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Laufberichte

Das gab’s noch nie

19.04.09
Autor: Klaus Duwe

So, aber jetzt zum Lauf

Die Reichsbrücke über die Donau und die Donauinsel vor den Hochhäusern der UNO-City ist eine imposante Kulisse für den Start. Ich habe meinen Platz ziemlich vorne gefunden und habe so einen schönen Blick  auf das riesige Starterfeld. 29.000 – aber leider halt nur gut 20 % echte Marathonis. Das Wetter ist genial: strahlender Sonnenschein und angenehme Frische. Genauso ist auch die Stimmung. Als dann die klassische Musik zuerst von Miguel Rios’ „Song of Joy“ und dann von der Österreichischen Nationalhymne abgelöst wird und es endlich los geht, herrscht eine grandiose Stimmung. 

Richtung Praterstern setzt sich das Feld in Bewegung, wo es nach ungefähr 2,5 Kilometern links auf die Hauptallee geht. Hier stehen die Menschen dicht gedrängt und feuern uns an. Leider ist hier eine Baustelle an der anderen und ich verzichte auf einen Versuch, das Riesenrad ohne Kran ablichten zu können. Dass das Wiener Wahrzeichen uns noch heute erhalten ist, verdanken wir dem Geldmangel, den die Regierenden auch 1916 schon beklagten. Damals sollte das 1896/97 errichtete 65 Meter hohe Riesenrad mit den 30 Gondeln nämlich abgerissen werden.

Wir sind im Prater, der seit 1766 für die Bevölkerung geöffnet ist. Das dichte Läuferfeld verteilt sich gleich auch auf die parallel verlaufenden Rad- und Wanderwege. Es ist nie zu eng, man findet schnell seinen Rhythmus. Die Bäume tragen stolz die leuchtend grünen frischen Blätter. Ich glaube, zu keiner Zeit ist hier so schön wie jetzt.

Nach ungefähr 5 Kilometer verlassen wir den schattigen Weg und kommen kurz darauf in die Schüttelstraße, wo uns viele Zuschauer, Musik und die Live-Reporter eines Radiosenders empfangen. An der Verpflegungsstelle feuern Trommler und Sambatänzerinnen die Marathonis an. Servus, noch zweimal beschert und die Streckenführung diesen Augen- und Ohrenschmaus. 

Links geht es über den  Donaukanal, dann am Schwedenplatz noch einmal links auf den Franz-Josefs-Kai. So erreichen wir den Stuben-Ring, das Wirtschaftsministerium und gleich den Schubertring (ca. km 11), wo wir mit Klassischer Musik (Schubert?) aus riesigen Lautsprechern empfangen werden. Nix wie weg. Gleich kommt die Wiener Staatsoper und viele Zuschauer. Schon besser.

Landsmann mit Problemen

Ein Landsmann, leicht zu erkennen am schwarz-rot-goldenen Hemd, humpelt am Streckenrand. „Probleme?“ „Ich fürchte ja. Ein Muskelriss“. „Kann ich helfen?“ „Nein, ich muss hier raus.“ Unweigerlich fällt mir mein erster Marathon hier in Wien ein. 2006 – heiß war’s, über 30 Grad. Bei km 12 ungefähr fährt mir ein Schmerz in die rechte Wade, dass ich brüllen könnte. Laufen? So nicht. Damals gab es noch eine Distanz von 14 oder 15 km, ich hätte also ins Ziel laufen können. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte auf dem Heldplatz als Marathoni, als Held, einlaufen. Ich quälte mich über die Strecke, kam aber ins Ziel. Drei Urkunden hängen bei mir an der Wand: von meinem ersten Marathon (Berlin), meinem schnellsten (Padua) und meinem schlimmsten (Wien 06).

Wir kommen so auf die Linke Wienzeile. Nur noch vereinzelt feuern uns ein paar Fans an, ansonsten ist es ruhig auf diesem Streckenabschnitt. Wir nähern uns einem optischen Höhepunkte der Strecke: Schloss Schönbrunn (km 16), Sommersitz von Kaiserin Maria Theresia. Man muss sich überlegen: 1.441 Räume, soviel hat das Schloss, für einen Sommersitz! Über 6 Millionen Menschen kommen jedes Jahr hier her, um sich den Prunk anzusehen.

Vorbei am Technischen Museum kommen wir auf die Mariahilfer Straße, eine der großen Wiener Einkaufsstraßen. Hier haben die Kauf- und Warenhäuser ihre Filialen, dazwischen sind viele Cafés und Restaurants. Eine weitere Einkaufstraße in Wien ist die Kärntner Straße, die vom Stephansplatz aus geht. Dort sind mehr die Nobel-Geschäfte und Juweliere zu finden.

Auf der Mariahilfer Straße erreichen wir den Westbahnhof, das Museums-Quartier und den  Burgring. Hier ist der Teufel los. Tausende Zuschauer stehen rechts und links der Straße und brüllen die ersten Marathonläufer ins Ziel, das rechts durch das Heldentor erreicht wird. Ich wage einen Blick auf die voll besetzten Tribünen und einen Moment überlege ich, jetzt ebenfalls ins Ziel zu spurten und dann erst meinen Marathon zu vollenden. Aber die Wiener verstehen keinen Spaß, den sie nicht selber machen -  hat mir mal jemand gesagt. Und so lass ich es bleiben.

Das Rookie-Rennen

Die Ersten sind im Ziel, das Rookie-Rennen ist entschieden. Nicht der Olympiasieger hat gewonnen, sondern Gilbert-Kipruto Kirwa (2:08:21). Und das ist gut so. Etwas respektvoller muss man an einen Marathon nämlich schon herangehen. Bescheuert wären die, die sich gewissenhaft vorbereiten, wenn es auch anders ginge.

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