in Münster haben.
Für die Sicherheit wird viel getan. Immer sperren Traktoren oder andere schwere Fahrzeuge potentielle Gefahrenbereiche ab. Ich fühle mich total sicher. Gleich danach Kilometer 30; 3.18 Stunden zeigt dort die Uhr ab. Ich habe nicht viel Tempo verloren. Klar, 30 Kilometer muss man erst einmal laufen. Und ich bin immer noch nicht geschlaucht. Andere gehen schon. Ich zähle die Kilometer rückwärts. Das hat mir immer geholfen, wenn es auf dem langen Kanten hinten raus schwer geworden ist.
Wir verlassen Roxel und es geht wieder über die A1, ich merke langsam die ansteigenden Wegstücke, kann aber alles noch laufen. Am folgenden Gefälle wechseln die Staffeln zum letzten Mal und ich sehe, dass unzählige Staffelmitglieder noch auf ihren Einsatz warten. Mittlerweile sind mehr Staffeln auf der Strecke unterwegs als Marathonis. Auch sind im Feld einige der 28 Kilometer-Läufer vertreten.
Kilometer 33: Zuerst grassiert der Laufvirus, dann hängen Finishershirts des MüMa an einer langen Leine über der Straße und eine Spinning-Gruppe tritt in die Pedale. Erfreut klatsche ich einige von denen ab. Von einer Gruppe, mit dem Motto „unser Herz schlägt für Euch“, erhalte ich dann ein rotes Herz als Aufkleber für die Startnummer.
Langsam wird das Laufen dann doch schwerer. Bei Kilometer 35, nun wieder in Gievenbeck, darf das schon weh tun. Ich nehme mir an der Station eine doppelte Ladung Iso und Cola als Energieschub. Und danach sorgt bei Kilometer 36 beim dortigen Power Point eine Musikband für Schwung. Dann sehe ich die bekannten Fahnen und lese Gesundheitslauf. Diese helfen bei dem Wettbewerb für das Finden des richtigen Tempos und begleiten die Jogger. Eine weitere Sambaband treibt uns an und ein paar Meter weiter höre ich eine Posaunengruppe aus einer Garage heraus musizieren.
Die letzten Kilometer brechen an, Stelzenläufer (zum wiederholten Mal) stehen am Rand und nach der letzten Tankstelle Kilometerschild 40. Diesen Streckenteil kennen wir, wir laufen zur Hälfte noch einmal um den Friedhof. Sinnigerweise heißt die Straße davor Himmelreichallee.
Highlight für mich ist Kilometer 41. Es nimmt die Lautstärke zu, Rauch, Qualm, Gänsehautfeeling. Jetzt weiß ich, ich kann noch Marathon. Der Kopf hat es in den letzten Jahren vergessen, aber die Laufmuskulatur und die Beine erinnern sich daran: Wir sind Marathon! Ein paar Meter Ruhe und tolle Sicht auf den Aasee. Die Adenauerstraße und die Aegidistraße führen uns nun in die pulsierende Innenstadt. Ein bayerisches Wirtshaus am Rand heißt Spatzl. Davor ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Sind die dort eingekehrt?
Ein Tor markiert den letzten Laufkilometer. Immer mehr Zuschauer am Streckenrand, ich sehe Absperrgitter, wir können es laufen lassen. Und dann geht es halbrechts auf den Prinzipalmarkt, der rote Teppich für den Zieleinlauf wartet auf die Finisher. Der wieder eingesetzte Regen stört nicht. Celebrate, It’s Party Time, lese ich und dann springe ich über die Zeitmatte. 4.43 Stunden sehe ich erst beim Betrachten des Bildmaterials später. Die Medaille gibt es heute auch von junggebliebenen Helfern.
Und dann kommt nach einigen Augenblicken HaWe Rehers ins Ziel, ebenso Markus Pitz und Klaus Neumann. Später sehe ich den Ergebnissen, dass ich mich mit 4.39 Stunden im Vergleich zu Regensburg 2024 um mehr als 15 Minuten verbessert hat. Wie sagt der Bayer? Glernt is glernt.
Mein Fazit:
Wenn du eine tolle Stadt inklusive belebter Stadtteile mit ganz viel Stimmung an der Strecke erleben willst, dann komm nach Münster. Sogar bei dem miesen Wetter heute ist das Engagement und die Begeisterung der Bevölkerung für den Marathon außergewöhnlich. Hut ab und danke an die unzähligen Helferinnen und Helfer, die unermüdlich gearbeitet und für Stimmung gesorgt haben. Wie mag die Stimmung sein, wenn die Sonne scheint? Ich bin entschlossen, das herauszufinden und komme ganz bestimmt wieder. Ich weiß ja jetzt: Ich kann noch Marathon!
Ergebnisse Marathon (3371 im Ziel):
Männer:
1. Dickson Kiptoo, KEN, 2.10.03
2. Dickson Kiprop, KEN, 2.10.46
3. Emanuel Giniki Gisamoda, TAN, 2.12.37
Frauen:
1. Agrie Belachew, ETH, 2.28.43
2. Cecilia Wayua Michael, KEN, 2.30.21
3. Azalech Masresha Woldeselasse, ETH, 2.31.09