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Laufberichte

Stadtfest in St. Wendel

01.05.11
Autor: Klaus Duwe

Ich knipse das 22KM-Schild - Mensch bin ich gut drauf! Die Coverband in der Werkstraße ist bei „R“ und den Rolling Stones (Jumping Jack Flash)  und hat das Alphabet bald durch. Nach der ersten Wende ist die Hektik raus, dafür haben die 3-Stunden-Marathonis jetzt etwas Mühe, im Rhythmus zu bleiben. Ich merke schon, es allen recht zu machen, wird auch heute wieder nicht gelingen. Ausgangs der Werkstraße an der ersten Getränkestelle dann das Übliche: Gestresstes Personal und knappes Angebot am ersten Tisch, entspannte Leute und große Auswahl am letzten. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das gleich bei meiner ersten Teilnahme kapiert.

Entspannt und mit leichtem Gefälle geht es parallel zur Bahnlinie nun die Mommstraße südwärts. Nach zwei Kreiseln sind wir auf der B 41. Die sonst viel befahrene Straße aus Richtung Neunkirchen und alle Zugänge sind bereits seit 6 Uhr komplett gesperrt. Riesige, beidseitig zugängliche Verpflegungsstellen mussten aufgebaut und bestückt werden, die Bands ihre Anlagen aufbauen und verkabeln usw. Unermüdlich spielen sie ihr Repertoire, am liebsten Oldies aus den 60/70ern. Die sind auch mir die liebsten und so ist die Freude ganz auf meiner Seite. Fast schnurgerade zieht sich die Straße hin, die  Bahntrasse ist versteckt hinter üppigem Grün. Ab und zu schaut man auf ein beschauliches Dorf, deren Anwohner es sich auf einer der Brücken oder am Straßenrand bequem machen. Manche nutzen mit Kind und Kegel die autofreie Straße zu einem Spaziergang. Am meisten Leute sind im Saarland immer dort, wo es zu Essen und zu Trinken gibt. „Hauptsach gudd gess“, heißt es dann.

Apropos: Die Verpflegung ist hervorragend. Wasser gibt’s für innen und außen, außerdem Iso und Cola, Äpfel, Bananen und Melonen. Nach mehr hab ich nicht geschaut. Präsentiert werden Speis und Trank von gutgelaunten Helferinnen und Helfern, die sich wohl sagen: „Hauptsach dabei gewen.“

 „Wenn Du noch einmal überholst, kriege ich ´ne Depression,“ fürchtet ein Läufer. Stimmt, manchen Läufer überhole ich wegen meiner Fotostopps alle 10 Minuten. Dann kommt die Wende. Das ganze zurück. Zwei Mädels fallen mir auf. Sie laufen absolut synchron, als ob sie das geübt haben. „Jeder macht halt das, was er gut kann. Wir machen das. Halbmarathon laufen können wir nicht so gut“, bekomme ich auf Anfrage mitgeteilt. Tiefstaplerinnen? Sieht doch ganz locker aus. Eine Stunde später die zweite Begegnung. Sie, Kilometer zurück, zwar immer noch zusammen, aber nicht mehr im Gleichschritt und auch nicht mehr am Laufen. Nur noch müde am Gehen.

Verlässt man die B 41 wieder und läuft Richtung Stadtmitte, wird man daran erinnert, dass man als wahrheitsliebender Chronist ein weiteres Detail nicht verschweigen darf: die Strecke ist nicht nur flach. Schwäche zeigen kann ich mir nicht erlauben. Die Mädels am Kreisel schreien sich die Seele aus dem Leib, halten aber krampfhaft ihr Karlsberg fest. Oben, auf dem sogenannten „Feldherrnhügel“ sieht man die Globus-Zentrale. Lange ist es her, da habe ich mir dort oben in harten Verkaufs- und Jahresgesprächen die Hemden durchgeschwitzt.

Nächster Anstieg Mommstraße, dann AC/DC, Bahnhof, Cheerleader, Gekreische und der Musikbrei von zwei, drei Bands gleichzeitig. 200 Meter noch ins Ziel für die Läufer, die mir entgegenkommen. Nein, ich bin nicht neidisch. Ich habe noch 7 Kilometer, kein Problem. Scharfe Rechtskurve, dann leicht abwärts.

„Gut gemacht, Du hast nur noch 850 Meter. Was ist das schon? Denke daran, was Du schon gelaufen bist!“  Ein Sprecher ermutigt die Entgegenkommenden. Die Marathonis unter ihnen werden um die 3:15 laufen. 30 Minuten länger brauchen die, die mich jetzt überholen. Gerhard Wally ist darunter, der Wiener Sammler mit jetzt fast 400 Marathons. „Zweimal habe ich Dein Buch gekauft“, sagt er mir. „Aber da ist nicht ein Österreichischer drin!“ Stimmt, aber hat er das nicht gleich beim ersten Kauf gemerkt?

Eine kleines Gewerbegebiet, etwas Grün, dann sind wir in Urweiler, Siedlungshäuser aus der Nachkriegszeit, nachgerüstet und aufgepeppt mit Garage und Balkon. Man trifft sich im Garten des Nachbarn, trinkt einen, wartet bis der Schwenkbraten durch ist oder hat das Grillmenü schon hinter sich. 12.40 Uhr – manche Gesellschaft ist auch schon müde und muss neu aktiviert werden. Das klappt ganz gut, manchmal genügt ein Wort: „Prost!“ Schon wird es laut und Du bist eingeladen.

Musikalisch lässt der Marathon hier nicht nach. Es ist alles geboten. Ein Solist improvisiert spontan und singt mir sogar ein ganz persönliches Läuferlied, während auf der Gegenbahn jetzt langsam die Marathonis auftauchen, die so meiner Leistungsklasse entsprechen. Letzter Anstieg, die Aufmunterung des Sprechers gilt jetzt mir. Fetzige Rockmusik, wieder die Cheerleader, Gekreische, dann links hinunter. Aufpassen, dass ich nicht abhebe. Die Leute sind verrückt. Und das geht so bis zum Schluss. Ich kriege mit, dass die Glocken der Evangelischen Kirche geläutet werden, als deren Staffel ins Ziel läuft. Die Sonntagsmesse dauerte genau 42 Minuten. Habt Ihr sowas schon mal erlebt?

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Informationen: St. Wendel Marathon
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