Es soll Läuferinnen und Läufer geben, die gewisse Grundsätze haben und davon auch bei ihrem geliebten Hobby nicht abweichen. Von einem Marathonläufer habe ich mal gehört, dass er für die An- und Abreise zum Marathon nicht länger unterwegs sein möchte, als beim eigentlichen Lauf zwischen Startschuss und Ziel! Diesem Anspruch, den ich mir zum Glück nicht zu eigen gemacht habe, kann man bei der Teilnahme am Marathon in Sydney nicht gerecht werden.
Sechs Tage vor dem Marathon, d.h. am Montag, den 10.09.2012, flog ich mit der Reisegruppe abends um 22:00 Uhr von Frankfurt ab und wir erreichten nach ca. 21 h Flugzeit, 8 h Zeitverschiebung und einem Zwischenstopp von 3 h in Singapur, bei dem ich mit meinem Zimmerkollegen Paul aus Berlin ein erstes Bier trank, am Mittwochmorgen gegen 06:00 Uhr Sydney. Etwas gerädert von der langen Anreise ging es zunächst ins Hotel. Nach einer Dusche und einem ausgiebigen Frühstück begann direkt das touristische Programm mit einer Stadtrundfahrt durch den Austragungsort der Olympischen Spiele von 2000. Mit der Zeitverschiebung hatte ich zum Glück keine Probleme und nach drei Tagen Laufpause, die ich mir seit der schnellen Runde in Münster gegönnt hatte, absolvierte ich am Donnerstag und Samstag jeweils eine kurze morgendliche Laufrunde. Die Beine waren zwar noch ein wenig steif und ein runder Lauf sieht sicherlich anders aus, aber der am Sonntag anstehende Marathon als lockerer Lauf mit vielen Fotostopps sollte problemlos in einer Zeit um 4:00 h drin sein!
Der Start des Marathons war am Sonntagmorgen um 07:30 Uhr vorgesehen, so dass wir recht früh aufbrechen mussten. Unter den Teilnehmern der Reisegruppe herrschte eine lockere und gelöste Atmosphäre, denn offensichtlich wollte auch von ihnen hier niemand auf Teufel komm raus besonders schnell laufen. Im Schatten unter der Brücke war es mit Temperaturen um 12°C noch recht frisch, aber es versprach ein sonniger und hoffentlich nicht zu warmer Frühlingstag zu werden. Um mir unter der australischen Sonne nicht das Fell zu verbrennen, cremte ich mich noch einmal sorgfältig ein und gab dann gegen 07:00 Uhr meinen Rucksack an dem bereitgestellten LKW ab.
Anschließend ging ich mit den Kollegen ganz in Ruhe in den ersten der drei Startblöcke, für den wir mit unseren Zielzeiten lt. Anmeldung zugeordnet waren. Auch hier gab es bis kurz vor dem Start kein nervöses Gedränge, sondern eine erfreulich lockere Stimmung, so dass wir bis nach vorn durchgehen konnten. Hier in der Sonne war es deutlich angenehmer als im kühlen Schatten unter der Brücke. Wir flachsten noch ein bisschen herum, denn im Elitebereich direkt vor uns war nur eine Handvoll Läufer, so dass wir kurz überlegten, unter dem Trassierband hindurch ganz nach vorn zu gehen. Aber diesen Gedanken haben wir dann doch nicht in die Tat umgesetzt. War auch nicht nötig, denn kurz vor dem Start wurde die Trennung zum Elitebereich aufgehoben. Wir gingen langsam nach vorn, wünschten uns für den Lauf alles Gute, und pünktlich um 07:30 Uhr erfolgte nach dem auch in Sydney üblichen Count Down der Startschuss. Peng! Nur 7 sec. später hatte ich die Startlinie überquert und war unterwegs, der Marathon auf dem bisher noch fehlenden Kontinent hatte begonnen. Es waren nur noch 42,195 km zu laufen, um mir meinen lang gehegten Wunsch zu erfüllen.
Direkt nach dem Start führte die Strecke zunächst ein kurzes Stück stadtauswärts in Richtung Norden, aber nach knapp einem km bogen wir auf den Pacific Highway ein, und es folgte das erste Highlight des Tages. Auf der leicht ansteigenden Straße liefen wir zwischen den beiden nördlichen Brückentürmen hindurch auf die komplett abgesperrte Harbour Bridge. Links unten war das Opernhaus in der Morgensonne zu sehen und direkt über uns bot die mächtige Stahlkonstruktion der Brückenbögen eine eindrucksvolle Kulisse für den Lauf. Die Brücke, die wegen der markanten Bogenform im Volksmund nur “coat hanger“ (Kleiderbügel) genannt wird, wurde nach 8 Jahren Bauzeit im Jahre 1932 als Verbindung zwischen den nördlichen und südlichen Stadtteilen von Sydney eröffnet und weist eine Besonderheit auf: Die mächtigen Brückentürme haben keinerlei statische Funktion, sie wurden nur aus optischen Gründen gebaut und prägen so das Erscheinungsbild der Harbour Bridge, die mit dem markanten Opernhaus nebenan als Wahrzeichen von Sydney weltweit bekannt ist.
Während es auf der Auffahrt zum Highway noch ein wenig eng war, zog sich das Läuferfeld nun über die volle Breite der sechs abgesperrten Fahrspuren auseinander. Jetzt war ausreichend Platz zum Laufen, aber ich fand in diesem ersten von zahlreichen folgenden leichten Anstiegen der insgesamt welligen und winkeligen Laufstrecke noch keinen vernünftigen Laufrhythmus. Mit einem Tempo um 5:00 min/km war ich auch noch ein bisschen zu schnell unterwegs, aber was soll’s. Da ich immer wieder kurz zum fotografieren anhalten wollte, sollte sich das Tempo schon einpendeln. Auf der südlichen Seite des Port Jackson ging es ein kurzes Stück stadteinwärts, und bei km 3,5 erreichten wir den ersten der zahlreichen Wendepunkte der Laufstrecke. Es ging links ab, über eine Brücke über den Pacific Highway und dann nach einem kurzen Stück Richtung Harbour Bridge wieder in einer scharfen Kehre und dann in einem Bogen unter dem Pacific Highway hindurch. Auf der anderen Seite wieder hinauf auf die Hochstraße, südlich am Circular Quay und der Halbinsel mit dem Opernhaus vorbei. Nach ca. 5 km bog die Laufstrecke wieder nach rechts ab. Es ging am Rand des Botanischen Gartens bzw. dem angrenzenden Park entlang und es folgte die erste Verpflegungsstation der Laufstrecke.
Wenn man wie ich im Osnabrücker Land lebt, liegt Sydney ja bekanntlich nicht gerade um die Ecke. Vor knapp 5 Jahren hatte ich meine ersten Marathonerlebnisse in Hamburg und in Istanbul und war ich mit dem Marathonvirus infiziert. Als Mittvierziger hatte ich ein Niveau um 4:00 h erreicht und stellte mir die Frage, wie es nun weitergehen bzw. –laufen sollte. Sicher strebte bzw. strebe ich noch immer eine Verbesserung der erreichten Zeit an, aber als Zielsetzung reichte mir das nicht aus! Nein, neben dem naheliegenden Ziel: „höher, schneller, weiter!“ sollte es schon etwas Besonderes sein, bei dem ich auch meine Ehefrau Sylvie einbeziehen könnte. So entstand der Wunsch, bis zu meinem 50. Geburtstag auf jedem Kontinent einen Marathon zu laufen.
Gesagt getan! Auf dem Weg zur Erfüllung dieses großen Wunsches lief ich Marathons in Kapstadt, Boston, Buenos Aires und im Herbst letzten Jahres auch in Beijing, jeweils eingebettet in einen nicht alltäglichen Urlaub mit meiner Frau bzw. mit der ganzen Familie. Jetzt fehlte nur noch ein Marathon in Down Under.
Km 6, die nächste Schleife folgte. Am nördlichen Ende des Hydeparks führte die Laufstrecke vor der St. Marys Cathedral links ab und auf der Ostseite des Botanischen Gartens ging es hinaus auf die Halbinsel zum Macquaries Chair. An diesem Aussichtspunkt an der Nordspitze der Halbinsel, die den alten Hafen einschließt, hat sich Elizabeth Macquarie, die an Heimweh leidende Ehefrau des von 1810 – 1821 amtierenden und als Begründer von Australien geltenden Gouverneurs Lochlan Macquarie, täglich stundenlang aufgehalten, um die nach England auslaufen Schiffe zumindest gedanklich zu begleiten. Ohne solche Gedanken an die ferne Heimat war ich inzwischen auch wieder mit einem runden Laufschritt unterwegs, als es von der Landzunge zurück in Richtung Hydepark ging. In diesem Bereich bei km 8,5 kamen uns auf ca. 500 m Länge die hinauslaufenden Läuferinnen und Läufer entgegen. In einer der Gruppen entdeckte ich auch meinen Zimmerkollegen Paul Roedel, der entgegen seinen Befürchtungen noch nicht bis zum Besenwagen nach hinten durchgefallen, sondern immer noch flott laufend unterwegs war. Ich hielt kurz an, um ein Foto zu machen und ihm eine Aufmunterung zuzurufen!