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22.04.12


Nur eine Saisonehe


Weißes Federkleid und schwarze Schwungfedern, die Beine und der Schnabel feuerrot. Das Storchenpaar hat sich lange nicht mehr gesehen und fällt übereinander her und lässt sich auch von uns nicht stören. Obwohl sie ein Leben lang zusammen bleiben, führen sie nur eine „Saisonehe“. Im Herbst fliegt jeder wieder seines Weges und im nächsten Frühjahr treffen sie sich wieder hier auf dem gleichen Strommast in ihrem Horst.

In Lübbenau erreichen wir das Zentrum des Spreewalds. Die große Stadt ist auch eine Stadt der Gurken und mit einer über 100 jährigen Tradition. Auch wenn 1812 (KM 18) Napoleons Truppen Standquartier nahmen, paddeln wir weiter. Vom Wasser aus sieht die Spreewaldstadt ganz anders aus und wir erleben die Anziehungskraft dieser Gegend von der 45 Jahre später schon Fontane schwärmte: „und dass dem Netze dieser Spreekanäle nichts vom Zauber von Venedig fehle, durchfurcht das endlos wirre Flussrevier in seinem Boot der Spreewald-Gondolier“.


Paddeln auf Leistungsniveau


Paddeln auf Leistungsniveau sieht anders aus und fühlt sich ganz klar auch anders an. Da fällt mir die 27-malige Weltmeisterin und Rekord-Kanutin Birgit Fischer ein. Die Brandenburgerin nahm insgesamt an sechs Olympischen Spielen teil und gewann insgesamt zwölf olympische Medaillen, davon achtmal Gold. Dies brachte ihr einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde ein. Mit 50 Jahren wollte sie ein Comeback bei Olympia starten. „Muss das sein, 32 Jahre nach ihrem ersten und acht Jahre nach ihrem letzten von acht Olympiasiegen? Kann sie ihr Alter nicht akzeptieren?“ fragten die Kritiker. Ich kann an dieser Idee nichts Verwerfliches finden, im Gegenteil, beweist es doch, dass man mit 50 nicht zum „alten Eisen“ gehört. Dann die schockierende Nachricht: Ein Arzt hat ihr das Paddeln im Wettkampftempo verboten.

Auch bei mir wurden bei einer Routineuntersuchung vor zwei Jahren Herzrhythmusstörungen diagnostiziert. Sofortiges und komplettes Sportverbot war die Diagnose. Es folgten unzählige Belastungs- und ein Langzeit-EKGs und dann die unvermeidbare Operation. Da die Zahl der „reiferen (Leistungs-) Sportler“ stetig steigt, beschäftigen sich mittlerweile zum Glück immer mehr Ärzte mit diesem Thema. Mir geht es heute wieder besser, denn bei mir wurde keine bedrohliche Form der Herzrhythmusstörungen festgestellt. Dennoch ist körperliches Ausdauertraining die beste Vorbeugungsmaßnahme gegen Erkrankungen. Und die Seele hat ja schließlich auch ein Wörtchen mitzureden.


Kilometer 21


Ein beinahe Zusammenstoß mit einem traditionellen Spreewaldkahn lässt mich wieder aufs Paddeln konzentrieren. Holen wir uns die erste Medaille des Wochenendes bei diesen Spielen. Jetzt ist uns  Silber schon mal sicher, aber wir wollen mehr. Wir wollen Gold und das bedeutet nochmal 21 Kilometer. Pause? Mittagessen? Kaffeevesper? Unmöglich! Etwa 4 Stunden gepaddelt. Hervorragend für die Stärkung der Oberarme. Ich spüre bereits den Muskelaufbau.

Fährmänner starken die Gäste durch die Spreewaldfließe mittels einer langen Holzstange. Der Spreewaldkahn mit seinen blütenweiß gedeckten Tischen wird von so manchen auch als „Fleischdampfer“ bezeichnet. Schon wieder müssen wir warten. Spreewaldkähne haben immer Vorfahrt, auch an Schleusenanlagen.  In der Ausschreibung konnte man nachlesen: „Die Strecken können auch auf mehrere Tage verteilt werden man muss nur Kontrollstempel sammeln, dies kann man bereits ab Ostern tun!“ Nun weiß ich, auch warum. Habe ich vielleicht ein größeres Stück abgebissen, als ich kauen kann?

Der perfekte Seitensprung bedarf einwandfreier Planung und eines wenig zimperlichen Gewissens. Vor allem sollte man seine Emotionen im Griff haben. Ich beiße mir auf die Zunge, fast wäre mir ein Beziehungskillerwort herausgerutscht – ich muss mich zusammenreisen, schließlich sitzen wir im selben Boot.

Mittlerweile sind meine körperlichen und emotionalen Reserven auf dem Tiefpunkt. Ich bin verwundbar und dann ist da noch die traurige Tatsache, dass es auf fast jedem Kilometer ein Café mit Anlagestelle gibt. Kurz vor dem physischen Zusammenbruch fokussiert das Kleinhirn tatsächlich nur noch zwei Themen: Kaffee und Kuchen. Sonstige Ansprüche werden ausgeblendet.

Ein Angler am Ufer hat auch nur kleine Ansprüche und erinnert mich an die Sage vom Fischmann. Er sitzt am Ufer und versucht, Kinder mit einer Keule zu erschlagen, diese sollten also Abstand halten. Neugierige Menschen, die nach seinen Seerosen greifen, versucht er hinunter in sein Reich zu ziehen. Dieser Wassermann kann Fluten und Stürme heraufbeschwören und die Feuchtwiesen des Spreewalds überschwemmen. Dann werden die Körper der Ertrunkenen von den langsam fließenden Gewässern schnell von Schlamm überzogen, sodass sie oft nie wieder gefunden werden. Man erzählt sich aber auch, dass der Wassermann sie verschlingt und ihre Seelen unter Tontöpfen gefangen hält. Es wird Zeit ins Ziel zu kommen bevor ich auch noch phantasiere.


„Panta rhei – Alles fließt“


Wusste auch schon Heraklit, der griechische Philosoph. Hier fliesst gerade nichts mehr, höchstens meine Tränen, denn nun auf den letzten Kilometern kommt zu der Kälte auch noch die Gegenströmung. Die Stimmung an Bord ist düster. Der Himmel ist es auch, fast schwarz. Auf dem spiegelglatten Wasser bilden sich Kringel. Immer mehr. Nein, es sind nicht die Luftblasen vom Hecht, Karpfen, Wels oder Zander. Es beginnt zu regnen. Romantisch? Irgendwie schon. Die Landschaft ist schön, aber es ist kein Licht mehr für gute Bilder.

Bei Kilometer 38 passieren wir das Scheidungsfließ. Zufall?  „Eine Bootsfahrt, die ist lustig, eine Bootsfahrt die ist schön…“ Jedoch nicht mehr nach über acht Stunden. Was wir hier aus „Spaß“ betreiben, war früher Alltag. Die Bauern nutzten den Kahn, um ihre Wiesen und Felder im Spreewald zu bewirtschaften, die nur über den Wasserweg zu erreichen waren. Auf ihren Kähnen haben sie fast alles befördert: die Ernte, Tiere und Baumaterialien und Särge. Bei niedrigen Wasserständen wurde der Kahn auch schon mal gezogen.


9 Stunden und 13 Schleusen


Nach 9 Stunden und 13 Schleusen ist unsere Jubiläums-Kahnfahrtidylle beendet und wir haben echtes „Spreewaldgefühl“ in grüner Unendlichkeit erlebt. Noch völlig schwankend steige ich frierend und mit Schwielen an den Händen aus dem Kanu. Wir erhalten die Gurkengoldmedaille. Andere Paddler schauen ungläubig. „Was mit dem Kanu seit ihr 44 Kilometer gepaddelt?“ Völlig verrückt. „Ach so, ihr seid Marathonläufer, na dann“. Dass wir uns um zwei Kilometer irgendwo verpaddelt haben,  verschweigen wir. Die erste knackige Spezialität in Form der gusseisernen Gurke ist hart verdient.


SAMSTAG: 110 Kilometer Rennrad


Leid und Plünderung verwandelte Lübben zwischen 1642 und 1644 in eine unbewohnbare Stadt. Den Bewohnern blieb nichts anderes übrig, als sich in die Unweiten des Spreewaldes zu flüchten, denn dort hinein wagten sich die fremden Söldner und Truppen nicht. Und wir seit gestern auch nicht mehr.

 

Gut, dass wir heute nach einer kurzen und schmerzvollen Nacht im Startbereich einer Radtourenfahrt, einer sogenannten RTF, stehen. Mit uns hunderte geölte Beinpaare. Rennräder rot-silbern, schwarz-weiß, mit Gelsattel oder aus Karbon, manche mit einem eigenartigem Design, wie plötzlich hergezaubert oder wie die Vorboten einer Invasion von einem anderen Stern. Pedalritter mit Karbon-Rössern, die plötzlich von überall auftauchen und wir mittendrin. Trainingsfaul aber voller Selbstbewusstsein sind wir in dieses Wochenende gestartet.
Herzlichen Glückwunsch zu so viel Dummheit!

Rennradfahren ohne vorheriges Training war so nicht geplant. 200 Kilometer sind für uns momentan zu lang,  20 Kilometer zu kurz, 110 Kilometer hoffentlich ideal. Jetzt wird sich zeigen, ob wir die Muskeln über einen derart langen Zeitraum konservieren konnten. Unsere letzte Radausfahrt war 2010 beim Frankfurt IRONMAN. Wir hatten einfach keine Verlangen mehr aufs Radeln und so verschwanden die Räder in der Garage und werden heute erstmals wieder in Dienst genommen. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.

Durch das stundenlange Paddeln hat Kay Oberarme wie Popeye und ich Oberarme wie Madonna: Knallhart, durchtrainiert, sehnig. Den Muskelkater versuchen wir zu ignorieren. Die Blasen an den Fingern und Händen kann ich nicht ignorieren.

4222 Sportler und Räder im Überfluss - die reinste Fahrradrevolution. Schon in den vergangenen Jahren waren die angebotenen Radtouren ein voller Erfolg.  Kein Wunder, nicht nur 1000 Kilometer weite Fließe erstrecken sich hier, sondern auch 1000 Kilometer ausgebaute Radwege. Der Startschuss fällt und wir stehen noch an der Startnummernausgabe. Die Sonne hat doch viele Kurzentschlossene zur Schlossinsel getrieben.

 
 

Informationen: Spreewald Marathon
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